GfO: Bands filmen

Ich filme mittlerweile seit über 20 Jahren Bands. Kleine, große, bekannte, unbekannte. Gegen Cash und ProBono. Und seit 16 Jahren filme ich mit Systemkameras und bin damit wahrscheinlich Rekordhalter, weil wir, als wir das erste Festival komplett mit E-P2 gefilmt haben, damals von allen anderen für komplett verrückt erklärt worden sind. (Übrigens inklusive der Marketingabteilung von Olympus, die nicht geglaubt haben, dass das überhaupt geht.)

Und ich habe da mittlerweile einiges gelernt, das mit dem, wie „Profis“ mit großem Budget an die Sache rangehen, differiert. Und übrigens auch, wie viele „junge, hippe Creator“ es versuchen. Einige der Tipps sind natürlich Common Sense – aber ich sehe immer wieder Leute, die die simpelsten Regeln wohl nie gehört haben.

  • Zuerst mal das Tonproblem lösen. Mischpultton ist gut, aber nicht alles. Immer auch Saalton aufnehmen. Idealerweise an einem Punkt, für den der Mixer den Ton eingestellt hat und an dem keine Leute rumstehen und sich anbrüllen. Da man weder Einfluss auf die Gespräche des Publikums noch auf die Kompetenz des Mixers hat, hat sich bewährt, einen PCM-Recorder an die Bühne zu stellen UND alle verwendeten Kameras mit ausgeschaltetem Limiter und -10 auf die Empfindlichkeit der internen Mikros zu stellen. Das Weglassen jeder einzelnen „Verteidigungslinie“ kann beim Schnitt das Ergebnis ruinieren. Es gibt mittlerweile Tonmenschen, die anbieten, den Output der Einzelspuren auf einen Stick zu schieben. Ich habe es jetzt erlebt, dass einer nicht nur bei drei Viertel der Spuren „vergessen“ hat, auf „Speichern“ zu drücken, sondern auch so schlau war, die „Quantisierung“ einzuschalten. Damit „korrigiert“ das Mischpult bei der digitalen Ausgabe selbständig den Rhythmus und so laufen Ton und Video nicht mehr synchron. Tonne. Also aufpassen und nachfragen. Manche Tonmenschen haben absolut keinen Plan, an was für einem Stück Technik sie da rumwursteln. Dann lieber die Saalsumme analog abnehmen.
  • Genügend Kameras aufstellen. Absolutes Minimum sind zwei Fix-Kameras und eine Handkamera. Wirklich gut sind drei Kameras auf der Bühne – links, rechts und ein Weitwinkel oder Fisheye über dem Schlagzeuger. Dazu eine Zentralkamera von der Mixerposition und dann so viel Handkameras wie man kriegt. Die Handkameras sind für den Groove und die tiefen Perspektiven nötig. Die fixen Kameras sind die Verteidigungslinien gegen Totalausfall. Reine Fixkamera-Videos wirken statisch und langweilig, da helfen auch extrem schnelle Schnitte nicht. (Die helfen sowieso nicht.)
  • Rigs und Gimbals: Klar, wenn man allein im Fotograben ist und hinter einem keine besoffenen Fans, dann ist ein großes Rig ne tolle Sache. Und ein tolles Gimbal – supi. Aber wenn Sie innerhalb von einer Sekunde von Stage Left nach Stage right hechten müssen um zwischen zwei Monitoren das legendäre Solo zu kriegen, dann sind Rig und Gimbal krass im Weg. Ich filme immer ohne und bei Vergleichen war ich immer schneller und mobiler als die Kollegen mit dem ganzen Gerödel.
  • Kriegt man keine Fixkameras auf die Bühne, braucht man die Zentralkamera als Rettungsanker und dann mindestens drei Handkameras, bei denen die Kameraleute wirklich was drauf haben. Und das meine ich ernst. Drei, vier Events sollten die Kollegen schon hinter sich haben – bei denen sie auch den Schnitt gemacht haben. Denn nur dann merken sie, was man auf keinen Fall machen darf, weil das Material sonst für die Tonne ist.
  • Kameraeinstellungen: FHD 30fps. 1/30s, ISO 400, Blende irgendwas 2,8 oder 3,5. Videomodus M. S-AF+MF. M-IS2. Das ist so die Einstellung für Standardbühnen. Winzige Clubs sind manchmal schlechter beleuchtet, da kann man mit der ISO hochgehen und notfalls mit der Blende auf 2.0. Aber 4K? Und 0,95er Objektive? und 60p? 4K und 0,95er sind dodal supi. Material, das in FHD noch als brauchbar durchgeht, ist in 4K Grütze. 0,95er Objektive sind cool – wenn man unscharfe Musiker haben will. Und 60p? Wozu? SloMo? Das ist die Ausrede für die Filmer, die ihre Clips nicht synchron kriegen. Und man verliert eine ganze Blende Licht. Und ein Event hat nicht 100GB Daten, sondern ein halbes Terrabyte. Das muss der Rechner auf einmal verarbeiten können, und man muss ein Backup fahren können. Und zwar nicht nur für dieses eine Event – nein, für jedes Event. Wenn man nur zehn Bands im Jahr filmt, sind das 5 Terabyte. Ich habe vor zehn Jahren ein Event gemacht und damals mangels Speicherplatz die Originaldaten nach dem Schnitt gelöscht – ich dachte, brauche ich nie mehr. Irrtum.
  • Weißabgleich 4200K oder 4400K. Erfahrungstatsache. Das ist die Lichtfarbe, die heute auf den Bühnen vorherrscht. Fest einstellen. Bei allen Kameras.
  • Orga der Handkameras: Wenn man so viel Handkameras wie Musiker hat, ist die Sache einfach. Jeder nimmt sich einen vor und bleibt dran. Manndeckung. Je weniger Handkameras man hat, desto diffiziler wird das. Man muss zur Raumdeckung übergehen und mit einem Auge immer antizipieren, was im eigenen Bühnenbereich als nächstes passiert. Die Bereiche müssen klar definiert sein – und auch, wer eventuelle Schwenks ins Publikum macht. Wer für den Drummer zuständig ist, muss Fill-Ins und Wirbel mitnehmen. Bei der „Raumdeckung“ braucht es zwingend einen „Libero“. Einen Ausputzer, der alle Solisten mitnimmt. Egal, wer Solo spielt/singt, der „Libero“ muss das drauf haben. Die „Raumdecker“ dürfen die Solisten nur mitnehmen, wenn gerade nichts anderes abläuft. Oft passiert es, dass die beiden Gitarristen hinter dem Rücken des Sängers eine Show abziehen. Der Libero muss den Sänger haben, der Raumdecker die Gitarrenshow.
  • Ohrstöpsel. Manche Bands finden knallharte Drumbeats ultrageil. Als Filmer steht man direkt vor der Box und kriegt alles ab. Alles. Ohrstöpsel sind Pflicht.
  • Perspektive: Die Fixkameras können gerne so weit oben sein, wie man rankommt. Die Handkameras sind ideal auf Monitorhöhe oder sogar zwischen den Monitoren. Dadurch bekommt man die Scheinwerfer im Bühnenhintergrund hinter die Musiker. Das sieht nicht nur gut aus, sondern sorgt auch dafür, dass man das Licht nicht direkt ins Objektiv geknallt bekommt.
  • Brennweiten: Vorne an der Bühne gibt es kein besseres Objektiv als das 14-35. Es hat mit 2.0 ausreichend Reserven, ist ab 2,8 für FHD ausreichend parfokal. Mit dem Videozoomrahmen der E-M1II/III/X oder OM-5 (NICHT OM-5II) hat man in FHD ausreichend Reichweite, dass man bis in eine Entfernung von 5 Metern CloseUps machen kann. Das reicht für viele Bühnen aus. Wenn man eine Handkamera nur für die Bühnenvorderkante hat und jemand, der Weitwinkel „kann“, dann ist auch das 11-22 oder das 12-40 eine Maßnahme. Letzteres ist mir zu leicht, die „Wobbelgefahr“ steigt.
  • Autofokus: Kein C-AF. S-AF+MF. Üben, mit dem MF scharf zu stellen, Fokuspeaking im Video funktioniert und hilft etwas, ansonsten mit dem Zoomrahmen scharf stellen. (Die OM-1/3/5II haben den nicht mehr. Die Kameras sind für den Handbetrieb unbrauchbar.) Fixkameras auf S-AF stellen und vor dem Start einen AF laufen lassen. (Bei MF passiert es leider oft, dass man beim Aufstellen den Fokus nicht perfekt erwischt, weil die Kamera an der Wand hängt.)
  • Zoomrahmen: Ich setze den Zoomrahmen auf den Button neben dem roten Knopf, weil der da gut für meinen Zeigefinger liegt. Anfänger drücken dann in der Hektik gerne den falschen Knopf, was natürlich das Video beendet. Üben.
  • Schwenks, Zooms: Schwenks auf der Bühne sind extrem schwer und überhaupt nur zu rechtfertigen, wenn man einem Sänger oder Gitarristen während des Solos folgt. Wenn man zwischen zwei Musikern wechselt, unbedingt so schnell wie möglich. Im Ziel Kamera ruhig halten. Der Sänger kann ruhig aus dem Bild gehen – Kamera trotzdem ruhig halten. Im Weitwinkel unterhalb 17mm nochmal besser aufpassen, damit man sich keinen Wobbel einfängt. Nicht die Nerven verlieren. Verwackeltes Zeug ist Müll. Wenn man blöderweise den falschen Gitarristen in den Fokus genommen hat und der andere das Solo spielt – Shit happens. Drauf bleiben. Und hoffen, dass der Solist von der Fixkamera oder vom Kollegen erwischt wurde. Und keine langsamen Zoomfahrten. Bei den meisten Objektiven klappt das sowieso nicht, weil sie nicht parfokal sind und frei Hand einen Zoom ohne Wackelei durchzuziehen ist echt was für Fortgeschrittene. Und man weiß ja nicht, ob der Musiker am Ende des Zooms überhaupt noch da ist.
  • Mitgrooven. Nein. Niemals. Die Illusion, nur weil man im Takt mitwippt, wäre das Material voll groovy – spätestens beim Schnitt zerbröselt das.
  • Muskeln werden lahm. Hält man einen Musiker länger im Fokus, so tendiert die Kamera dazu, sich nach unten zu bewegen. Irgendwann fällt einem das auf und man reißt die Kamera wieder hoch. Wenn man sich auf den Musiker konzentriert, fällt das zu spät auf, der Musiker bewegt sich ja. Also den Bildausschnitt an einem Stück Hardware festmachen. Verstärker, Hintergrunddeko, Schlagzeug. Dann hat man eher eine Chance, den Ausschnitt zu halten.
  • Instrumente: Gitarren immer ganz filmen, oder zumindest so, dass beide Hände drauf sind. Bässe auch. Generell: alle Hände, die die Musik machen. Selbst eine Triangel: eine Hand hält, eine Hand schlägt. Ja, das ist bei 16:9 nicht so simpel, also irgendwas in den Hintergrund setzen, das die Leere ausfüllt. Orgel ist natürlich schwierig, eventuell mit zwei Kameras und dann bei den Bässen auf die Füße schneiden. Gesicht ist nett, aber wenn der Musiker nicht wirklich sehenswerte Gesichter schneidet oder der Weltstar persönlich ist, haben die Instrumente Vorrang. (Deshalb gerne von unten. Da hat man die Klampfe quer voll drauf und oben noch das Gesicht.) Ausnahme natürlich: Sänger, Blasinstrumente.
  • Mikroständer, Notenständer, Tablets. Die Pest. Gleich von Anfang an einen Platz suchen, von dem man um das Zeug rumfilmen kann. Zoomrahmen nutzen. Wenn man eine tolle Einstellung hat und im Vordergrund macht sich ein hölzerner Notenständer breit, ist das Ding für die Tonne. Ja, meistens kommt man um den Spargel nicht rum, aber man sollte ihn zumindest an den Rand des Bildes verbannen.
  • Stage left. Das ist der Punkt „to be“. Die meisten Sänger sind Rechtshänder, damit ist die linke Gesichtshälfte frei. Also kriegt man sie von „Stage left“ sauber. Wenn man eine zweite Handkamera hat, ist der Platz direkt vor der Bühne, zwischen den Monitoren. Dann können die Musiker über dem Filmer eine Show abziehen. Profimusiker wissen das. Wer vor der Bühne rumturnt, sollte so weit runter gehen wie möglich. Das hat mehrere Gründe: Erstens versperrt man den zahlenden Fans nicht die Sicht. Zweitens werden die Musiker größer und die Halle höher. Drittens kriegt man das bessere Licht. Und Viertens ist die Chance größer, dass man nicht auf den Videos der Fix-Kameras und des Kollegen drauf ist. Ach ja: „Stage left“ ist von der Bühne aus links. Wenn man vom Saal aus kuckt, heißt das „Audience right“. Stage left ist aber kürzer und gebräuchlicher.
  • Attraktive Musiker. Ich habe es oft erlebt, dass Filmer so von einer musizierenden Person eingenommen sind, dass von allem Material, was sie abgeliefert haben, nur diese Person scharf gefilmt wurde. Bei allen anderen Musikern wurde verwackelt, nur kurz draufgehalten und dann gleich wieder weggeschwenkt. (Mindestens 4 Sekunden ruhig auf dem Musiker bleiben!) Das ist nicht professionell. Nicht mal, wenn da ein Superstar auf der Bühne steht.
  • Durchfilmen. Jeder Unterbruch muss beim Schnitt neu synchronisiert werden.
  • Und, natürlich, dunkle Klamotten. Am besten sind schwarze Team-T-Shirts, dann sieht nämlich sowohl die Band als auch das Publikum, dass da jemand seinen Job macht und nicht aus Jux und Tollerei in der Sicht steht.
  • Beim Schnitt: Das A und O ist musikalischer Schnitt. Also wo immer möglich, auf die Musik schneiden, nicht notwendigerweise auf den Takt, die Musik ist wichtig. Und natürlich passend auf den Solisten wechseln. Patterns und Soli ausspielen lassen. Ausnahme bestätigt die Regel. Wenn eine zweite Stimme die Catchline reinruft, kann man sehr gut auf die schneiden. Immer die Musik verstärken. Wer glaubt, sich beim Schneiden selbst verwirklichen zu müssen, macht was falsch.
  • Mach es nicht umsonst und nicht ohne Vertrag. Die wenigsten Musiker sagen „Danke“. Kläre mit einem eventuellen Management, was Du für eine Qualität lieferst, und ob das so OK ist, und wer hinterher die Rechte hat. Es gibt Managements, die den Daumen auf allem Videomaterial haben wollen, damit die Musiker nicht einfach den Vertrag kündigen können. Es gibt auch Manager, die für Videos in schlechter Qualität Ja und Amen sagen – aber wenn das Video wirklich gut ist- und wenn man sich ein bisschen anstrengt, kann man locker ein Video machen, das die Videos vieler Bands richtig, richtig alt aussehen lässt – untersagt das Management die Veröffentlichung wenn man nicht alle Rechte abtritt. Und so ein Video ist verdammt viel Arbeit. Also vorher abklären.
  • Ich habe es mehrfach erlebt, dass wir eine Vorband gefilmt haben und die Hauptband große Augen gekriegt hat und auch haben wollte. Und sobald die Hauptband das Video hatte, war sie nicht mehr erreichbar. Cash direkt vor Ort. Vorkasse. Ohne Moos nix los. ProBono-Videos mit der „Argumentation“ „Das ist doch auch für Dich Werbung“ funktioniert nicht. Auf keiner Ebene.
  • Vorsicht bei den Rechten. Viele Bands spielen Cover. Da kann es passieren, dass man bei YouTube einen Copyright-Strike kriegt. Das kann den eigenen Kanal lahmlegen, wenn man da mehr von der Sorte bekommt. Monetarisierung ist noch mal eine ganz andere Nummer. Hat die Band selbst die Rechte, kann es passieren, dass man irgendwann Probleme mit dem Management kriegt. Also immer saubere Absprachen treffen und sich alles am besten schriftlich – Mail reicht – geben lassen.

Ich habe schon vor einigen Jahren mal ein paar Regeln zum Videodreh aufgestellt. Die sind natürlich auch gültig, aber hier geht’s eben speziell um Bands.

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