Parallele Geraden

Ich weiß ja nicht, wer in der Schule projektive Geometrie hatte. Wer scharf auf ein bisschen Mathematik ist, der kann sich ja mal den Wikipedia-Artikel dazu durchlesen. Im Prinzip geht es darum, dass Räume nicht mathematisch aufgefasst werden, sondern perspektivisch. In euklidischer Geometrie sind parallele Geraden dadurch definiert, dass sie in einer Ebene liegen und sich nicht schneiden. Die Nummer kennt jeder. (Kleines Problem dabei: noch niemand hat in der realen Welt eine reale, unendliche Ebene gefunden.) Wir fotografieren aber reale Dinge mit realen Werkzeugen und da ist nichts wirklich “parallel”. Die Wahrscheinlichkeit, dass Bildebene, Schärfeebene und Objektivebene einer tatsächlich produzierten Kamera exakt parallel sind, dürfte ziemlich genau Null sein. “Ein bisschen Scheimpflug” ist also immer.

Für uns Fotografen ist also die perspektivische Geometrie essentiell. Fluchtpunkte, konvergierende Linien, das ist unser tägliches Brot und das sollten wir “draufhaben”. Wenn wir versuchen, mit dem KeyStone die Perspektive auszugleichen kriegen die Häuser schnell seltsame Proportionen und dann sind vielleicht die Kanten wunderbar parallel – und schneiden sich eben erst in Australien – aber das Bild schaut miese aus, weil die oberen Stockwerke des Hauses einfach unnatürlich aussehen.

Ein Leser hat nun – was ja absolut löblich ist – mein Objektivebuch mal wirklich gründlich gelesen und ziemlich weit hinten in einer Fußnote “Parallelen schneiden sich im Unendlichen” gelesen. Und weil er in der Schule in euklidischer Geometrie aufgepasst hat, dachte er “der Wagner erzählt Quark” und hat mir eine Mail mit Titel “Fragwürdige Aussagen” geschickt.

Da geht bei mir natürlich der Adrenalinpegel hoch – denn was passiert, wenn ich “fragwürdige Aussagen” tätige, habe ich ja in den letzten Jahren zur Genüge erfahren müssen. Aber im Endeffekt waren wir einfach nur uneins über die Geometrie, die in Anwendung kommen sollte – und er hat ganz am Anfang des Buches, wo ich in einer Fußnote zum Scheimpflug eben die Nicht-Parallelität von Ebenen in der projektiven Geometrie thematisiert habe, übersehen.

Also: rein mathematisch schneiden sich Parallelen nicht. Fotografisch eben doch. Und, weil wir ja jetzt ganz exakt sein wollen, sie laufen auf einen gemeinsamen Punkt zu. Genau das ist nämlich die Aussage der projektiven Geometrie. Es ist ja auch nicht so, dass die Geraden, die wir fotografieren, hinter dem Punkt, an dem sie zusammenlaufen, wieder auseinanderlaufen würden. Also sozusagen eine “Geradenkreuzung”. Sondern sie treffen sich eben in einem Ursprungspunkt. Und sowohl beim Zeichnen als auch beim Fotografieren nennt sich das “Fluchtpunkt”. Und weil das ja alles viel zu einfach wäre, gibt es diesen Fluchtpunkt nur bei der Zentralperspektive. In der Realität gibt es unendlich viele Fluchtpunkte,

Titelbild: Schneebergbahn 1977

6 Replies to “Parallele Geraden”

  1. Das Titelbild ist auch “fragwürdig”. Da laufen ja Geleise auf eine Weiche zu, die sich daher im sehr endlichen auf ganz natürliche Weise treffen und deren Fluchtpunkt irgendwo nach ihrem Ende in der Wiese liegt bzw. in der Unschärfe der letzten Pixel.
    Bevor es wer anderer sagt, auf einer anderen Ebene, weil da Menschen 1977 auf dem Gleiskörper stehen, der auch 2026 noch in Betrieb ist (auch wenn in dieser Konstellation der Bremsweg gut innerhalb der Sichtweite liegt, aber mach mal den Kindern den Unterschied klar).
    Mir fallen im Freien aber auch nur Bilder von mir ein, die zumindest Straßen zeigen, die so aufgenommen wurden, dass ich hätte überfahren werden können.

  2. Das Titelbild verwundert mich insofern, dass ich mich erinnern kann, dass du Reinhard vor Jahren mal eine Marketingkampagne von Olympus kritisiert hast, bei der ein Modell auf Gleisen fotografiert wurde. Im Artikel “Der, dessen Name nicht genannt werden darf” (https://pen-and-tell.de/2022/03/der-dessen-name-nicht-genannt-werden-darf/) , schreibst du sogar, dass du den Vertrag mit Olympus/OMDS deswegen gekündigt hast. Zitat “Ich habe den Vertrag aufgrund eines Marketing-Videos gekündigt, das Modelknipsereien auf Schienen zum Thema hatte.” Dies riecht mir doch sehr nach Doppelmoral und verfestigt bei mir ein Bild, das ich bei den Artikeln, die ich hier lese, schon länger habe. Es scheint nur eine Wahrheit auf dieser Welt zu geben und das ist deine.

    1. Ich war, wie leicht erkennbar ist, zum Zeitpunkt dieses Fotos 14 Jahre alt. Ich war, wie jeder, der die Situation vor Ort kennt, erkennen kann, auf dem Bahnsteig gestanden. Dazu geht es um eine Zahnradbahn mit sehr begrenzter Geschwindigkeit, ebenfalls leicht erkennbar. Und – wie man ebenso erkennt – handelt es sich hier nicht um Models, sondern um Fotografen, die sich zwischen den Schienen tummeln. Ich habe das bereits damals für fragwürdig gesehen und genau deshalb dieses Foto gemacht. Ich sehe auch nicht, wie ich dieses Verhalten hier als “vorbildlich” darstelle und zur Nachahmung anrege.
      Zum Rest: Wenn Dir meine Wahrheit nicht passt, steht es Dir frei, Deine eigene zu schaffen.

  3. Keystone Korrektur ist so ziemlich die schlechteste Perspektivkorrektur, die ich auf dem Rechner habe. Beste Korrektur liefert das Tool vom verstorbenen Altenberger. Kann komplett flach entzerren, so dass man es für Aufmaß nutzen kann. Es kann zusätzlich gefällig stauchen, abhängig von der “Höhe” des Objekts.
    Joachim Koopmann hat das Tool “geerbt” und in sein Programm integriert. Ich habe diese Version allerdings nicht getestet. Ich bin noch mit dem Original AddIn unterwegs.
    Schönen Gruß
    Werner

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