10 Regeln für Video

Mein letztes Buch ist fertig, und deshalb sitze ich mal wieder am Schneidecomputer und arbeite liegengebliebene Videos auf. Bei einigen Videos bin ich begeistert, weil ich mit Leuten zusammengearbeitet habe, die wussten, was sie da machen – und bei anderen nage ich die Tischkante an , weil ich mich breitquatschen habe lassen und mit Leuten gedreht habe, die ambitionierte Hobbyisten sind – und so gut wie keine Erfahrungen mit Video haben, aber eben den Versprechungen der Industrie geglaubt haben, was man alles unbedingt braucht, um gaanz tolle Videos zu drehen. Nur hat ihnen niemand gesagt, dass man dazu zu allererst mal KnowHow haben muss. Das kann ich über Blogs und Bücher nicht wirklich vermitteln. Ein bisschen was davon gebe ich in meinem Videokurs weiter, aber nicht umsonst ist Kameramann ein Ausbildungsberuf und so gut wie jeder einzelne Job beim Film ist eine Sache für Spezialisten. Und der Independent-Filmer muss das eben alles alleine machen.

In meinem allerersten Videokurs vor Jahren habe ich den Leuten zuerst gesagt, dass sie es vergessen sollen, alleine Video zu machen. Die Leute saßen da drin und waren erstmal geschockt und unwillig. Dann haben wir den Tag über gedreht und hinterher haben sie mir alle Recht gegeben. Einer meiner Kursteilnehmer hat dann anschließend sogar ein Buch geschrieben „Filmen mit Systemkameras“ Roggemann hat ja in seinem Blogbeitrag vom Stunt von Lena erzählt. Was er nicht erzählt hat, war, dass Lena in kniehohe Brennesseln gefallen ist. Action filmen ist nicht ohne. Video generell ist nicht einfach Fotografieren mit mehr Serienbild.

In meinen ganzen Kursen gebe ich angehenden Videofilmern immer ein paar Regeln mit auf den Weg. Wie alle Regeln kann man die brechen. Und manchmal muss man sie brechen. Aber es ist echt zu empfehlen, sich für das erste Dutzend Filme an diese Regeln zu halten..

  1. Arbeite nicht ohne Plan. Mache Dir vorher Gedanken darüber, was Du zeigen willst, mit welchen Mitteln Du es zeigen willst, wie lange Dein Film sein soll, welche Perspektiven Du vom Motiv zeigen willst, wie viele Kameras Du parallel brauchst und was Du an Requisite brauchst. Wird das Licht aus der richtigen Richtung kommen und darfst Du dort überhaupt drehen. Schreib alles auf. Mache ein sekundengenaues Drehbuch und einen Drehplan. Je genauer das Drehbuch ist, desto weniger Überraschungen gibt’s beim Dreh und beim anschließenden Schnitt. (Du willst nur für Dich alleine drehen und nicht „professionell“? Und denkst deshalb, Du brauchst das nicht? Die „Profis“ machen das nicht, weil dieses Vorgehen besonders „cool“ oder „professionell“ ist. Sie machen das, weil es viel Geld und Zeit spart. )
  2. Arbeite nicht allein. Never. Wenn der Auftraggeber sagt, er hätte nur Budget für eine Person, dann soll er sich ein Eis am Stil kaufen, aber keinen Video drehen wollen. Selbst wenn Du selbst Regie führst und Kamera bedienst, brauchst Du eine Regieassistenz. Das ist die Person, die alles das sieht, was Du durch den Sucher der Kamera nicht siehst. Die mal einen Passanten aufhält, auf schiefe Krawatten aufpasst oder sieht, dass das Makeup Mängel hat, eine Szene noch fehlt, im Drehbuch anders steht oder der Schauspieler gegrinst hat. Die Assistenz ist während des Drehs extrem lästig, aber entscheidet über die grauen Haare beim Schnitt. Kein Dreh ohne Assistenz. Zweiten Kameramann organisieren, für einen Gegenschnitt. Bei Dokus ist jede Kamera mehr Gold wert.
    Jemanden, der sich nur um den Ton kümmert. Je mehr Spezialisten man hat, desto weniger Fehler werden gemacht und desto flüssiger geht der Dreh und der anschließende Schnitt.
    Catering. Jemand, der das Team mit Essen und Trinken versorgt. Kein Witz. Wenn die Leute dehydriert in den Unterzucker rutschen kriegen sie schlechte Laune und machen Fehler. Gut organisiertes Catering ist die halbe Miete.
    Ein Roadie. Jemand der sich um Transport und Bereitstellung der Ausrüstung kümmert. Vielleicht auch mal einen Reflektor halten kann.
    Merke: Filmteams sind nicht deshalb groß, weil die Studios zu viel Geld haben, sondern weil die Leute gebraucht werden.
  3. Verwende sinnvolle Technik. Du hast davon gelesen, dass man „Vollformat“ und 4K braucht, um den „coolen Filmlook“ zu kriegen? Das ist Unfug. Der Kleinbildfilm ist zwar Kinofilm – aber der wurde beim Kino quer genommen. Nicht längs. In Summe ist Kinofilm genauso hoch wie mFT, und kaum breiter. „Filmlook“ gibt’s also nicht mit Kleinbild, sondern mit mFT. Aber die geile Unschärfe? Jepp. Wenn Du einen Schauspieler hast, der sich keinen Millimeter aus der Schärfentiefe bewegt, dann funktioniert das. In allen anderen Fällen hast Du verloren. Ach ja, besorg Dir für die Unschärfe noch ein Dutzend Graufilter. Pro Objektiv. Blende zumachen oder kürzere Belichtungszeit ist nämlich keine Option…
    4K? Produzierst Du für die große Kinoleinwand und hast einen ganzen Rechnerpark für den Schnitt? 4K ist klasse. In allen anderen Fällen bringt Dir 4K nur absurden Ressourcenverbrauch. Lass Dich nicht von den Möglichkeiten, nachträglichen Zoomens und Schwenkens täuschen. Das schaut einfach nur billig aus – und nicht professionell. Kleinbild und 4K? 4K hat doppelt so hohe Anforderungen an die Schärfeebene. Man sieht den kleinsten Fehler. Elektrische Gimbals von Ronin, Aufsteckmikros von Rode, externe 4K-Monitore. Kamerakäfige. Mattebox. Schaut alles fett professionell aus, verlangsamt aber Dein Handling. Je weiter Du durch die ganzen Apparillos von der Kamera weg bist, desto aufwendiger wird das Filmen. Mit einem Handy kannst Du alleine filmen. Mit einem Dolly mit Fokuszieher brauchst Du drei Mann nur für eine Kamera und zwei Mann zum Aufbau. Keep it simple and stupid. Klar ist richtig gutes Equipment wichtig. Aber der Film wird nicht mit dem Equipment besser, sondern zuerst mit dem Können der Crew. Ein richtig guter Film fasziniert auch auf VHS – ein Langweiler mit mieser Kamera und miesem Schnitt ist auch in 8K öde.
  4. Stell Deine Kamera richtig ein. Die „Post“ ist nicht dafür da, Schludrigkeiten beim Dreh auszubügeln, sondern zusätzliche kreative Möglichkeiten zu schaffen. Flat-Profile sind kein Selbstzweck. Sorg dafür, dass Dein Licht passt. Kümmer Dich um korrekten, festen Weißabgleich an allen Kameras. Stell, wenn immer es geht, auf vollmanuellen Modus. Pumpender Weißabgleich und pumpende Belichtung ruiniert die Einstellung.
  5. Schalt den AF ab. Und wenn die Influencer noch so begeistert über irgendwelche vermeintlich revolutionären C-AFs sind. Die Dinger pumpen und ruinieren damit die Einstellung. Wenn Du bei ner Doku nicht für jede Einstellung den MF sauber einstellen kannst, stell die Kamera auf S-AF+MF; dann kannst du jederzeit einen S-AF auslösen, aber die Kamera macht sich nicht selbständig.
  6. Das Motiv bewegt sich. Nicht die Kamera. Wenn sich etwas nicht bewegt, dann macht man ein Foto, keinen Film. Keine Schwenks machen. Keine Zooms. Außer sie haben einen dramatischen Zweck – bei Schwenks muss am Ende des Schwenks eine Überraschung lauern oder man folgt einem Motiv mit der Kamera. Für Zoomfahrten gilt das Gleiche. Am Ende des Zooms muss der Grund des Zooms liegen. In beiden Fällen muss auf die Schärfeebene geachtet werden. Sonst sieht das alles nur schlecht aus. Und verwende ein Stativ wenn es möglich ist.
  7. Sorge für guten Ton. Der Ton ist im Allgemeinen auf der Kamera am schlechtesten. Das Mikrofon hat auf der Kamera nichts zu suchen. Kann man bei Dokus, wenn es nicht anderes geht, machen, aber wenn es irgend geht, externen Ton. Das Mikro muss dort sein, wo der Ton gut ist. Und nirgends anderes. So nett das mit dem direkten Kabel in die Kamera ist. Guter Ton erfordert einen eigenen Tonmann, der den Ton auch während der Aufnahme kontrolliert. Das ist nicht Sache des Kameramanns.
  8. Beschäftige Dich mit Bildaufbau. Gefilmt wird Breitformat. Mindestens 16:9. Das muss anders aufgebaut werden als 4:3. Wenn man eine stehende Person in 16:9 fotografiert, hat man unendlich viel leeres Bild – da braucht man Motiv. Zentraler Aufbau ist meistens nicht die gute Idee dafür.
  9. Catering. Sorge dafür, dass alle Leute ausreichend Essen und Trinken haben. Ich kenne mehrere Projekte, die dachten, irgendwer besorgt schon was zu essen – und die daran gescheitert sind. Abends Pizza bestellen ist keine Option. Das Essen muss dann da sein, wenn wer Hunger hat. Nicht umgekehrt. Unterschätzt das nicht. Je besser das Essen, desto kreativer und ausdauernder das Team.
  10. Glaube keinen „Profis“. Die wenigsten wirklich guten Leute teilen ihr Wissen gratis. Und nur weil jemand fürs Privatfernsehen arbeitet oder nen Kanal bei YouTube hat, bedeutet das noch lange nicht, dass er gut ist. Im Zweifel mal ankucken, was der so produziert. Und dabei nicht auf irgendwelche technischen Gimmicks oder die unsäglichen Zeitlupen reinfallen. Film ist Geschichten erzählen. Zeitlupen sind geil, wenn sie einen dramaturgischen Zweck haben. Ansonsten machen sie nur darauf aufmerksam, dass der Drehbuchschreiber Zeit schinden musste, weil ihm die Story ausgegangen ist. (Actionszenen sind auch beliebt – man spart irrsinnig an Dialog.)

Und ja, ich rede hier immer von „Männern“ – Tonmann, Kameramann. Es gilt für Frauen genauso. Ich kann nicht gendern, so dass man es noch lesen kann. Also lass ich’s bleiben.

2 Replies to “10 Regeln für Video”

  1. Vor einigen Jahren habe ich mal meine Brötchen als TonMANN beim Fernsehen verdient – seit dem weiß ich, dass ich das mit dem Filmen bleiben lasse!
    😉

    Standbild reicht mir…

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