Seit einem Jahr ist Vanlife der letzte heiße Scheiß. Da packen irgendwelche Influencer in ihren coolen VW-Bus ne mindestens ebenso coole Inneneinrichtung, fahren in die Pampa und zeigen, wie geil das ist. Wer nach Roomtour Van oder Innenausbau Transporter googelt wird mit Videos und Blogs zugeschissen. Mittlerweile verkauft sogar eine Baumarktkette fertige Innenausbausätze für Transporter.

Immer dabei natürlich die Vlogging-Kamera. Denn die geneigte Followerschaft auf Insta, Facebook und YT will ja bespaßt werden.

Leider sorgt der neue Trend für verheerende Umweltschäden. Denn die Vanlifer begnügen sich nicht damit, auf den überfüllten offiziellen Standplätzen und den mittlerweile auch wieder gefüllten Campinglätzen zu stehen – nein, muss schon die tolle Natur sein. Die Ausrede “Zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit darf ich auf einem Parkplatz übernachten.” Vielleicht kann man ein paar Polizisten oder das schlechte Gewissen damit täuschen, die Natur nicht.

Ich habe ja hier im Blog viel “Van-Life” betrieben. Immerhin drei Fahrten ans Nordkap, eine davon mit ner ausgebauten Ente. Und beim Kauf meines neuen Fotografenmobils habe ich als Allererstes ein klappbares Bettsystem reingebaut.

Ich habe über diese Reisen hier im Blog täglich berichtet, mit Fotos und Geschichten. Und ich denke, in Sachen archaischem Reisen ist ne Ente, in der man zu zweit zehntausend Kilometer unter die Räder nimmt, einem ausgebauten T3 überlegen. Also ihr Influencer: Was ihr treibt und toll findet, das ist sowas von letztem Jahrzehnt. Zu meiner Zeit musste man seinen Blog am Parkplatz vom McDonalds oder in der Tourist Information rausschicken, weil es nirgendwo anders Netz gab. Das war noch ernsthaft ne Nummer.

Aber auch zur damaligen Zeit haben wir immer auf Campingplätzen geschlafen – so weit es nur irgendwie gegangen ist. Und zwar nicht nur wegen WLAN und warmen Duschen. Sondern auch, weil wir dadurch Kontakt zu den Menschen bekommen haben, durch deren Land wir karriolt sind. Denn die Nummer, die wir zu Schülerzeiten gebracht haben: das Auto mit Konservendosen auffüllen und damit in Richtung Süden, schlafen am Strand und so – die Zeiten sind vorbei. Und schon damals haben wir unser Geld dann eben in den Kneipen ausgegeben und mit den Leuten dort Musik gemacht. In Almiros hat uns, als wir in einer Kneipe saßen und wir uns bemühten griechisch zu kommunizieren, der Wirt dann mal ein Pärchen am Nebentisch gezeigt: “Das sind Touristen. Ihr seid Freunde. ” In der Kneipe hing fast zehn Jahre lang eines der wenigen Aquarelle, die je meinen Skizzenblock verlassen haben…. Und garantiert das Einzige, bei dessen Erstellung ich eine nicht mehr genau bezifferbare Menge Ouzo intus hatte. Früher hatte die Kneipe noch das typisch griechische Dorfkneipenambiente: Frei liegende Deckenträger und Plastiktischdecken. Dafür ist es dir passiert, dass Du des morgens in die Bäckerei eingelaufen bist und erstmal von den dort sitzenden Griechen drei Bier spendiert bekommen hast. Ablehnen geht nicht .

STOA 169

Ich habe absolut nichts gegen Reisen im Wohnmobil – auch wenn sich das jetzt nach der Pandemie zur nächsten Seuche ausweitet. Aber bitte, stellt euch auf Campingplätze. Dazu sind die da. Und wenn ihr abends Sonnenuntergang genießen wollt, dann fahrt halt mit dem Rad zum Aussichtspunkt. Dann passiert es euch auch nicht, dass euch mitten in der Nacht ein Ranger rausklopft und euch anraunzt, dass ihr euren Arsch woandershin verlagern sollt. Und ihr könnt euch die teure Alarmanlage sparen.

Ein Campingplatzbesitzer hat mir mal erzählt, dass er mittlerweile Stromzähler für jeden einzelnen Stellplatz haben muss – weil sich vor allem die Besitzer der rollenden Einfamilienhäuser aggressiv über die Pauschalen beschwert haben. Da ging’s um zwei Euro hin oder her. Ein Wohnmobil, das in der Anschaffung sechsstellig kostet und bei dem allein der tägliche Wertverlust in Höhe der Stellplatzgebühren liegt….

Also meine Bitte an alle Mobilübernachter: Campingplatz oder offiziellen Stellplatz wo immer möglich. Lasst Geld dort, wo ihr übernachtet. Die Infrastruktur, die ihr nutzt – ja, selbst der Feldweg, auf dem ihr fahrt – muss unterhalten werden. Das kostet Geld. Auch wenn’s billiger ist, das Futter vom Supermarkt im Hometown mitzubringen – leckerer ist das Essen vor Ort. Und nachhaltiger.

Und ganz nebenbei: man lernt da Leute kennen, die einem, wenn man sie nett fragt, den Weg zu coolen Fotolocations sagen können. Die nicht auf Insta sind. Und die man tunlichst auch nicht mit GPS-Daten veröffentlichen sollte.

6 Replies to “Vanlifer”

  1. naja, zu meiner Zeit ist man dahin gefahren wo man sich am meisten dafür interessiert hat, und hat ein paar Bilder geschossen um den Kumpels nen langweiligen Diaabend zu gönnen 🙂

    Die Influencer mit ihren Superduper Diashows mit MultimediaQuadro-Sound gab es damals schon, nur hießen die damals noch nicht so, und waren noch kein Massenphänomen.

    Wild campiert haben auch damals schon viele, ich z.B. in Canada, weil es schlicht und ergreifend oft keine Plätze in Radlerdistanzen gab. Oder man fragte auf dem Bauernhof oder Leute mit riesigen Backyard und hatte so auch viel Kontakt zu den Leuten, teilweise bis heute, 30Jahre danach.

    Keine Ahnung wenn du mit dem Artikel bespaßen willst,
    aber sorry………. dein “moralischer” Zeigefinger hier kommt mir ein wenig zu pauschalisierend und mit allerlei Klischees behaftet rüber.

    Gruß Uwe
    der sich mit Womo zu 99% auf Stellplätzen rumtreibt und heutzutage beim Radeln ein Hotelzimmer vorzieht, und immer noch dahin fährt wo mein Interesse mich hinzieht……….und nicht wo es vermeintlich hip ist.

  2. mmmm – ich denke, so ganz grundlos ist Reinhards Beitrag nicht. Die Zuwachsraten im Bereich Wohnmobil gehen schon seit geraumer Zeit durch die Decke, der Anteil der sog. “Minicamper” ohne Sanitäreinrichtung an Bord hoch und die Auswirkungen an manchem Parkplatz leider deutlich sichtbar. Und leider kommt die Infrastruktur mit ruhig gelegenen, auch kleinen Stellplätzen vielerorts nicht hinterher bzw. wird dann auch noch von manchen Zeitgenossen verdreckt und vermüllt. Ergebnis: der Stellplatz wird dann auch wieder geschlossen.
    Wobei ich dazu sagen muß, dass wir auch seit knapp fünf Jahren zur “fahrenden Zunft” gehören, anfangs gemietet und jetzt mit Amarok und Wohnkabine. Aber eben mit sanitärer Vollausstattung.
    Und exakt hier liegt ein Knackpunkt: in Neuseeland dürfen nur Wohnmobile mit Sanitärausstattung “frei” stehen. In Deutschland (unter dem Stichwort “Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit”) nutzen das alle, vor allem auch die Minicamper oder sogar PKW – und wo die morgens früh ihr Geschäft verrichten, wissen wir. Und leider gaukeln die Werbung und die vielen Beiträge von “Influencern” (die teilweise damit ihren Lebensunterhalt verdienen…) dem Reisemobilisten die große Freiheit vor.
    Es ist nachvollziehbar, dass da Sehnsüchte geweckt werden. Und wie immer reichen die schwarzen Schafe aus, eine ganze Zunft in Misskredit zu bringen. Die Reaktionen bleiben dann nicht aus, siehe Allgäu in Deutschland oder aktuell die drakonischen Strafen für “Freisteher” in Portugal. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass der (häufig Plastik-) Müll in einigen süd- und osteuropäischen Ländern in der Regel nicht von Campern hinterlassen wird.
    Der Appell Camping- oder Stellplätze zu nutzen sowie auf die Angebote von Landwirten (in Deutschland unter “Landvergnügen”) zurückzugreifen ist schon berechtigt. Und natürlich kann man auch fragen, ob man auf privatem Grund zum Beispiel an einem Gasthof oder Bauernhof stehen kann – meistens wird man dann auch noch gut beköstigt.
    Der wichtigste Appell geht aber an jeden, der in der Natur wandert, picknickt, übernachtet oder sonst etwas treibt: verhaltet Euch so, wie Ihr möchtet, dass Euer Grundstück hinterlassen wird. Das schließt ausdrücklich die Jagd nach dem ultimativen Bild am ultimativen Spot ein – am Besten frei hängend über dem Königssee im Nationalpark an der Watzmannwand (die Bergwacht und die Ranger freuen sich schon auf Euch). Und da sind wir bei einem gesellschaftlichen Grundproblem einschließlich einer (gerade auch in Corona-Zeiten) immer mehr zunehmenden Aggressivität.
    Insofern, Uwe, ist der “moralische Zeigefinger” schon berechtigt. Und als “bespaßen” würde ich das auch nicht bezeichnen wollen – da es ein ernstes Thema ist. Nur glaube ich auch, dass wir hier im Forum eher nicht zu den Addressaten gehören, oder?
    Viele Grüße
    Hans-Joachim

  3. Wir sind zwar keine Vanlifer (weil wir nix darüber berichten), aber wir bewohnen ja auch so ein rollendes Eigenheim – und sehen da leider auch, wie sich manche verhalten. Aber glücklicher Weise eher selten – da wir eher abseits der allseits beliebten Ziele unterwegs sind.
    Im Moment stehen wir auf einem Bauernhof (äußerst netter Kontakt!) und lassen uns heute abend auch hier bewirten.
    Normaler Weise stehen wir auch nur da wo wir dürfen – meist offiziell ausgeschilderte Stellplätze, seltener Campingplätze, oft auch Bauernhöfe bzw. Gaststätten (Landvergnügen – wie jetzt gerade).

    Aber es gibt – seltene – Situationen, da nutzen wir auch die Klausel “zur Widerhertstellung der Fahrtüchtigkeit”. Dazu muss man aber auch mal klar sagen: das gilt ausdrücklich nur für öffentliche Parkplätze auf denen man in der nötigen Zeit auch parken darf! Das gilt nicht für “irgendwo” und man darf auch sonst keine Parkbeschränkungen “übergehen”!
    Und: Aufstellen von Markisen und Campingmöbeln (von VanLifern gerne gezeigt) geht natürlich gar nicht.
    Und ja – man hat ausdrücklich dafür zu sorgen, dass man keinen Müll (in welcher Form auch immer) hinterlässt (bzw. nur in den dafür vorgesehenen Behältern). Wir fahren dann schon mal mit einem kleinen Tütchen Müll weiter und entsorgen den dann dort, wo es erlaubt und möglich ist.
    Wenn man all das beachtet, wird auch die Polizei-Streife nicht eingreifen (sofern man wirklich nur für eine Nacht da steht) und einen Ranger stört es erst recht nicht, solange man auf dem erlaubten (!) Parkplatz steht.

    Aber ja – das ist dann wieder eher spießig und nicht hip.
    Und ich wünsche mir eigentlich, dass in nächster Zeit (nach Corona?) viele merken, dass es doch nicht so hip ist immer im Auto zu schlafen – ich habe nichts gegen nette Kontakte, ganz im Gegenteil – aber bei manchen Zeitgenossen kann ich gern darauf verzichten….

  4. Wenn ich am Wochenende mit dem Rad an der Pegnitz unterwegs bin sehe ich doch eine Reihe von Genossen aus Ihren Gefährten krabbeln, was vor Covid seltener der Fall war.
    Bin auch Camper, würde aber nicht auf die Idee kommen ausserhalb von einem Campingplatz zu übernachten.
    So ein Wohnmobil erzwingt auch, dass man die Kosten für das Teil wieder rein holt, sei es durch essen von zu Hause mitbringen oder eben ausserhalb von Campingplätzen / Stellplätzen übernachten.
    Selbst bei einem Kollegen erlebt, der 3 Wochen in Frankreich mit seinem frisch erstandenen Camper unterwegs war aber nach dem Urlaub nur wenig zur französichen Küche bzw. Spezialitäten sagen konnte.
    Das wäre mir dann doch zu wenig.
    Dann lieber Mini-Caravan und unterwegs alles auskosten.

  5. Ich bin so einer, der viel mit dem PKW camped. Wo ich “mein Geschäft” verrichte erfährt keiner, es sei denn er überprüft wo ich meine Säcke aus Kartoffelstärke entsorge. In Europa übernachte ich häufig auf Autobahnparkplätzen, genau, zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit. Im Oman, da bin ich meistens, ist camping überall erlaubt.
    Was mich stört ist nicht wer mit was für einem Fahrzeug wo steht, sondern der Müll der von manchen hinterlassen wird.
    Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, wenn ich meinen Campingstuhl aufstelle allen Müll, den ich von dort aus sehen kann mitzunehmen, das kostet mich 5 Minuten Zeit anstatt 3 Stunden lang auf das gleiche Stück Plastikmüll zu starren.
    Ich würde es begrüssen wenn es für littering drastische Strafen gäbe, wie z.B. In Australien.
    Man kann niemandem verübeln, wenn er angeregt durch die Pandemie vermehrt campen will, anstatt in Flugzeuge oder Bahnen zu steigen. Wer teilt derzeit freiwillig die Luft in engen Räumen mit Anderen?
    In einem Land mit hoher Bevölkerungsdichte wird es dann halt etwas voller auch an den vormals einsamen Orten.

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