
Ich bin ja – man merkt’s vielleicht – China-Fan. Aber es gibt, Überraschung, auch in China Unternehmer, von denen ich mittlerweile der Meinung bin, sie haben nicht mehr alle Stäbchen in der Schublade.
Vor einer Woche kam bei PetaPixel ein Interview mit Herrn Liu raus, dem CEO von Insta360. Kurzfassung: Herr Liu ist der Meinung, dass die Zukunft der Kamera die Kamera ist, die von alleine knipst und filmt. Wie kommt er drauf? Er hat auf einem Konzert gefilmt und hat festgestellt, dass er nicht gleichzeitig filmen/knipsen und das Konzert genießen kann. (Jeder Profi kennt das. Wie war das Konzert? Keine Ahnung, ich hab es noch nicht geschnitten.) Aber anstatt dass er dann halt einfach die Knipse stecken lässt – wäre wohl zu einfach – sagt er seinen Leuten, sie sollen eine Kamera bauen, die von alleine erkennt, wann sie mit welchen Einstellungen filmen oder fotografieren soll.
Die Idee kann nur im Hirn von jemand entstehen, der seine eigenen Werbesprüche von „filme jetzt, wähle den Ausschnitt später“ glaubt. Aber auch die Chinesen sind wohl nicht immun gegen richtig bescheuerte Ideen, bodenlose Arroganz und komplette Unfähigkeit auf Führungsebene.
Wenn Herr Liu tatsächlich mal eine echte Kamera in die Hand genommen und ernsthaft fotografiert hätte, dann wären ihm die Konzepte von Perspektive, Licht, Brennweite und Schärfentiefe bekannt. Und dann wäre ihm aufgefallen, dass man sich zwar so einen Helm aufsetzen kann, auf dem dann ne Art Osmo Pocket draufmontiert ist, die dann selbstständig loslegt, aber die filmt halt von dort. Die wechselt nicht die Perspektive, die sucht nicht nach besserem Licht, die hat kein 200mm-Objektiv dran, dass man ein Closeup mit unscharfem Hintergrund machen kann, Klar, man kann einen 500MP-Sensor verwenden und die KI croppt dann. Und den Hintergrund rechnen wir unscharf. Aber will irgendwer mit so einem Ding auf dem Schädel rumlaufen? Oder a la Google Glasses? Sony hat Kontaktlinsen mit Aufnahmefunktion und Zweifach-Zoom. Sowas vielleicht?
Man soll die Kamera nicht mehr wahrnehmen. Das ist die Vision von Herrn Liu. Die soll alles alleine machen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand einen Gegenüber haben will, der ein kleines Auge irgendwo montiert hat, das selbstständig entscheidet was gefilmt oder fotografiert wird.
Sollte Insta tatsächlich, wie der CEO sagt, auf so ein Gerät hinarbeiten, dann kann man drauf warten, dass der Laden zumacht. Und selbst wenn irgendwer den Kram kauft und nicht sofort aus jeder Location wieder rausgeworfen wird, dann wird das Wunder der phantastischen Bilder, die die KI ganz alleine knipst, sehr schnell entzaubert werden.
Hmmm. Das wäre doch eine Weiterentwicklung vom Original aus dem Jahr 1888 und das war erfolgreich: https://en.wikipedia.org/wiki/You_Press_the_Button,_We_Do_the_Rest
unterschätze nie die Phantasie der Menschen. Wenn so etwas auf den Markt gebracht wird, läuft’s im Verkauf wie geschnitten Brot.
Ich tue mich schwer, für den Erfolg eines solchen Produkts eine verlässliche Prognose abzugeben. Klar, rs ist nichts für Menschen, die sich selbst mit dem Gotografieren/Filmen beschäftigen wollen. Ich glaube auch nicht, dass sich so ein Produkt im Europäischen Raum verkaufen lässt und zwar sowohl wegen der dafür nicht vorhandenen Nachfrage als auch wegen der Rechtslage.
Im einem anderen großen Markt hingegen mag das ganz anders sein. Dort sind Kameras im öffentlichen Raum allgegenwärtig. Und die Daten werden sofort übertragen und ausgewertet. Es gibt Meinungen, dass man dort eben nicht unerkannt bei Rot über die Ampel gehen kann oder ein Kaufhaus betreten kann. In einem solchen Markt könnte man sich die propagierte Art von Kamera vielleicht als Erfolgsprodukt vorstellen, oder?
Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
Es gibt ein Jugendbuch Artemis Fowl (https://de.wikipedia.org/wiki/Artemis_Fowl). Hier ist die Kamera mit Zoom in der Kontaktlinse verbaut.
Aber das beschriebene Problem gibt es nicht nur bei Konzerten, sondern auch bei Sportveranstaltungen oder ähnlichem.
Verrückte Welt.
Gruß
Stephan
Herr Liu vergaß zu erwähnen, dass die Kamera in eine lautlose Drohne eingebaut wird, damit sie ihren Standort frei wählen kann…
Und natürlich definiert er Erfolg als kommerziellen Erfolg: Wenn genügend Leute das Ding toll finden und es ihm aus der Hand reißen, ist doch alles gut. Bis auf eine kleine Minderheit reicht den Leuten auch die gestalterische „Qualität“ ihrer Urlaubsschnappschüsse.
Ein kleines Überwachungsauge, das inner mitfilmt. Das passt doch 100% zu China…
China Fan – Ironie oder ich kanns nicht nachvollziehen.
Wegen denen bin ich demnächst meinen job los.
Und unter menschenunwürdigen Bedingungen möchte ich nicht arbeiten oder leben.
Ich vermute, es war nicht „China“, warum Du Deinen Job los bist, sondern hochqualifiziertes, deutsches Management.
Teils teils. Bin halt in der Automobilindustrie…
Wir können mit deren Preisen halt nicht mithalten. Aber weil die Masse der Leute dort unter unwürdigen Bedingungen arbeiten muss. Als Diktatur kann mans machen.
Genauso wie ausländischen Herstellern einfach vorzuschreiben, wenn ihr bei uns verkaufen wollt, müsst ihr bei uns herstellen (damit wir auch genug Anschauungsmaterial haben…). Weil die Größe des Marktes dort einfach die Gier der Manager hier bediente…
Aber das reicht ja noch nicht, man hat ja auch Joint Ventures etc. bspw BMW Brilliance. Die brauchen keine Spionage, man liefert denen die Infos frei Haus…
Im Grunde kaum anders als die Japaner damals, sowohl bei Autos als auch bei Kameras (und jeglicher anderer Elektronik). Nur dass China mehr als 10mal so viel Menschenmaterial hat und halt ne Diktatur ist.
Den Japanern geht es jetzt genauso wie uns hier in D.
Tjo – eben. Gier der Manager. Wir wollen in den chinesischen Markt und dort die Kohle rausholen. Klassischer Neokolonialismus. Nur dass halt die Chinesen sich geweigert haben, dieses Spiel mitzuspielen und eigene Regeln aufgestellt haben. Deutschland war führend bei der Solarindustrie – und hat die Butter auf dem Brot freiwillig nach China gegeben. Die Autoindustrie war führend – und anstatt, dass sie weiter gute Dinge entwickelt haben, haben sie jede nur denkbare Entwicklung verpennt und auf kurzfristige Gewinnmaximierung gesetzt. (Ich habe ein paar chinesische Freunde – und die arbeiten definitiv nicht unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die Schulen dort sind anstrengend – aber die haben eine Ausstattung und ein Niveau, das kannst Du Dir in Deutschland nicht mal mehr vorstellen.) Der Kapitalismus westlicher Prägung hat dazu geführt, dass wir Unmassen unfassbar Reiche haben, aber dafür den Leuten, die kein Geld haben, noch die letzten Groschen geklaut werden. In den USA haben wir laut UNO mittlerweile 1,6% extreme Armut. Also weniger als 3 Dollar pro Tag. In China: Null Prozent. Laut UNO. Anzahl der Obdachlose in Deutschland: 1 Million. über 1%. In China ist man gegen Obdachlose ganz simpel vorgegangen: Niedriglohnjobs sind immer mit kostenlosem Wohnraum verbunden. Das ist nicht dolle, aber weit besser, als auf der Straße zu wohnen. Wer in China auf der Straße wohnt, der will das. Das ist meistens ein soziales Ding, weil dort eine gewisse Zusammengehörigkeit herrscht. Der Effekt ist, dass die „Diktatur“ China weltweit den höchsten Anteil an Bürgern hat, die mit der Regierung zufrieden sind. Über 80 %. Wir sind in Deutschland mittlerweile unter 20%.
Ich habe einiges in den letzten Jahren mitbekommen: Japaner und Amerikaner haben sich geweigert, Bauteile nach China zu liefern, um die Chinesen daran zu hindern, Konkurrenzprodukte zu bauen. Was passiert? Die Chinesen bauen das Zeug jetzt selber und der Westen schaut in die Röhre. Huawei ist aus dem amerikanischen Markt ausgeschlossen worden. Effekt? Sie liefern jetzt halt in den Rest der Welt und die USA haben sich vom technischen Fortschritt abgekoppelt. Dieses „Wir sanktionieren die, weil die sind böse“ ist an Dummheit nicht mehr zu überbieten. Es hat noch nie in der Geschichte funktioniert.
menschenunwürdig ist relativ, so wie die Definition von Armut.
Ich definiere für mich das Hobby Fotografieren oder Filmen so, dass ich mein Bildmotiv und die entsprechenden Aufnahmeparameter selbst wähle und das Foto oder den Film aktiv gestalte. Das ist ein kreativer Prozess. Wenn ich die Drohne starte und das Ding selbständig aufnimmt und die KI entscheidet, was habe ich dann davon? Da kann ich mir ja gleich Videos und Fotos eines x-beliebigen Fotografen von der gleichen Veranstaltung im Netz anschauen…dann ist alles beliebig…
Ich bin gespannt, was passiert, wenn bei einem Konzert, statt tausend Handys, auf einmal tausend Drohnen aufsteigen. Die sich alle um die optimale Perspektive prügeln. Dronewars…..
Ansonsten bin ich völlig bei Dir. Wenn ich mich um die Knipserei nichts kümmern will, dann kann ich mir das Zeug von dem ankucken, der das will. Und das kann.
„China weltweit den höchsten Anteil an Bürgern hat, die mit der Regierung zufrieden sind. Über 80 %“
Natürlich sind sie das…
Nur in Nordkorea ist die Zustimmung noch höher. Denn die verschwinden sonst gleich von der Bildfläche, im ach so tollen China wird dir vielleicht nur der tolle social credit gekürzt bis du nix mehr tun kannst.
Wer einmal schon hierzulande von einer Kreditauskunft falsch eingestuft wurde (vermutlich reines Geoscoring, da die sonst über mich nichts hatten, Schulden hatte ich überhaupt gar keine, wohnte nur gegenüber eines Hauses mit vielen Gastarbeitern, so what?) kann sich vielleicht vorstellen, wie sowas ist wenn es staatlich ist und überwacht wird. Nein danke, nie und nimmer!
Da darf man dann sicher auch nix falsches gegen eine lokale Kameramarke sagen…
Wurscht, hab du, habt ihr eure Ansichten, da bin ich dann wieder raus hier.
Hallo Christian, es ist schwierig. Dieser „Credit Score“ ist tatsächlich so ein Mix zwischen Schufa, Kununu und Trusted Shops. Nur eben nicht von diversen Privatunternehmen, sondern staatlich. Es wurde über Jahre in mehreren Städten getestet und ist mittlerweile längst wieder erledigt. Zumindest im Privatbereich. Es hat sich rausgestellt, dass simple Polizeiarbeit wesentlich effektiver ist, um Korruption zu bekämpfen. Dass dieser Blödsinn immer noch in den westlichen Köpfen rumspukt ist traurig, aber leider auch ein Ergebnis meiner geschätzten Journalistenkollegen. Und es ist natürlich auch einfacher, „den bösen Chinesen“ die Schuld zu geben, wenn der Laden an der WAnd klebt, statt den heldenhaften, genialen, deutschen Managern.