
Ich habe schon mal was zu Bands filmen gemacht. Aber nachdem ich jetzt gerade wieder Material schneide, bei dem ich die Tischkante abnage, hier ein paar grundlegende Regeln für Video mit Systemkameras.
Keine Schwenks
Unart: Man schwenkt über einen Platz, eine Menschenmenge, irgendwas. Die meisten Schwenks ruckeln, sind schief, das Licht schwankt und wenn der C-AF aktiv ist, pumpt der Fokus. Ein Schwenk muss einen Sinn haben. Entweder man folgt mit dem Schwenk einem Motiv, oder am Ende des Schwenks ist der Grund für den Schwenk. Irgendwas Wichtiges. Man kann auch einen Schwenk machen und damit einer Person folgen, lange Brennweite, Hintergrund unscharf. Entweder man hat dann einen Zauberkünstler am Fokuszieher, oder die Person läuft im Kreis um das Stativ rum. Das muss man aber können. Und zwar die Person und der Mann am Stativkopf.
Keine Zooms
Es gibt kaum ein Objektiv für mFT, das Parfokal ist, mit dem man überhaupt mit stabilem Fokus zoomen kann. Die wenigen Ausnahmen stehen im Objektivbuch. Dann muss der Zoom, wie der Schwenk, einen dramaturgischen Sinn haben und der Zoom muss ruckelfrei laufen. Das 12-50 bietet sich dafür an. Motorzoom und elektronisch parfokal. Aber eben dann auf 6,3, denn Blendenwechsel während des Zooms – keine gute Idee.
Kein C-AF
Jaa, mittlerweile gibt es Kameras, die meistens den C-AF nachführen können. Meistens. Bei einfachen Motiven. Die Pocket 4Pro hat einen der besten C-AF und folgt einer Person auch in einer Menschenmenge. Aber eben nur meistens. Ab und zu wechselt die Kamera das Ziel und folgt wem anders. Blöd, wenn der Dreh nicht wiederholt werden kann. Bei den Olys ist der C-AF im Video unzuverlässig. Sprich. Man kann sich nicht drauf verlassen. Also abschalten. Wenn man partout Personen filmen will, die auf einen zukommen: Schärfentiefe vergrößern und versuchen, ob man mit MF folgen kann. Üben. Eventuell so einen Hebel mit Plastikkabelbinder an den MF-Ring bauen. Wenn gar nichts anderes geht, C-AF, aber dann eben damit rechnen, dass mittendrin der Fokus pumpt. Ambiente filmen, das man reinschneiden kann. Zweite Perspektive mitfilmen.
Statische Dinge werden nicht gefilmt, sondern fotografiert.
Ein großer Platz, in der Mitte ein kleiner Springbrunnen. Hach, wie schön. Kann man filmen. Dann aber an den Springbrunnen ran und den mit Weitwinkel in den Vordergrund setzen. Bewegung filmen. Wenn man partout einen Platz zeigen will, dann Passanten im Vordergrund. Eine Straßenbahn. Einen Schwenk über den Platz an dessen Ende man den Protagonisten sieht, der sichtlich beeindruckt seine Sonnenbrille abnimmt oder an seiner Zigarre zieht. Bewegung. Handlung. Ja, man kann einen Platz mit statischer Kamera filmen – wenn dann nach ein paar Sekunden der Protagonist angewetzt kommt und in den Springbrunnen hechtet.
Durchfilmen.
Wenn mehrere Kameraleute gleichzeitig eine Szene aus verschiedenen Bildwinkeln filmen, dann wird durchgefilmt. Ein Kameramann, der nur kurze Clips abliefert, während alle anderen grob gleich lange Streifen liefern, wird spätestens vom Cutter gelyncht. Denn das Syncen von 100 kurzen Clips einer Hochzeit mit der durchlaufenden Tonspur ist eine Arbeit für Leute, die Vater und Mutter erschlagen haben. Belichtung, Fokus, Perspektive, alles egal. Durchfilmen, damit der Cutter syncen kann. Wer das nicht kann oder will, soll die Finger von Video lassen.
Kamera ruhig halten.
Wenn Du die Kamera nicht gerade und ruhig halten kannst, nimm ein Stativ. Wenn der Horizont dauernd nach oben wandert und dann ruckartig wieder runtergerissen wird, dann ist die Einstellung Müll. Die Ganze. Und da hilft der Stabi exakt gar nichts. „Wackelkamera“ auf der Schulter war mal ein Stilmittel. Ja, das waren schwere Trümmer, die man da rumgeschleppt hat, die haben ganz anders gewackelt, als diese winzigen Systemkameras. Die haben eher geschwankt, als gewackelt. Gimbals sind fein – aber dann am besten gleich eine Pocket kaufen.
Festbrennweiten
Du willst partout eine Festbrennweite verwenden, weil Du besonders cool bist? Dann sorg dafür, dass Dein Bildausschnitt passt und nicht die Füße abgeschnitten sind oder die Köpfe oben kleben. Du bist dann nämlich in den Augen des Cutters nicht „Cool“ sondern ein Vollpfosten. Und natürlich muss die Schärfentiefe zum restlichen Video passen. Da auf einmal mit dem tollen 1,2er „Filmlook“ daherkommen, weil man doch das Edelglas hat – nein, das machen Anfänger. Blutige. Warum Blutig? Weil sie von der Regie eines auf die Nase bekommen. „Ja aber die haben sich bewegt und dann waren die zu groß für das Bild!“ Ach? Du warst der Meinung, Du musst Dich als Kameramann nicht bewegen? So ein Pech. Nein. Wenn Du Festbrennweiten verwenden willst, dann lerne ohne Wackelei im Rückwärtslaufen zu filmen. Geht nich? Kauf Dir nen Dolly mit Schienensystem. Zu teuer? Dann nimm ein Zoom in Gottes Namen! Oder bezahle Schauspieler, die gelernt haben, sich in Deiner Schärfeebene zu bewegen.
Schneide nie unter dem Knie – gilt beim Filmen genauso.
Natürlich sind alle Bildgestaltungsregeln auch im Video zu beachten. In 16:9 zu filmen und dann das Motiv immer zentral zu halten – das funktioniert nicht. (Warum filmen alle neuerdings hochkant? Da kann man immer alles in der Mitte halten.) Füße abschneiden – doof. Köpfe abschneiden – doof. Stürzende Linien – doof. Schiefer Horizont – doof. Und dann kommt noch dazu, dass die Leute, Autos, Flugzeuge sich bewegen. Sie brauchen immer Luft für die Bewegung. Raum. Ich kann den Protagonisten nicht an den rechten Bildrand stellen und nach rechts laufen lassen und behaupten, das sei Kunst. Oder das Ganze auf Hochkant beschneiden. Nein. Das muss passen. Ich muss mir Gedanken über Schärfentiefe machen. Ich kann nicht einfach mitten in der Szene die Blende zumachen weil die Sonne hinter den Wolken vorkommt. Oder die Belichtungszeit verändern.
Bewegungsunschärfe ist ein „Must“.
Video ist grundsätzlich unscharf. Bewegungsunscharf. Wer mit 1/4000 s mit 25 fps filmt, hat etwas fundamentales nicht verstanden. Bei 30 fps filmt man mit 1/30 s, 1/60 s und im Notfall 1/125 s. Eine wilde Tanzszene mit 1/8000 s ist Schrott. Da hilft auch keine nachträgliche „SloMo“ was.
Das steht alles in meinen Büchern. Aber wer liest schon Bücher.