Gastbeitrag: Mit der E-PM1 in Afghanistan

Von Ulf, vom 24.10.2012, übertragen aus pen-and-tell.blogspot

Anfang Oktober flog ich für eine Woche nach Afghanistan. Eine Geschäftsreise für unser Umweltconsultingunternehmen. Nicht, dass mich diese Aussicht im Vornherein geschockt hätte – Land, Kultur und Sprache sind mir recht gut vertraut, und ich hege große Sympathie und Respekt für das tapfere, kriegsgeschundene Volk. Nur: die Sicherheitslage war zuletzt drastisch schlechter geworden.

Afghanische Freunde warnten mich deutlich davor, die dicke DSLR-Ausrüstung mitzubringen – zu viele Bildjournalisten mit schwarzen Großgeräten seien in den letzten Jahren von der Straße weg entführt worden. Unauffällig kompakt müsse die Kamera sein und „harmlos“ aussehen, nur dann könne man noch fast überall gefahrlos photographieren.
Klarer Fall also im Dienste der Sicherheit: Diesmal keine staubdichte E-5 mit besten FT-Optiken, stattdessen eine kleine, „harmlose“ E-PM1 mit Standard-Kitzoom, welche ich freundlicherweise von Olympus aka Reinhard für drei Wochen geliehen bekam. Und, naja, ein eigens noch schnell besorgtes, kompaktes 1.8/45mm musste dann doch noch mit, für alle lichtarmen und freistellungstechnischen Spezialfälle.
Diese Festbrennweite – landläufig als Porträtobjektiv „vorverurteilt“ – bewährt sich gleich schon auf der Hinreise zwischen Frankfurt und Kabul in mehrfacher Hinsicht.

Unauffällige ISO1600-Schnappschüsse im Duty-Free-Bereich des Istanbuler Flughafens (Titelbild) gelingen mit dem 45er ebenso wie knackscharfe Luftbilder über dem Iran kurz nach Sonnenaufgang.

Im Bild der Demavand, ein über 5600m hoher Vulkankegel im Elbursgebirge, zweithöchster Berg des gesamten Vorderen Orients. 

Die Landung in Kabul bringt die erste Überraschung: Das Land ist – im Vergleich zu vor acht Jahren – modern geworden. Eine Armee von aus Japan gespendeten Photovoltaik-Titanen reckt sich vor dem Flughafengebäude in die Höhe,…

 …und afghanische Pilger werden per Touristikunternehmen auf den (!) Hadsch geschickt.

Das Pilgergruppen-Bild konnte natürlich nur „aus der Hüfte“ entstehen – tatsächlich bemerkte niemand die kleine E-PM1 mit dem Kit-Zoom.
Unser zentral gelegenes Hotel in Kabul gleicht einer Festung. Mehrere Sicherheitsschleusen, hohe Mauern. Dahinter eine Oase der Ruhe und Harmonie mitten in der 5-Millionen-Metropole – man schaue sich nur mal den traumhaft gepflegten Garten an…

Seinen Ursprung hat der Draußen-drinnen-Gegensatz natürlich in den massiven Sicherheitsbedenken und -bedürfnissen der allermeisten westlichen Ausländer – und ihrer Institutionen.
Eigentlich behagt mir das gar nicht: völlig abgenabelt von der afghanischen Realität draußen wird man hier im Hotel nach bestem westlichen Standard hofiert – für viele Dollars. Man ist in Afghanistan angekommen, aber eben irgendwie auch nicht wirklich.

Tagsüber fahren wir in gepanzerten Offroadern durch die Stadt, von A nach B, ohne Zwischenstopp. Viel lieber würde ich bei Tageslicht draußen „frei“ herumlaufen, mich mit den Menschen unterhalten, ohne Anzug und Krawatte, ohne Sicherheitsauflagen (wie vor einigen Jahren als Uni-Dozent). Aber nein, die Sicherheitslage ist, wie sie ist, und ich habe hier jetzt meine geschäftliche Aufgabe zu erfüllen. Und da erleben wir die „normalen“ Afghanen zunächst fast nur als Randerscheinung, z.B. in einem Ministeriums-Treppenhaus (Schnappschuss mit dem 45er bei ISO1600).

Dieses Abgeschottetsein wird sich aber glücklicherweise auf dem anschließenden Teil der Reise ändern: nördlich des Hindukusch in Mazar-i Sharif.

Übrigens: alle RAWs sind ausschließlich mit dem Olympus Viewer 2 (Vers. 1.41) entwickelt und in JPGs umgewandelt worden. Das geht gerade mit der Stapelverarbeitung recht flott und gut.

Der vorerst letzte Tag meines Aufenthalts in Kabul endete mit einem Knall.

Nämlich dem Aufschlag der E-PM1 auf der Betondecke einer Kabuler Seitengasse. Durch einen Schubs von hinten aus der Hand befördert, prallte die Kit-Kombination (Body + 14-42 II R) aus knapp einem Meter Höhe auf und schlitterte weiter. Noch jetzt wird mir ganz flau, wenn ich an dieses scheppernde Geräusch denke…

Mit geringen Erwartungen hob ich die Pen wieder auf und war zunächst erstaunt: Nur ein paar Kratzer unten am Gehäuse und zwei Einkerbungen am Kit-Zoom. Überraschenderweise funktionierten nach dem Einschalten auch Zoommechanik und AF wie vorher. Mein erstes Aufatmen wurde allerdings durch das langanhaltend ratternde Geräusch beim Anschalten und das blinkende IS-Symbol geschmälert – hier war wohl doch mehr passiert.

Das Abschrauben des Objektivs brachte Gewissheit: die Sensoraufhängung war so lädiert, dass der Sensor nunmehr um rund 10° schief hinter dem Bajonett hing. Klar, dass da kein Bildstabi mehr funktionieren kann…

Glück im Unglück: die unverändert lotrechte Sensorebene. Also war ab jetzt lediglich eine ruhigere Hand und ein linkslastiges Schiefhalten der Kamera gefordert, um – Gott sei Dank – eine tadellose Bildqualität zu erhalten!

Zufällig hat mich freundlicherweise ein Fachkollege in dieser Schieflage abgelichtet:

© Wolfram R. Bauer, Berlin [mit einer Panasonic GH2]

Mit dieser Hypothek flog ich also am 8.Oktober über den Hindukusch nach Mazar-i Sharif – und vergaß das Kameraproblem angesichts der gigantischen Motive ziemlich schnell.

Die Provinzhauptstadt Mazar-i Sharif, mit über 400.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Afghanistans, ist nämlich faszinierend gelegen: Die im Süden steil auf knapp 2.000 Meter aufsteigenden Berge verleihen der selbst nur auf 350 m Meereshöhe gelegenen Region ein tolles Panorama.

Das zeitverlorene Flair in großen Teilen des Flughafengeländes (auf den modernen Bereich komme ich am Schluss) gibt einen malerischen Blickfang ab – vor dieser Kulisse!

Nicht so schön in dieser Region ist der allgegenwärtige Staub. Okay, es ist hier wenigstens – nicht wie in Kabul mit seinem augenreizenden Fäkalstaub – ein relativ „reiner“ Staub. Trotzdem nervt er. Viele Afghanen tun daher das einzig Richtige, wenn sie ihr Gesicht mit schützenden Tüchern verhüllen, und damit meine ich jetzt nicht nur die Frauen…

Hier quälte sich unser Fahrzeugkonvoi gerade durch den aufgewirbelten Staub zum “Camp Marmal“ (Schutzwände im Hintergrund), der derzeitigen Heimstätte vieler deutscher Soldaten. Aus Sicherheitsgründen kommen nur 80-90% der im Lager Lebenden – so sagte man uns vor Ort – während ihrer monatelangen Aufenthalte überhaupt jemals aus dem Camp heraus. Das Bergpanorama entschädigt zwar für vieles, aber es ist wirklich jammerschade, wenn man beispielsweise nicht einmal einen Blick in die belebten Straßen von Mazar-i Sharif werfen kann – und sei es durch eine Panzerglasscheibe.

Beispiel: In vielen Seitenstrassen begegnet man Kindern, die frisches Wasser aus einem öffentlichen Brunnen in schweren Kanistern nach Hause befördern – das ist hier durchaus eine übliche Kinder-Pflichtaufgabe. Jeder so viel, wie er kann…

Ein weiterer Schnappschuss mit dem Kit-Zoom durch die Autoscheibe:

Im Hintergrund kann man hier schon die „Blaue Moschee“ erkennen, das religiöse Zentrum der bedeutendsten Wallfahrtsstätte Afghanistans. Daher auch die bevorzugt traditionelle Kleidung der Leute und die vielen gelb-weißen Taxis (alles aus Pakistan eingeführte Toyota Corolla).

An einem Abend hatten wir Gelegenheit, auf das innere Gelände der Blauen Moschee zu kommen. Sie beheimatet eines von drei (!) weltweit existierenden Gräbern Alis (Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammad) – aber natürlich das einzig wahre.

So eine heilige Stätte betritt man im Islam niemals mit Schuhen – die qualmenden Treter werden gleich an der Pforte der Obhut eines freundlichen Schuhwächters übergeben:

Schon nach wenigen Metern steht man dann vor dem Grabmal. Unter dem Iwan-Gewölbe und an der goldenen Tür trauern und beten hier die Gläubigen.

An dieser Stelle muss ich natürlich Farbe bekennen, dass ich mir als Ultraweitwinkel-Fan doch nicht hatte verkneifen können, das FT-Fisheye samt MMF-Adapter noch in die Phototasche zu packen. Trotz Gewicht und Volumen. Hier kam es nun zum Einsatz. Aus der Hand waren immerhin mit 800 ISO und Offenblende 1/3.5 scharfe Aufnahmen möglich.

Nur bei diesem 180°-Bildwinkel des Fisheyes übrigens waren in den äußersten Bildecken der Originaldaten schmale schwarze Randanschnitte auf dem Bild – einzige qualitätsrelevante Folge der verdrehten Sensorfläche. Aber solche Ränder kann man ja bei der Aufnahme einberechnen und später abschneiden, wie hier geschehen…

Kurz vor dem Ende der Reise hier noch das schicke neue Flughafengebäude von Mazar-i Sharif, was dank großzügiger deutscher Finanzhilfe und Planung derzeit kurz vor der Fertigstellung steht:

Dieses „Leuchtturmprojekt“ wird von den Afghanen als ausdrucksstarkes Zeichen der deutsch-afghanischen Freundschaft wahrgenommen – ja, wir Deutschen haben beim afghanischen Volk einen exzellenten Leumund!

Die luftige, geschwungene Architektur setzt sich auch im modernen Innern fort. Auch wenn die deutschen Piktogramme schon wirken wie aus einer anderen Welt…

Nach sechs Reisetagen und unzähligen Geschäftsterminen ging es über Kabul und Istanbul wieder zurück in die Heimat.
Mit rund 400 eindrücklichen Bildern im Gepäck.

Fazit

Diese Reise wird nicht zuletzt auch dank der E-PM1, die ihren Zweck prächtig erfüllt hat, in guter und lebendiger Erinnerung bleiben.
In Zukunft wird mich in Afghanistan und Nachbarstaaten sogar grundsätzlich eine E-PM1 begleiten – denn nach meiner Rückkehr ging kein Weg daran vorbei: Bei den derzeitigen Schleuderpreisen von teils unter 200€ musste ich mir das Auslaufmodell einfach noch schnell anschaffen.

Abschliessend geht ein großer Dank an Olympus für die sehr hilfreiche Unterstützung sowie die unbürokratische Regulierung des Kameraschadens!

Ulf alias Durbin

6 Replies to “Gastbeitrag: Mit der E-PM1 in Afghanistan”

  1. Ein sehr interessanter Bericht, sowohl vom Bildmaterial als auch vom Text.
    Damit dürfte aber seit gestern , wahrscheinlich für lange Zeit, Schluss sein.
    Danke für das Zeigen.
    Peter M.

  2. Dieser Reisebericht hat mich Anfang 2013 dazu bewogen, mir für eine Reise nach Ägypten eine gebrauchte braune E-PM1 mit dem Kitzoom und dazu ein gebrauchtes 12/2,0 zuzulegen. Die E-PM1 mit dem 12er ist eine geniale Kombination. Winzig, unscheinbar, leicht und schnell, bei wirklich hoher Bildqualität. Später habe ich die PM1 auch mit dem 11-22 benutzt. Geht erstaunlich gut, wenn man es nicht eilig hat. Schade, daß die Pen-Mini-Reihe nicht weitergeführt wurde. Die E-PM2 war allerdings schon nicht mehr so kompakt.

  3. Als vor vielen Jahren mein Fotohändler in Stuttgart sein Geschäft Aufgelöst hatte. Gab es am letzten Tag einen Ausverkauf gegen Gebot. So kam ich zu meiner schwarzen E-PM1 im Kit mit einem 14-150.
    Mit dieser E-PM1 bin ich immer noch sporadisch unterwegs. Dabei habe ich meistens das 9mm Body Cap Lens drauf.
    Zum Glück funktioniert das geniale Teil noch problemlos. Selbst der alte Akku ist noch Top!
    Schade, das es sowas nicht mehr mit aktueller Sensortechnik zu kaufen gibt.
    Die E-PM 1 ist und bleibt die wahre Königin. Damit hatte Olympus eine „Wow Kamera“ kreiert.

    LG Andreas

  4. Ein wirklich interessanter Reisebericht der von passenden Bildern begleitet wird und beschreibt mit wieviel Vorsicht man sich bewegen muss. Schöne Aufnahmen mit kleinem Besteck.
    HG
    Wolfgang

  5. Dieser Beitrag von „Durbin“ hat mich damals dazu bewogen, mir meine erste spiegellose Systemkamera zu kaufen: eine E-PM1. Für de E-30 brachen schwere Zeiten an, denn die habe ich kaum noch benutzt. Und die OM-D E-M1 habe ich später dann vorbestellt – zum erstenmal, denn üblicherweise habe ich den Kauf „günstiger“ Auslaufmodelle bis dahin bevorzugt. Einen MMF-3 Adapter gab es damals für E-M1 Erstkäufer dazu.

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