GfO: Perspektive

Olympus hat letzthin wieder ein Video in seine Community gestellt, bei dem mal wieder frech behauptet wird, dass das ideale Porträtobjektiv 25mm wäre. Weil ich auch in meinen Seminaren immer wieder auf den gleichen Irrtum stoße, dass man Porträts mit kurzen Brennweiten machen muss, jetzt hier mal Butter bei die Fische.

  1. Nicht die Brennweite macht das Bild, sondern der Abstand. Je näher man rangeht, desto verzogener wird die Perspektive. Die Brennweite bestimmt lediglich den Ausschnitt.
  2. Manche Models haben in ihren Verträgen drinstehen, dass der Shoot endet, wenn der Fotograf das 35mm (17mm FT) Objektiv draufschraubt.
  3. Wer näher als Armeslänge an den porträtierten Menschen rangeht, ist zu nah dran. (Auch weil man damit in den persönlichen Wohlfühlabstand des Anderen eindringt.) Der Corona-Abstand von 1,5 Meter ist prima.
  4. Die Story mit den Pfannkuchengesichtern ist ein Gerücht.

Im Folgenden mal eine Serie von 12mm bis 300mm.

12mm
17mm
25mm
40mm
75mm
150mm
300mm

Ich habe eine solche Serie auch mal mit einer Frau gemacht, aber ich seh nicht ein, warum ich einen lebenden Menschen zu einem Monster verzerren muss, um meinen Punkt zu machen. Deshalb hier mal wieder Elke.

Ab 40mm ist der Mund nicht mehr verzerrt, und zwischen 75mm und 300mm ändert sich nicht mehr viel. Es gibt also keinerlei Grund, Porträts nicht mit 300mm zu machen. Klar, ein Kleinbildknipser wird nicht mit einem 600mm-Rohr rumstemmen, um ein Porträt zu machen. Aber wir können das. Für mich sind die beiden optimalen Porträtlinsen das 75mm 1,8 und das 150mm f/2. Beim 75er habe ich Corona-Abstand, beim 150er komfortable drei Meter. Je länger die Brennweite, desto schöner kann ich mir den Hintergrund raussuchen.

Ja, es gibt Fotografen, die finden es cool, auf Models mit 17mm loszugehen. Solange sich die Models nicht wehren, kommen sie auch damit durch. Und manche finden es sogar cool, weil sie nichts anderes als Selfies kennen. Aber nicht umsonst fängt eine klassische Porträtbrennweite bei 85mm (KB) an und geht bis 135mm. Mehr braucht man nicht, weil sich dann – siehe oben – nichts mehr groß ändert. Warum ich trotzdem mit dem 150er knipse? Weil ich’s kann.

15 Replies to “GfO: Perspektive”

  1. Absolut korrekt!
    Das 25er (KB 50mm) wird zurzeit von vielen “Kollegen” im Netz als Universaloptik (u.a. auch für Portäts) angepriesen. Mir persönlich ist (und war) diese Brennweite (je nach Anwendungszweck) zu kurz oder zu lang – und dies auch schon zu analogen Zeiten.
    Als “Kleinausrüstung” hat sich bei mir persönlich das 20er Panasonic und das 45er Zuiko (F1.8) an der PEN-F bewährt, nur bei speziellen Fällen weiche ich auf die PRO-Zooms aus. Portäts übrigens auch sehr gerne mit einer längeren Brennweite (PRO 40-150 am längeren Ende) ;-).
    Normalobjektiv(e) stehen bei mir nur noch in der Vitrine, sie dienen als preiswerter Kameradeckel für meine alten Schätzchen.
    Muss aber jeder selbst wissen….
    LG + bleibt alle gesund!
    P.S. Schöne Serie – freue mich schon auf weitere Artikel

    1. Hallo,

      genau diese zwei Objektve (Lumix 20/1.7 und M.Zuiko 45/1.8) waren jahrelang meine (leichte) Reiseausrüstung. Diese beiden stellen für mich immer noch die beste Umsetzung der Idee des kompakten mFT-Systems dar.

      Beste Grüße, Andreas

      P.S.: Zum Thema Portrait aber siehe unten.

  2. Guten Sonntag-Morgen,

    zwei Punkte möchte ich zu oben anmerken. Auch m.E. sollten die für Portraits verwendeten Brennweiten nicht unter mFT 40mm liegen. Aber wieviel darüber?

    Erstens: Wie viele Schritte muss man zurücktreten, um die fotografierte Person ganz zu erfassen? D.h. auch wie groß muss der Aufnahme-Ort sein?
    Zweitens: Die Gesamtsituation aus Empfindlichkeit, Belichtungszeit, Blende und Schärfe wird nicht einfacher.

    Man kann seine persönlichen Vorlieben hierzu auch auf den Prüfstand stellen: Mit einem lichtstarken Zoom (ohne auf die Brennweite während der Aufnahmen zu achten) einen Aufnahmetag durchführen und am Ende nach Brennweiten in der Datenbank sortieren. Bei mir lag das Maximum um mFT 50mm.
    So haben die längeren lichtstarken Brennweiten m.E. ihre größten Vorzüge bei der Fotografie von Veranstaltungen. Aber auch wenn alles hier zur Auswahl steht, bleibt das Lumix 42,5/1.2 mein Lieblingsobjektiv für die Fotografie von Menschen.

    Beste Grüße, Andreas

    1. Hallo,

      schön, dass man hier “Gleichgesinnte! findet 😉
      Die Vorliebe für das 20er kommt bei mir aus der analogen Zeit, habe sehr sehr viel mit der Rollei 35 fotografiert.

      Zu den längeren Brennweiten:
      (Wie immer) Geschmacksache, ich habe unzählige Portäts mit dem 40-150PRO gemacht, meist bei Brennweiten um die 100mm. Hat sich bis jetzt niemand beschwert. Wichtig war (und ist) mir, dass ich damit sehr gut freistellen kann.
      LG

  3. ich hab zu analogen Zeiten meine Kinder am liebsten mit 200mm fotografiert, da haben die gar nicht mitbekommen, was Papa da gemacht hat und es gab die schönsten Bilder, da völlig ungestellt und unbeeinflusst.

  4. und jetzt kommt einer der sagt: klassische Porträtbrennweiten sind halt klassisch und die Sichtweisen ändern sich.

    War “früher” 45mm (KB 90mm) die Proträtbrennweite ändert sich in den letzten Jahren tatsächlich die Sichtweise zur kürzeren Brennweite 25mm (KB 50mm) was meiner Meinung nach hauptsächlich der Selfimanie, mit ihrer noch kürzeren Brennweite, geschuldet ist.

    Und was den mindest Abstand angeht, der wird meistens nicht vom Fotografen missachtet sondern hauptsächlich auch von den Modellen.

    Tip: Haltet nicht immer an klassischen Sachen fest. Geht mit der Zeit und verändert eure Sichtweise. Ihr fotografiert ja auch nicht mehr auf Film.

    1. Sorry. Ich bin halt für klassische Fotografie. Viele der “modernen” Auswüchse halte ich für völlig bescheuert. Der Selfie-Wahn mit kurzen Brennweiten hat dazu geführt, dass bei den Schönheitschirurgen Nasenverkleinerungen boomen. Weil alle der Meinung sind, ihre Nase wäre zu groß, weil sie eben immer mit zu kurzen Brennweiten fotografiert werden.
      Das kann man für witzig halten – mei sind die Mädels doof – aber ich finde das zutiefst traurig. Es ist auch mein Job als Fotograf, Dinge NICHT zu tun, wenn ich weiß, dass es anders besser ist.

      1. “Es ist auch mein Job als Fotograf, Dinge NICHT zu tun, wenn ich weiß, dass es anders besser ist.”

        Tja, nicht nur, aber auch als Fotograf sollte das beherzigt werden…

        Leider habe ich mich um so manchen Job selbst gebracht, weil ich mich daran orientiere.
        Aber ich kann gerade in den Spiegel schauen. Das ist eindeutig mehr wert!

        philisophiert
        Martin

    2. Jetzt wage ich es doch mal wieder:

      Ich reagiere meistens unwillkürlich eher allergisch, wenn jemand sagt, man müsse mit der Zeit gehen. Das kommt bei mir immer wie ein mantrahaftes Dogma an. Vielleicht täusche ich mich, aber es ist, als würden viele Leute manche Dinge nur deswegen tun, weil sie sie für zeitgemäß halten und allem, was nicht zeitgemäß sei (?!), etwas angestaubtes oder sonstwie negatives andichten.

      Sichtweisen mögen sich ändern, die Frage ist aber immer: Warum? Weil darüber nachgedacht wird, oder weil einfach nur etwas nachgemacht wird? Die Tatsache, daß etwas normal/üblich/zeitgemäß sei, ist für mich kein Argument dafür (oder dagegen) es selbst auch so zu tun. Klassisch ist nicht per se altbacken oder sonstwie schlecht. Für mich ist das meistens eher bewährt und ausgereift.

      Doch, ich fotografiere auch noch auf Film. Warum auch nicht? Das erlebt anscheinend sogar (schon seit Jahren) eine Renaissance.

      An der Stelle sollte man aber vielleicht auch mal kurz darüber sprechen, was hier mit Portrait gemeint ist. Mir scheint: Maximal doppelte Gesichtshöhe (also Gesicht mindestes 50% der Bildhöhe einnehmend). Man kann ja auch mit 25mm einen gewissen Abstand halten. Da ist dann eben mehr drauf (wie im Artikel steht). Das zählt dann aber wohl nicht mehr als Portrait. Gegenbeispiel: Kennt Ihr Passage von Irving Penn? Darin gibt es Bilder, die Leute in der Totalen zeigen (nach Wikipedia/Porträt: Ganzfiguren), die ich durchaus als Portraits bezeichnen würde (auf Wikipedia wie gesagt im Artikel Porträt aufgeführt).

      PS: Zu Reinhards Anmerkung unten, daß es auch sein Job als Fotograf ist Dinge nicht zu tun: Sehe ich auch so. Parallele, die man sehr oft beobachten kann: Agenturen, die einfach alles drucken, was die Kunden an Vorlagen abliefern, egal wie daneben die Typografie ist. Vergleichsweise harmloses Beispiel: »Reif für‘n Wald?« mit Anführungszeichen statt Apostroph (wobei man sich darüber streiten kann, ob da ein Apostroph hingehört). Nein, das ist nicht egal. Das macht man einfach nicht. Das ist handwerklich unterste Schublade. Da dreht es mir die Fußnägel um, obwohl ich noch nicht mal Typograf bin. Es gibt eine Orthotypografie, und für die meisten Dinge eine ziemlich klare Einteilung in richtig und falsch.

  5. Hach, wie sehr ich Betonköpfe und Traditionalisten liebe! 🙁
    Tempora mutantur. Alles ändert sich.
    Nicht nur Sprache und Schrift, sondern auch die Sehgewohnheiten. Like it or not.

    1. Jaja, moderne Zeiten. Es ist modern, rücksichtslos Menschen zu verzerren – solange man nicht selbst verzerrt wird. Es ist modern, mit tausenden anderen Influencern Fotohotspots zu zerstören. Weil sich ja die Sehgewohnheiten geändert haben. Es ist modern, sich einen feuchten Kehricht um die Gefühle und das Überleben anderer Leute zu scheren, Hauptsache, ich habe ein “cooles” Foto. .I don’t like it.

    2. Ach, wie mir militante Mitläufer auf den Senkel gehen. Sorry für die Ausdrucksweise. Änderung nur um der Änderung Willen? Nein danke. Man kann Änderungen anderen oder auch dem Zufall überlassen, man kann sich aber auch Gedanken dazu machen, was sinnvoll ist und die Änderung gestalten, oder eben bleiben lassen. Das hat nicht mit Betonköpfigkeit oder Traditionalismus zu tun. Wenn Entwicklung von Sprache darin besteht, daß man Falsches als Richtig erklärt, weil es soviele so (falsch) machen, dann ist das einfach Unsinn. Die Franzosen zum Beispiel tun anscheinend so, als wäre die Rechtschreibreform ein typisch deutsches Nichtproblem (hat mal ein Franzose vor Jahren in einer Fernsehsendung so formuliert). Die Franzosen hatten aber selbst schon Änderungen der Rechtschreibung. Nur sind die anders abgelaufen: Da haben sich Schriftsteller u.ä. mit der damaligen Rechtschreibung (vor ein paar hundert Jahren) auseinander- und gewissen Änderungen durchgesetzt. Weil sie sie für sinnvoll hielten. Kann man ja machen, wenn es wirklich sinnvoll ist. Mit der Zeit zu gehen ist aber einfach nur nachmachen, was andere unüberlegt vormachen.

      Hören wir doch endlich mal auf Essen oral aufzunehmen. Soetwas uralthergebrachtes. Gibt doch viel zeitgemäßere Methoden sich mit Nährstoffen zu versorgen.

      »Alles ändert sich« ist kein Argument für oder gegen etwas, auch nicht auf Latein. Panta rhei, man sollte sich aber fragen, wohin, das beeinflussen und nicht einfach alles als naturgegeben hinnehmen. Ich halte das für eine fatale Einstellung.

      Ich finde das auch aus einem anderen Grund kurios: Die einen schreiben so, die anderen so. Warum sollten sich jetzt ausgerechnet diejenigen beugen, die so schreiben, wie es bis letztens noch als richtig galt? Analog dazu all die anderen Dinge, bei denen man willkürlich und unreflektiert erscheinende Änderungen hinnehmen soll.

  6. Die Sehgewohnheiten ändern sich deshalb weil es eben zur Gewohnheit wird.
    Steckt ja im Wort drin.
    Es müssen nur genügend Beeinflusser auf meinerRöhre genügend beeinflussbare (Mitläufer, Apogeten, Zeloten) finden, dann klappt das auch.
    Wenn dann die Bilder noch auf Sofortböse (Instagram (gram = böse)) bei den beeinflussbaren ankommen, haben wir schon neue Sehgewohnheiten.
    Nach dem Motto:
    “Das wird man ja mal noch zeigen dürfen” 😉
    Denn der Effekt zählt

  7. Meine Portraits müssen nur mir und meinem Modell gefallen. Wenn wir das cool finden die Nase mit 6,5mm zu verzerren, dann machen wir das.
    Nichtsdestotrotz sind die allermeisten meiner Portraits mit 85-200mm (KB) entstanden, weil es uns so am besten gefällt.
    btw: Was ist das Instadingens von dem ihr da schreibt?

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