GfO: Die FT-Geschichte

Ich habe in einer Kommentarspalte mal wieder Dinge gesehen, von denen ich eigentlich dachte, sie wären längst überholt. Aber manche Geschichten entwickeln wohl ein Eigenleben und irgendwann sind sie eine „Urban Legend“. Die Geschichte „FT ist nur gebaut worden, weil damals die Kleinbildsensoren zu teuer waren“ und „Wenn die damals gewusst hätten…“.

Nein. Ich habe hier schon mal drüber geschrieben, wie man überhaupt auf die Idee mit FT gekommen ist. Da hat Kodak gar nichts mit zu tun gehabt.

Katsuhiro Takada hatte 1999 den Auftrag bekommen, ein Konzept für ein zukunftssicheres, digitales Kamerasystem mit Wechseloptiken zu entwickeln. Dabei ging es noch gar nicht um das Bajonett, sondern tatsächlich um die Optik und die Abmessungen. Die Story ging in etwa so, dass er dafür nach Paris auf ein Fotografentreffen flog und sich dort informierte, was westliche Profifotografen für Anforderungen an ein Kamerasystem stellen. Auf dem Rückflug fing er dann an, das System zu skizzieren. Nach einem halben Jahr lieferte er dann sein Konzept ab, das als Eckdaten eben einen Sensor mit den Maßen 17,3×13 mm hatte. Dabei war gar nicht die Verfügbarkeit von Kleinbildsensoren im Vordergrund, sondern die technischen und optischen Begrenzungen. Die Beugungsgrenze des FT-Sensors berechnete man jenseits von 50MP – was sowohl damals als auch heute als ausreichend für jede denkbare Anwendung eines Consumergerätes angesehen wurde.

Das Format hatte den Vorteil, dass man Optiken in höherer Qualität kleiner bauen kann. Sie werden damit bezahlbarer und transportabler. Es hat für den Profi den Vorteil, dass die Schärfentiefe größer ist. Und es hat den Vorteil, dass die Sensoren schneller sind und besser zu kühlen.

Die Sensortechnik bei FT war lange besser als bei Kleinbild. Das Rauschen war nicht zwei Stufen schlechter, sondern nur eine Stufe. Dafür gab es f/2-Zooms. Olympus entwickelte Sensoren ohne Rolling Shutter und sogar Sensoren, die gleichzeitig zwei Bilder mit unterschiedlichen Wellenlängenbereichen aufnehmen konnten. Sie waren in der Sensorentwicklung der Konkurrenz um acht Jahre voraus und in der Objektiventwicklung fünf Jahre.

Dann kam dazu, dass der Bau von Medizintechnik mit den FT-Sensoren technisch einfacher wurde. In der Medizintechnik ist Makrotechnik und die dortige Schärfentiefe extrem wichtig – da war und ist die Größe der FT-Sensoren der Goldstandard.

Und dann hat irgendwer 2016 „die Bremse reingehauen“. Ab 2017 gab es keine Innovationen mehr. Die bereits existenten Entwicklungen wurden eingestellt oder auf den Sankt Nimmerleinstag verlegt. Man klebte auf die alte Technik immer neue Etiketten drauf und verkaufte sie für noch mehr Geld. Das Marketing wurde auf bezahlte Influencer umgestellt.

Kleinbild konnte aufholen.

Die FT-Sensoren waren immer noch unschlagbar schnell – aber OMDS kam auf die grandiose Idee, Kameras auf den Markt zu bringen, bei denen die Sensoren kastriert wurden. Langsame Verschlüsse, winziger Speicher, lahme SD-Laufwerke.

Kleinbild zog vorbei.

FT hatte auf allen Ebenen geführt – auch aufgrund des kleineren Formats. Der Staubrüttler war im kleinen Format einfacher zu realisieren. Der Stabi war durch die geringeren Massen leistungsfähiger. Die Kühlung war einfacher, weil der Sensor nicht so heiß wurde. Die Sensoren waren irrsinnig schnell – auch aufgrund der kurzen Leitungen. Es gab die Top-Pro-Reihe die unschlagbare Bildqualität lieferte. (und liefert)

Die anderen hatten ein Jahrzehnt Zeit, aufzuholen und vorbeizuziehen.

Jetzt ist der nächste Innovationssprung da: LOFIC. Ein LOFIC-Sensor für mFT ist weit einfacher zu bauen als ein LOFIC für Kleinbild. LOFIC im 1″-Bereich gibt es schon und schlägt Kleinbild. Als hätte es Takada 1999 bereits gewusst. 50MP auf FT mit 18 Blenden Dynamikumfang? Klar, kein Problem.

Die Frage ist also nicht ob FT/mFT den Kleinbild-Systemen unterlegen ist – ist es nicht. Die Frage ist, ob jemand auftaucht, der den möglichen technologischen Vorsprung von mFT wieder herstellt. Oder ob die Totengräber von mFT weitermachen dürfen.

Olympus hat 1999 alles richtig gedacht. Das 14-54, das vor zwei Jahrzehnten rauskam ist immer noch ein Super Objektiv. Lediglich das Pana 12-60 f/2,8-4,0 schlägt es, (Die 12-60 von Olympus sterben mittlerweile alle mit Blendenklemmer.) ist aber nicht so gut korrigiert. Der Marktanteil ist bis 2016 gewachsen. Olympus war damals Marktführer im Bereich Spiegellos. Sony, Nikon und Samsung waren da nur Grundrauschen. Lediglich Canon mit der M hatte Aussicht nach oben.

Die V-Serie von Nikon ist weg, die M-Serie von Canon ist weg, Samsung ist ganz weg und Sony hat sich dann auch ein neues Bajonett ausgedacht. mFT ist mittlerweile das älteste spiegellose Bajonett am Markt. Alles richtig gemacht.

Man hätte sich nur nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen dürfen.

Titelbild: Ein Model, das seinerzeit bei der Präsentation der E-P1 in Berlin im Retro-Badeanzug rumstehen und die Kamera präsentieren durfte. Dem Kenner fällt sofort auf: das kann nicht funktionieren, das 14-42 ist nicht ausgefahren. So kann man nicht knipsen. Aber man kann nicht alles haben…

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