Es gibt Dinge, die sind so fundamental, dass man denkt, darüber braucht man nicht reden. Und dann erzählt eine Fotografin in einem LiveSteam Dinge, die einen zur Überzeugung bringen: falsch gedacht.

Also reden wir mal über Kontrast.

Kontrast ist der Unterschied zwischen zwei Extremen. Bei der Fotografie zwischen Hell und Dunkel. Hoher Kontrast: Großer Unterschied. Kleiner Kontrast: Kleiner Unterschied. Wenn ich also ein Bild einer Nebelszene habe, dann ist da kleiner Kontrast, weil eben alles gleichförmig grau ist. Fotografiere ich den Mond, ist da hoher Kontrast, da der Mond hell und der Nachthimmel dunkel ist.

Hier das Nordkapp im Nebel, minimaler Kontrast.

Was ist der höchste Kontrast, den ein JPG haben kann? Weiß: 255, Schwarz: 0. Das Histogramm stößt links und rechts an. Kann ich den Kontrast dieses Bildes steigern? Nein.

Was ist der höchste Kontrast, den ein 12-bit RAW haben kann? Weiß: 4095, Schwarz: 0. Kann ich das anzeigen? Nein. Also wird der Kontrast auf das reduziert, was das Anzeigemedium kann: 10 bit-Panel: 1023:0, 8 bit Panel: 255:0.

Jetzt gibt es aber „kontraststärkere“ Objektive und „kontrastärmere“ Objektive? Was machen die dann? Ein „knackiges“ aka „kontraststärkeres“ Objektiv macht hellere Stellen heller und dunklere Stellen dunkler. Es steigert den Kontrast. Der Effekt: helle Stellen fressen früher aus, dunkle Stellen saufen eher ab. Das kann man simulieren, indem man ein Bild nimmt, und in der EBV den Kontrast „aufreisst“. Das Histogramm wird nach links und rechts gespreizt und das Bild wird eben „knackiger“. Tatsächlich wird damit zwar der Kontrast des Bildes angehoben, der tatsächliche Kontrastumfang des Motivs aber begrenzt.

Das ist sinnvoll, weil das Objektiv damit den Dynamikumfang des Sensors / Films gut ausnutzen kann. Ein Objektiv, das den kompletten Dynamikumfang einer Szene abbildet und damit den Sensor überfordert, wirkt im Vergleich bei Szenen mit niedrigem Kontrast flau und langweilig.

Dann gibt es noch den „Kantenkontrast“. Nehmen wir an, wir haben zwei Haare, die liegen direkt nebeneinander. Beide Haare sind braun. Diese Haare fotografiere ich nun mit einem Pixel pro Haarbreite. Wodurch kann ich diese beiden Haare unterscheiden? Die Antwort ist simpel: Gar nicht. Gehe ich nun näher ran, dass ich zwei Pixel pro Haar habe, ist das immer noch schwierig. Wenn ich drei Pixel pro Haar habe, geht das einfacher, weil ich dann über einen Lichteinfall eine Lichtkante bekomme. Die rechte Seite des einen Haares ist dunkler als die linke Seite des danebenliegenden Haares. Diesen Unterschied kann ich nun über das Objektiv oder die EBV steigern, also den Kontrast zwischen den beiden Haaren. Durch die Steigerung des Kantenkontrastes wird das Haar besser sichtbar. Das Bild wird „schärfer“. Wenn man das nun übertreibt und die eine Seite des Haares schwarz und die andere Seite des Haares weiß macht, dann hat man das Bild „überschärft“.

Aus diesem Grund schärfen Profis ihre Bilder grundsätzlich im Endformat. Wenn man nämlich vorher schärft und dann skaliert, dann wird die mühsam erzeugte Kantenschärfe mit den vielen schönen weißen und schwarzen Kanten vermatscht und die Sache schaut schlimmer aus, als vorher.

Sowohl Kontrast als auch Kantenkontrast ist also nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal.

Eine bekannte Möglichkeit, den Kontrast zu verringern ist die Verwendung der HDR-Funktion in der Kamera. Dabei werden mehrere Bilder gemacht und zusammengerechnet, und zwar so, dass möglichst keine abgesoffenen Stellen und keine Ausgefressenen Lichter vorhanden sind. Die Bilder wirken – naja, eben kontrastarm. Es wird also ein hoher Realkontrast im Bild nach Möglichkeit reduziert.

Eine weitere Möglichkeit hat früher mal Fuji bei der S3 verwendet: Sie hatten einen Sensor, der in einem speziellen Modus einen sehr hohen Kontrast abbilden konnte, der dann zum Schluss in ein 8-bit JPG komprimiert wurde. Effekt: Normale Bilder wurden extrem „fade“, aber bei Brautpaaren in der Sonne waren Brautkleid und Schwarzer Anzug beide sauber durchgezeichnet. Hat sich bei Normalfotografen nicht durchgesetzt und von Hochzeitsfotografen kann kein Kamerahersteller leben.

Man sieht, man muss zwischen zwei Kontrasten unterschieden: Dem Motivkontrast und dem Bildkontrast. Der Motivkontrast kann von einer Nebelwand ( Zwei Lichtwerte) bis zu Gegenlichtfotografie gegen die Sonne (24 Lichtwerte) reichen. Betrachtet wird das Ganze auf einem Medium, das normalerweise gerade mal 8 Lichtwerte kann, mit einem Auge, das nur 7 Lichtwerte beherrscht.

Der Trick ist also, den realen Motivkontrast durch Objektiv, Sensor und Signalverarbeitung für das Auge und das dahinter liegende Gehirn angenehm zu gestalten. Und hier fängt es an, subjektiv zu werden. Der eine findet ein Objektiv wie das 12-100 wunderbar, dem anderen ist die digitale Schärfe ein Grauen. Jede Jeck is anders. An diesem Punkt gibt es keine objektive Wahrheit mehr.

Der Artikel könnte hier enden – aber der Grund dafür war, dass da eine Fotografin in einem LiveStream behauptet hat, man solle einen Polfilter verwenden, weil das den Kontrast im Bild steigert. Ja, es würde auch Spiegelungen beseitigen. Aber vor allem würde es den Kontrast im Bild steigern.

Ohne Polfitler
Mit Polfilter. Tatsächlich sieht man am Histogramm, dass der Kontrast in diesem Bild sogar reduziert ist. Außerdem sieht man die Winkelabhängigkeit des Effekts.

Der Polfilter tut eines: polarisiertes Licht ausfiltern. Dabei verursacht der Filter bis zu eineinhalb Blenden Lichtverlust, wenn man auf reines, polarisiertes Licht wie von einem Display losgeht, kann der Filter sogar das komplette Licht blockieren. In dem Fall wird der Kontrast auf exakt 0 reduziert.

Macht der Polfilter dunkle Stellen dunkler? Nö. Macht er helle Stellen heller? Nö. Glücklicherweise. Erhöht er den Kantenkontrast, als macht er das Bild schärfer? Eher im Gegenteil. Die Folie und die zwei Gläser des Filters reduzieren die Bildqualität. Also wo steigert das Ding dann den Kontrast? Es macht quer zur Sonne den Himmel dunkler, weil er polarisiertes Streulicht ausfiltert. Sind da außerdem noch weiße Wolken am Himmel, dann steigt der Kontrast zwischen dunklem Himmel und weißen Wolken. Ohne Wolken wird der Kontrast nicht gesteigert, sondern reduziert, weil der helle Himmel eben dunkler wird. Bei Blattgrün sind wir in der gleichen Situation. Das Grün wird satter, weil die Spiegelungen auf den Blättern reduziert werden. Deshalb steigt aber der Kontrast nicht.

Und, generell: Polfilter sollten auf Objektive Normalbrennweite aufwärts geschraubt werden, nicht auf Weitwinkel. Da der Filtereffekt extrem winkelabhängig ist und nur in einem sehr engen Winkel überhaupt brauchbar funktioniert, sollte man bei Fenstern und Wasser eigentlich erst ab 40mm so einen Filter verwenden. Im Gebirge kann der Polfilter tatsächlich am Tele den Kontrast erhöhen, weil das Streulicht durch den Dunst in den weit entfernten Tälern reduziert wird. (hier auf 22mm)

ohne Polfilter
mit Polfilter

4 Replies to “GfO: Kontrast”

  1. Das Auge ist eine wunderbare Einrichtung. Steht nachts der Mond über dem dunklen Wald, kann ich die Krater auf dem Mond und gleichzeitig die Strukturen im Wald erkennen. Auf einem Foto konnte ich das noch nicht so abbilden, wie ich das wahrnehmen kann.

    1. Das Hirn vor allem ist eine wundervolle Einrichtung, das dichtet das mit den Strukturen im Walde erstmal dazu, bevor das Auge sich auf diese Düsternis eingestellt hat und das tatsächlich auch auseinanderdröseln kann.
      Quasi wie das « Lesenkönnen » einer nur zur Hälfte vorhandenen Zeile oder diesem Weglassen von Buchstaben. RBNXPLRNG

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