Es war der 15.6.2009, als die E-P1 enthüllt wurde.  Es war Olympus gelungen, die wesentlichen Details zur Kamera bis zuletzt geheim zu halten. Die Daten für die Vorbereitung der Prospekte und Flyer waren zum Schluss nicht mehr über das Netz verschickt worden, sondern nur noch im versiegelten Umschlag per Kurier transportiert worden. Entsprechend war das Interesse. 2008 hatte zwar schon Panasonic mit der G1 die erste mFT-Kamera vorgestellt, aber die neue E-P1 konnte an einem Punkt sehr viel mehr – sie konnte die alten FT-Objektive mit AF ansteuern – und sie sah besser aus.

Auf der Veranstaltung in Berlin wurde ausführlich die Historie bemüht und nicht versäumt, mitzuteilen, dass Maitani-San, der legendäre Entwickler der PEN-F, das Design der E-P1 abgesegnet hatte. Passenderweise hatte Olympus auch eine echte PEN-F dabei:

Es war ein kleiner Unterschied zwischen der E-P1 und dem Prototypen, den Olympus auf der Photokina ein Jahr vorher präsentiert hatte:

Das Design sorgte für – sagen wir mal Erstaunen bei den Messebesuchern und so wurde an der Kamera bis zur Vorstellung noch etwas gefeilt. Das 17mm f/2,8 Pancake kann man aber schon gut erkennen.

Mit wie heißer Nadel die E-P1 gestrickt war, erkennt man daran, dass die Nachfolgerin, die E-P2 im gleichen Jahr herauskam – nun mit einem elektronischen Aufstecksucher. Die E-P1 war sehr schnell ausverkauft, die E-P1 in weiß hat mittlerweile Sammlerwert.

Auch eine Spiegelreflexkamera kam 2009 noch heraus, die E-620, mit dem Sensor der E-30, aber besserer Abstimmung. Für die E-620 gab es sogar wieder einen Batteriegriff, so dass die Kamera ziemlich viele Freunde im semiprofessionellen Bereich gewann. Die E-620 war zudem die bisher einzige Kamera von Olympus mit beleuchteten Tasten.

2009 feierte Olympus den 90. Geburtstag. Da passte es prima, dass 2009 Dr. Koichi Wakata seine dritte Raummission und seinen ersten Langzeitaufenthalt auf der ISS startete. Also bekam er eine E-3 mit auf den Weg – was natürlich eine umfangreiche Zertifizierung der Kamera nötig machte. Mit auf die Raumstation ging ein 11-22 und ein 50-200 SWD. Dazu der Batteriekorb für den Handgriff, weil aus Sicherheitsgründen keine LiIonen-Akkus mitgenommen werden durften. Und durchsichtige Front- und Rückdeckel. Während die Frontdeckel im Olympus Space-Kit in einer Auflage von 10.000 Stück an Kunden verschenkt wurden, waren die Rückdeckel wohl eher Einzelstücke.

Hier eines der bei der Mission entstandenen Bilder.

Im Frühjahr 2010 kam dann „die letzte ihrer Art“ auf den Markt. Die E-5. Eigentlich war die E-5 nur eine „aufgebohrte“ E-3, deren Hauptzweck war, die FT-User, die langsam ungeduldig wurden, mit möglichst  geringem Aufwand ruhig zu stellen. Doch in der Summe ihrer Eigenschaften war die E-5 die richtige Kamera zum richtigen Zeitpunkt und verkaufte sich weit besser als gedacht.

Der Sensor der E-5 war der gleiche wie der der E-30, nur dass die Signalaufbereitung verbessert wurde und der Anti-Aliasing-Filter drastisch reduziert wurde. Die Kamera war dadurch deutlich schärfer als die Vorgänger. Diesen Trick wandte man auch mit der gleichzeitig herausgekommenen Einsteiger-PEN E-PL1 an.

2011 dann kamen nicht nur gleich drei kleine PENs raus – die E-PL2, E-PL3 und E-PM1, 2011 ereignete sich der letzte Akt des Dramas um den Milliardenverlust aus den 90ern.

März 2011. Der Olympus-Vorstand will restrukturieren. Überall im Unternehmen haben es sich Schreibtischtäter bequem gemacht und blockieren Innovationen und schnelle Entscheidungen. Doch ein japanischer Vorstand fängt nicht an, einfach Leute ‚rauszuwerfen, die vielleicht ja auch jahrzehntelang gute Arbeit geliefert haben. Also holt man sich einen westlich orientierten Sanierer – der Europa-Chef Woodford scheint geeignet.

Und der Brite fängt gleich richtig an: Er verbreitet Aufbruchstimmung. Ein Meeting jagt das nächste, er will Olympus voran bringen.

Sommer 2011. Olympus hat das Erdbeben überstanden, die neuen PENs und die E-5 verkaufen sich prima, da liest Woodford in einer kleinen Zeitung, dass bei der Übernahme der britischen Firma Gyrus mehr als eine halbe Milliarde Dollar verschwunden seien sollen. Er liest in den Bilanzen nach und stellt fest: tatsächlich. Und kurz darauf stellte er auch noch fest, dass drei japanische Firmen übernommen wurden, die Hautcreme, Plastikgeschirr und Müllentsorgung anboten und deren Wert man wenige Monate später drastisch nach unten korrigiert hatte. Er rechnet zusammen und kommt auf eine Gesamtsumme von über einer Millarde Dollar. Der Sanierer fragt bei seinem Vorgänger nach, im Board, im Finanzvorstand. Er erfährt nichts. Entweder die Leute wissen nichts, oder sie geben ihm zu verstehen, dass er das alles gar nicht wirklich wissen will. Er stellt fest, dass die größte Summe an eine nicht mehr existente Firma auf den Cayman-Islands überwiesen wurde. 620 Millionen Dollar.

Oktober 2011. Woodford wird klar, dass er da auf eine große Sache gestoßen ist, und bekommt es mit der Angst zu tun. Die einzige Organisation, die er für fähig hält, mal schnell eine Millarde verschwinden zu lassen, ist die Mafia. Er schreibt auf, was er herausgefunden hat, lässt von Pricewaterhause ein Gutachten erstellen, dass eine Provision von 35% einer Firma extrem unüblich ist und schickt seine Hausarbeit an jeden in CC, der ihm einfällt. Das ist für ihn seine Lebensversicherung – sie können ihn nicht aus dem Weg schaffen. Doch der vermeintliche Mafiaboss, dem er eine goldene Brücke gebaut hat, um aus der Sache herauszukommen, teilt ihm mit, dass man auf seine Dienste in Zukunft verzichten wolle. Woodford, der nun endgültig davon überzeugt ist, dass das ganze Board unter einer Decke steckt und die Ninjas schon in seinem Hotelzimmer warten, flieht aus Japan und wendet sich sofort an die Presse, bevor ihn die Auslandskiller erwischen.

November 2011. Der alte Freund des Vorstandes, der mit der Beratungsfirma auf den Cayman-Inseln, lässt sich scheiden, überschreibt seiner Ex-Frau sein gesamtes Vermögen und taucht unter. Olympus durchforstet auf Druck der Großaktionäre die Unterlagen und stellt fest: es gibt keine Mafia-Verbindungen, es gibt keine überhöhten Zahlungen an Berater, es gibt nicht mal zu teuer eingekaufte Unternehmen. Es gibt nur Luftbuchungen mit wertlosen Wertpapieren. Da dies verboten ist, muss der Olympus-Vorstand zugeben: wir haben unsere Bilanz gefälscht.

Die Börsenaufsicht ermittelt nun – das ist ihre Pflicht – und dabei geht es vor allem darum, wem durch die Bilanzfälschung ein tatsächlicher Schaden entstanden ist. Und genau hier wird es etwas schwierig. Im Normalfall wird eine Bilanz gefälscht, um einen höheren Wert vorzuspiegeln als vorhanden ist: dabei werden Investoren und vor allem Banken betrogen. In diesem Fall wurde aber die Bilanz gefälscht, um den Wert des Unternehmens zu berichtigen. Der ursprüngliche „Sündenfall“ von vor zwei Jahrzehnten ist dagegen längst verjährt.

Ein echter Schaden tritt dafür bei den Aktionären von Olympus ein. Der Wert der Aktie fällt innerhalb weniger Tage von 23 Dollar auf nur noch 5 Dollar. Ein paar Investmentfonds wittern Oberwasser und lassen Woodford ein Schattenkabinett zusammenstellen, mit dem er Olympus übernehmen will. Doch Olympus ist im Wesentlichen im Besitz von japanischen Banken – und die haben keinerlei Interesse daran, ihre Anteile zu verkaufen. Schließlich kauft Sony 5% der Aktien, um den Aktienkurs zu stützen und vereinbart eine strategische Partnerschaft im Sensorbereich. Mittlerweile hat Sony diese Aktion mit einem Gewinn von mehreren hundert Prozent wieder verkauft und der Aktienkurs von Olympus ist höher als vor der Krise.

Als Woodford gefragt wurde, ob er wusste, um was es wirklich ging, musste er gestehen, dass er keine Ahnung gehabt hatte obwohl er jahrelang Mitglied des Direktoriums war. Das hinderte ihn aber nicht daran, ein Buch und einen Film über die Ereignisse zu machen.  Er strengte vor einem englischen Gericht einen Prozess gegen Olympus an, den Olympus durch einen Vergleich in Höhe von 10 Millionen Pfund beendete. Er tingelte dann noch einige Jahre durch die Gegend und hielt Vorträge über „Whistleblower“. Mittlerweile erwirbt er sich unsterblichen Ruhm durch das Verfassen von Biographien über Mandela, Churchill, Trump, Einstein, van Gogh, Lincoln, Obama, Hawking, The Queen und Kate Middleton, sowie „Die Wahrheit über den heiligen Gral“ die als Kindle-Books über Amazon verkauft werden.

2012 dann kam wieder ein Kameraknaller: die E-M5.

Die E-M5 hatte zwar noch einige ergonomische Stolpersteine – die Wiedergabetaste rechts oben und den Einschalter rechts unten – aber der neue 16MP- BSI-Sensor, der noch in der E-PL9 von 2018 im Einsatz ist, katapultierte die E-M5 bei der Bildqualität und der Low-Light-Fähigkeit eine ganze Stufe nach oben. Dazu kamen auch zwei revolutionär neue Features: LiveTime und LiveBulb. Live zusehen, wie das Bild entsteht – das gab es noch nirgends. Die Fachpresse und Kunden waren begeistert.

Und noch eine Kamera kam neu heraus, die TG-1, eine sturzsichere und wasserdichte Kompakte mit hochwertigem Objektiv.

2013 dann kam der endgültige Knaller – die E-M1.

Der Nachfolger der E-5 wurde natürlich zuerst kritisch beäugt. Im Vergleich zur E-5 winzig – aber die AF-Performance mit FT-Optiken war deutlich besser und auch die Bildqualität des neuen Pansonic-Sensors mit 16MP war überlegen. Die zeitgleich entwickelte E-7 schaffte es über den Prototypen nicht hinaus. Der Sucher war einfach nicht mehr größer zu bekommen, der Spiegel bremste die Geschwindigkeit der Kamera, der Hilfsspiegel die Genauigkeit des AF, die schnellen, lichtstarken mFT-Objektive waren nicht zu montieren, Video konnte prinzipbedingt nur über das Display produziert werden – überall stieß man an die Grenzen der alten Technik.

In den nächsten Jahren sollte die E-M1 schließlich durch Firmwareupdates bis zur Version 4.4 so viele Features dazu erhalten, dass viele den Nachfolger E-M1II nicht mehr für notwendig hielten. Hinzu kam ein neues Servicekonzept und eine Garantieverlängerung auf 5 Jahre. Nachdem man das Problem mit den ausfallenden Daumenrädern in den Griff bekam, bei denen die Lager dem Druck mancher Daumen nicht standhielten, war die Kamera ein zuverlässiges, professionelles Werkzeug. Das einzige Manko, das man bis zum Produktionsende nicht in den Griff bekam, war der Sucher, der bei auf Maximum eingestellten Dioptrienkorrektur und praller Sonne dazu neigte, die interne Antifreflex-Beschichtung zu verbrennen.

 

4 Replies to “Olympus 2009-2013”

  1. „dass viele den Nachfolger E-M1II nicht mehr für notwendig hielten“

    Stimmt…
    …mit drei E-M1 fühle ich mich nach wie vor gut aufgestellt.

    Schau´n wir mal, was die X oder eine MKIII bringen, aber wirkliches Investitionsbedürfnis verspühre ich noch nicht.

    jm2c, Martin

  2. Tja, hätten sie dem Woodford, er war schließlich als „President“ rechtlich verantwortlich für die Firma, wenigstens auf Nachfrage gesagt, was da gedreht wurde, hätte man das Ganze vermutlich wie gedacht abschließen können. Man kann nicht versuchen die westliche Kultur beim „niedrigen“ Personal zum Aufräumen zu benutzen und dann sagen, in dem Zimmer räumst Du nicht auf, das geht Dich nichts an, und was da so leichenartig rausstinkt, sagen wir Dir nicht, Du bist ja nur Chef. Aber das ist Vergangenheit.

    Die E-M1 ist der E-5 wirklich haushoch überlegen. In allen Belangen. Die E-M1.2 war dann wieder ein „normaler“ Fortschritt von Kameramodell zu Kameramodell. Aber ein wichtiger, was den AF betrifft.

    1. Klar, man hätte…. Aber wir waren nicht dabei und es ist die Frage ob Woodford dicht gehalten hätte. Gerade weil er, wenn er das getan hätte, sich strafbar gemacht hätte. Dass die Japaner intern dicht gehalten haben, hatte auch den Sinn, dass wirklich nur drei Leute wussten, was los ist – und sie haben dann auch nur drei Leute wirklich an den Haken gekriegt. Der Rest ist ausgesprochen glimpflich davongekommen. Das ist so ein japanisches „Ehren“-Ding. Es hat sich ja auch rausgestellt, dass sich keiner von den dreien persönlich bereichert hat.
      Und dass die Methode „wir stellen uns einen Sanierer ein, der die Drecksarbeit macht“ auf Dauer nicht klappt, haben ja schon andere Firmen feststellen dürfen. Sanierer müssen zusätzliche Kompetenzen bringen, dann klappt das. Ein Rotstift ist keine Kompetenz.

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