Gastbeitrag: Oradour-sur-Glane

Von Helge Süss

Ich habe heute einen Lost Place der besonderen Art besucht. Verloren, aber nicht vergessen. Ein Platz, der unter die Haut geht. Oradour-sur-Glane war in den 1940er Jahren ein kleines Dorf, das mit den umliegenden Weilern rund 1600 EinwohnerInnen zählte. Im Ort gab es drei Schulen, Arzt, Apotheke, Fleischer, Bäcker, eine Autowerkstatt und andere Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe. Ein Ort wie viele andere in der Region. Es gab auch einen Bahnhof der elektrischen Lokalbahn, der den Ort mit dem ca. 20 km entfernten Limoges verband.

643 BewohnerInnen von Oradour-sur-Glane, Frauen, Männer und Kinder, wurden am 10 Juni 1944 von Soldaten der SS-Division „Das Reich“ in grausamer Weise getötet. Der gesamte Ort wurde nach dem Massaker von der SS niedergebrannt. Nach Kriegsende wurde der Ort zur Gedenkstätte erklärt und ist bis heute in diesem Zustand erhalten. Nur die Brandspuren werden vom Regen der Jahrzehnte langsam weggespült.

Die Ruinen des Ortes sind heute von einer Mauer umgeben und durch das 1999 eröffnete Gedenkzentrum zugänglich. Auf Porzellankacheln gedruckte Portraits der Opfer im Verbindungsgang zwischen Gedenkzentrum und Dorf geben den Opfern Gesichter, die mich beim Gang durch die Ruinen begleiteten.

Es sind keine Ruinen, die der Zahn der Zeit aus verlassenen Gebäuden genagt hat. Es sind Ruinen, die innerhalb eines Tages durch brutale Gewalt entstanden und in diesem Zustand konserviert wurden.

Nur die Steinmauern und Metallteile, die das Feuer überstanden haben, sind erhalten geblieben. In und zwischen den Häusern liegen verstreut Fahrräder, Nähmaschinen, Bettgestelle, Werkzeug und stehen einige Autos.

Der Dorfplatz im Zentrum, eine Wiesenfläche umgeben von Häusern. Fast friedlich, wären die umgebenden Häuser keine bröckelnden Mauerreste.

Frauen und Kinder wurden in der Kirche, Männer in Scheunen und Garagen eingesperrt und getötet. Kaum einer der Verantwortlichen wurde zur Rechenschaft gezogen.

Reste eines Kinderwagens, auf dem Boden vor dem Altar.

Der Klöppel der großen Glocke, eingeschmolzen in die Reste der Glocke.

Ist es nicht langsam an der Zeit, die Geschichte ruhen zu lassen? Nein, ist es nicht. Nicht, solange solche Kriegsverbrechen noch immer geschehen.

Alle Bilder sind OOC mit der E-M1ii und dem 45mm f1,2 entstanden. Ich habe mich auf die alleinige Verwendung dieses Objektivs beschränkt und nur in Schwarzweiß mit verstärkter Gradation fotografiert.

10 Replies to “Gastbeitrag: Oradour-sur-Glane”

  1. Schon erschreckend was damals abging.
    Über die traurige Geschichte dieses Dorfes hatte ich mal in der Schule was gelernt.
    Zwischen diesem SS- Massaker und den aktuellen Kopien in der Ukraine liegen geschätzte 1500 weitere Kriege mit identischen Ereignissen.
    War eigentlich die Menschheit damals genauso bescheuert wie heute?
    Haben die Menschen in der Schule irgend etwas mitbekommen?

    Ein trauriger Andreas

  2. Danke für diesen wichtigen Beitrag, Helge. Erschütternd, erschreckend und leider kein Einzelfall.
    Lutz

  3. Ich meinen Vorredner/Schreibern nur zustimmen grausam, schrecklich und leider aktueller den je.

    erschütternde und traurige Grüße
    Andreas Dobler
    Stuttgart

  4. Hi Helge,

    hatte zu deinem Beitrag einen kleinen Mailaustausch mit Reinhard. Der sagte mir, dass du wegen persönlicher Kontakte die Möglichkeit hattest, da zu fotografieren. Mir als Mensch ohne Beziehungen blieb das das vor einigen Jahren verwehrt.
    Hatte allerdings eine „Hintertür“ gefunden und außerhalb der Öffnungszeiten ein paar Bilder – die ich nie irgendwo zeigen werde – gemacht. Den Weg, wie man rein kommt kann ich dir gerne zur Weiterleitung an die Verantwortlichen über Reinhard zukommen lassen.

    Alles in allem, dieses Mahnmal sollte jeder, der in die Gegend kommt unbedingt besuchen. Deutsche Staatsbürger dürfen sich gerne dafür schämen, auch wenn langsam Gras darüber wächst.

    Danke für deinen Beitrag.

  5. DANKE für die bildhafte Erinnerung! Trotz allem bornierten “Schwamm-drüber“-Geschwätz kann man gar nicht oft genug erinnern – und sich mit schämen … Leider lernt die Menschheit nix dazu … Und wenn überhaupt, nur retrospektiv bezüglich der Vergangenheit … Wirklich traurig …

  6. Traurige Geschichte die damals in diesem Dorf passierte. Solche Taten dürfen nicht vergessen werden, dass nicht wieder so geschehen sollte. Ganz wichtig ist, dass in den Schulen den Schülern auf solche Entwicklungen (rechte Politik mit dem Ziel die Demokratie abzuschwächen oder vernichten) sensibilisiert werden.

    Heute sehen wir Parallelen woanders wieder und ist dennoch sehr nah.

    1. Ehrlich gesagt glaube ich, daß andere als Rechte deutlich erfolgreicher sind, wenn es darum geht, Grundrechte abzubauen und Demokratien zu schwächen. Wenn man sich mal ansieht, woher der Ausbau der Überwachung der Bevölkerung, die Einschränkung oder Abschaffung einzelner Freiheitsrechte oder die Umgehung demokratischer Gesetzgebung mit Dingen wie TTIP herkommen, landet man meistens bei konservativen Parteien (inkl. SPD, Gabriel hat damals TTIP befürwortet), Tech-Unternehmen und großen Konzernen.

      Sicher sind die Rechten ein Problem, aber in meinen Augen ein viel kleineres als früher (zumindest bis jetzt noch) und ein viel kleineres als manch andere Probleme. Ich habe das Gefühl, daß die Rechten derzeit von Anderen erfolgreich zum Feindbild gemacht werden (ironischerweise), um vom Handeln dieser Anderen abzulenken. In Deutschland ist das in erster Linie die Union, die fast immer den Innenminister stellt, wenn sie ihre Finger im Spiel hat, und Unions-Innenminister sind fast immer Sicherheits-Hardliner. Jetzt treibt das Ursel von den Laien in der EU-Kommission sein Unwesen und was sollen wir bekommen? Chatkontrolle. Erstaunlicherweise spricht kaum jemand darüber. Aber Sicherheitspolitik ist auch nur ein Punkt unter vielen. Man überlege sich mal, wer ein Interesse daran haben könnte, daß sich die Ukraine dem Westen annähert, oder wer Europa als Konkurrenten sieht und gerne schwächen würde, gerade wenn die eigene Wirtschaft nicht gut läuft.

      Nach den Landtagswahlen am Sonntag wurde gesagt, viele AFD-Wähler hätten die AFD nur aus Protest gewählt. Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn das stimmt, dann sind auch hier nicht nur die Rechten das Problem, sondern die Leistungen der Übrigen. Wenn unsere Politiker ihre Arbeit besser machen würden, würden vielleicht nicht soviele Leute Rechte Parteien wählen. Auch in Italien letztens. Immer öfter habe ich den Eindruck, daß es nicht so schwierig wäre, bessere Politik zu machen. Das scheinen nicht wenige Wissenschaftler so zu sehen, wenn man sich mal entsprechende Interviews ansieht, und viele Wähler anscheinend auch.

      1. Politiker in D-Land sind unabhängig von welcher Partei sie kommen nur Lobbyisten in eigener Sache. Das was der gewöhnliche „Hinz und Kunz“ als normales Miteinander versteht ist bei keinem Politiker vorhanden.
        Weiter oben wird geschrieben, „Deutsche Staatsbürger dürfen sich gerne dafür schämen, …“. Das Zeigt ganz deutlich, wie Menschen in D-Umland von Politikern manipuliert wurden!
        Kein Deutscher der heute lebt hat dieses Verbrechen in Oradour-sur-Glane begangen. Es waren andere Leute. Folglich braucht sich niemand der heute lebt dafür schämen. Das einzigste was jeder für sich machen kann ist sich wie ein anständiger Mensch zu verhalten. Kollektivschuld gibt es nur in der Manipulationsrethorik von Politikern. Wer nicht selber denken kann fällt darauf rein…

  7. Danke Helge für die Bilder und den Bericht.
    Es ist drückend wenn man diese Bilder sieht. Ähnliche kann man heute auch schon wieder sehen. Die Menschheit lernt NICHTS!
    Bernd

Comments are closed.