Olympus Imaging war ein Verlustbringer

… und wurde deshalb verkauft. Das ist eine Geschichte, die seit zig Jahren immer wieder und wieder erzählt wird, und die deshalb nicht wahrer wird. Rein buchhalterisch hat das gestimmt. Das, was im Abschluss als „Imaging“ ausgewiesen wurde, hat seit Jahrzehnten größtenteils Verlust gemeldet. Man war auf eine schwarze Null stolz und wenn man mal Gewinn ausgewiesen hat, haben die Sektkorken geknallt und die Firmenvertreter konnten bei Pressekonferenzen vor Kraft kaum laufen und man phantasierte von der Marktführerschaft.

Die Realität sah anders aus und ist am Aktienkurs der Olympus Corp abzulesen. Nach dem Verkauf von Imaging ging der Börsenwert steil nach oben und danach hat die Firma die Hälfte ihres Wertes verloren. Überrraschung? Nein. Jeder, der für fünf Pfennig Hirn hatte, sah genau das voraus. Es gab sogar ein internes Gutachten, das genau diese Entwicklung prognostiziert hat.

Man hat Imaging trotzdem verkauft.

Warum war Imaging wichtig?

Die Kamerasparte war seinerzeit gegründet worden, weil man Mikroskope gebaut hat. Und die Anwender wollten gerne fotografieren, was sie da sahen. Ist praktisch, weil man dann ein Foto des bösen Bakteriums in die Krankenakte stecken konnte. In Japan gab es aber keine Kameraindustrie. Also wurden von Olympus zuerst passende Objektive entwickelt, und als Kamerabodys ziemlich dreiste Kopien der deutschen Baldax zugekauft. Die genaue Story habe ich 2019 hier geschrieben. Die Objektivsparte hat damals sozusagen Verlust geschrieben – die Optiken wollte keiner kaufen. Sie wurde trotzdem nicht verkauft, weil man die Kompetenz für die Mikroskope brauchte. Genau deshalb wurde sie ja aufgebaut.

Und haargenau die gleiche Funktion hatte die Olympus Kamerasparte bis zum Schluss. Es ging um Kompetenz, Entwicklungen und vor allem Stückzahlen. Die Olympus Medizintechnik brauchte Sensoren und Wärmeleittechnik und Bildverarbeitung. Warum waren die Farben von Olympus immer die Besten? Weil es im Medizinbereich ganz wesentlich darauf ankommt, dass die Farben wirklich passen. Warum konnten die Olys immer maximale Leistung in kleine Gehäuse pressen? Weil sie das Wärmemanagement im Griff haben mussten. Wenn das Endoskop den Darm von innen grillt ist das dem Verkauf nicht förderlich.

Tatsächlich war das so, dass einige Techniken überhaupt erst bei Kameras im Consumermarkt ausprobiert wurden. Man sah, was bei Massenfertigung ausfiel und was stabil lief. Denn wenn irgendwas kaputt gehen konnte – die Fotografen brachten es fertig, es zu ruinieren.

Natürlich gab es bei der Medizintechnik ein weiteres Problem. Elektronische Bauteile. Um sich an der Spitze gegen die Konkurrenz von Fuji und Sony zu behaupten und knackige Preise aufrufen zu können, muss man besser sein, als die Anderen. Deutlich besser. Da reicht es nicht, Standardbauteile einzukaufen – denn das können die anderen auch. Man muss auch auf Bauteilseite innovativ sein. Entsprechend hatte Olympus Dutzende Patente im Sensorbereich und die Olympus-Entwickler waren Stammgäste auf den großen Sensorforen. So eine Entwicklung ist nicht für dreifuffzich zu haben, aber wenn man dafür einen Operationsroboter für 5 Millionen verkaufen kann, dann rentiert sich das.

Und was hat das mit Imaging zu tun? Genau das. Man kann so einen Sensor entwickeln. Und man kann auch einen Prototypen zusammenbasteln. Aber man kriegt da keine Stückzahlen her. Nicht zuverlässig. Der Ausschuss ist immens. Und genau das ist eben nicht tolerabel. Nicht in der Medizintechnik. Also braucht man eine große Firma, die entsprechende Fertigungsprozesse beherrscht und zuverlässige Stückzahlen liefern kann. Die fangen aber nicht an, einen komplexen Sensor zu fertigen, wenn der Kunde nur 10.000 Stück braucht. Das Umrüsten der Fab und die Justage des Prozesses ist so teuer, dass das niemand zahlen kann. Ab 100.000 wird es dann interessant. Und ab 250.000 sind die Preise dann endkundenkompatibel. Nur braucht Medical niemals 250.000 Sensoren – und die Dinger kann man auch nicht einfach für die nächsten zehn Jahre in ein Hochregallager legen, die lagern in Kühlräumen. Also – siehe oben – baut man Kameras, testet Technologien und die Endkunden sind glücklich über coole Gadgets und die Mediziner freuen sich über zuverlässige Geräte. Und die Aktionäre der Firma über laufend gute Aktienkurse weil laufend gute Gewinne.

Die ganze Imaging-Sparte ist also nichts anderes als Forschung und Entwicklung und Testlabor. Und das war es schon immer. Nur dass die Kameraentwickler ein gewisses Maß Narrenfreiheit hatten. Zu OM-Zeiten haben sie die verrücktesten Objektive, Kameras und Adapter entwickelt. Das „MDN“ oder das „O-Product„.

Terada hat sogar mal ein paar digitale Olys zu Steampunk-Kisten umbauen lassen, nachdem ich ihm bei einer Photokina gesagt habe, er solle doch mal eine Kamera im Steampunk-Design bauen. Die dabei entstandene PEN-F hätte ich gerne, die sieht einfach phantastisch aus. Auf einer ungarischen Seite habe ich Fotos von allen Kameras und Objektiven gefunden.

Die Imaging-Sparte war also ein integraler Bestandteil des Entwicklungsprozesses der Medizinsparte.

Ja, aber warum ist die verkauft worden? Nach dem Bilanzskandal hat Sony 5% der Aktien übernommen, um den Kurs zu stützen, der gerade in den Keller stürzte. Nach ein paar Jahren hatte sich Olympus wieder erholt, der Aktienkurs war wieder auf Normallevel und Sony wollte ihre 5% verkaufen und damit natürlich einen fetten Profit machen. Sony hat Olympus die Aktien zum Rückkauf angeboten, aber Olympus war nicht daran interessiert, Sony zu echt heftigem Reibach zu verhelfen. Also hat Sony das Paket an einen amerikanischen Investor vertickt. Der hatte nun auf einmal eine signifikante Beteiligung an Olympus und hat begonnen, in den Laden hineinzuregieren. Schließlich drohte er damit, Führungspersonal auszutauschen, wenn Olympus den Aktienkurs nicht signifikant in die Höhe treiben würde. Also wurde die Mikroskopsparte verkauft und Imaging verkauft. Der Aktienkurs schoss planmässig in die Höhe und hat leider mittlerweile wieder fast das Niveau des Bilanzskandals erreicht. Inflationsbereinigt sogar darunter. Aber der amerikanische Investor hat – wie geplant – kurzfristig Schotter gemacht.

Langfristig war das die erwartete Katastrophe für Olympus.

Wir sind im Westen mittlerweile so gehirngewaschen, dass wir „Gewinneinbrüche“ mit „schweren Verlusten“ gleichsetzen. Und wenn eine Firma die „Erwartungen der Analysten“ nicht erfüllt, bereits in der Krise steckt. Und eben dass ein kurzfristiger Anstieg des Aktienkurses irgendwas mit der Firma zu tun haben könnte. Nein, Aktien sind Papiere, die die Firma verkauft hat, und die nun gehandelt werden. Wie Briefmarken. Eine Briefmarke ist ein Gutschein für eine Beförderung eines Briefes. Ob ich die 90-Cent Marke nun für 10 cent oder 100 Euro privat verkaufe, ist der Post wurscht. Ich kriege genau einen Brief damit transportiert.

Wenn eine R&D-Abteilung und eine Serviceabteilung Verlust machen, aber die Gesamtfirma vor Kraft kaum laufen kann, dann macht die offensichtlich alles richtig.

In dem Zusammenhang ist auch die Sache mit den kostenpflichtigen Firmwareupdates interessant. „Die Firma muss Geld verdienen!“. Komisch. Die Zeiten der E-M1 waren die erfolgreichsten Zeiten für Imaging. Trotz der kostenlosen Firmwareupdates. Warum? Weil die Leute völlig gratis rumgelaufen sind und ihren ganzen Kumpels erklärt haben, was das für ne geile Firma ist. Panasonic hat seinerzeit eine kostenpflichtige Firmware rausgebracht, die ihnen einen echten Imageschaden eingebracht hat und innerhalb kurzer Zeit gehackt wurde. Sie haben das nicht noch mal versucht.

Kurzfristig mögen manche Ideen echt cool aussehen – langfristig stellen sie sich oft als Rohrkrepierer raus.

Titelbild: Toshi Terada bei der Präsentation der E-M5 2012 in Amsterdam.

One Reply to “Olympus Imaging war ein Verlustbringer”

  1. Blöd, dass so ein Managerleben in ein und dem selben Unternehmen immer kürzer wird. Das hat massive Auswirkungen auf deren Entscheidungen. Frei nach dem Motto „was schert mich die Firma in 5 Jahren! Ich will jetzt meine Pramie!“.
    Ein Hoch auf Eigentümer-geführte Unternehmen und echtes Unternehmertum! Da ist es (oft, wenn auch nicht immer) anders.
    Und Investoren wollen eh nur das Beste…
    …für sich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

The maximum upload file size: 2 MB. You can upload: image. Drop file here