Derzeit gibt es reihenweise Tipps, was man denn in Corona-Zeiten alles knipsen könnte. Spielzeugfiguren, eigene Körperteile, das eigene Mittagessen oder die Familienmitglieder.

Mittlerweile darf man auch in Bayern wieder ohne triftigen Grund das Haus verlassen, also für Fotografen: Back to Business. Die Maske sollte natürlich immer griffbereit sein. Kirchen innen sollte man sich derzeit noch verkneifen, gemeinsames Singen bedeutet derzeit nicht “frohlocken”, sondern Körperverletzung und in den wenigsten Kirchen kann man die Fenster aufmachen.

Ich hätte für die nächsten Fototouren mal nen Vorschlag. Versucht einfach mal den Alltag und die Häuser in eurer Umgebung zu dokumentieren. Die Sehenswürdigkeiten in der Stadt verändern sich über Jahrzehnte recht wenig. Was sich verändert, sind die Menschen, die Autos, die Häuser der normalen Menschen. Die Umwelt. Das Foto oben stammt aus dem Winter 1939/1940 in Nürnberg. Da herrscht kein Nebel, sondern Smog – die vielen Kohle- und Holzheizungen der Nürnberger sorgten für dicke Luft. Der Rest dieses Films sind Aufnahmen von “MustKnips” in Nürnberg:

Der Henkersteg und Weinstadel. 1939/1940 Und hier ein HDR von 2007:

Den Schornstein im Turm haben sie abgebaut und die Verbindung zwischen Weinstadel und Turm hängt nicht mehr so durch. Viel interessanter ist aber das Haus hinter der Brücke – das nicht mehr existiert. Also fotografiert Dinge in der zweiten Reihe. Die Gondeln in Venedig – weia, muss nicht.

Markusplatz. Ein Touri-Foto. Interessant ist da nicht die Dame mit dem Dackel, sondern die Dame mit dem Verkaufsstand für Taubenfutter. Das gab’s Anfang der 60er dort noch. Mittlerweile ist das natürlich verboten. “Last Chance to Knips”.

Formen der Mobilität ändern sich. Damals war ein DKW Junior der letzte heiße Scheiß und man bügelte mit 34PS über die Alpen von Nürnberg nach Venedig – und war ein Held. Jetzt ist ein 350PS SUV, in fünf Jahren ein Elektro-VW und vielleicht gibt es auf so einem Bild in 20 Jahren gar keine Autos mehr und man kuckt mit großen Augen und staunt, was man früher für Dummfug gemacht hat.

Fotografiert das.

Copyright-Info: Farbfotos by Me, Schwarzweiß bei Vater und Großvater.

5 Replies to “Motive…”

  1. Das ist wohl das, was man strukturelle Fotografie nennt, siehe zum Beispiel Stephen Shore. Einfach festhalten, wie eine Straße, ein Platz, eine Gegend oder das Straßenbild aussieht. Oder Häuser, die so aussehen, als würden sie bald abgerissen. Das finde ich mit am interessantesten (was Fotografie angeht). Neben Street erscheint mir das das viel ernstere/erwachsenere Gebiet (liegt aber vermutlich vor allem daran, wie und von wem in den letzten ~10 Jahren Street gemacht wurde).

  2. Der Markusplatz.
    Ein Bild das ich lange betracht habe. Wunderbare Details, wie der posende Dackel oder die beiden Kellner in Ihren weißen Jacken, die Tasche unter dem. Verkaufsstand. Was ist wohl mit dem Beutel passiert, den die Vogel fütternde Dame an der Hand hat. Im Winde verweht? Was liegt denn auf den Stühlen in der ersten Reihe rechts?
    Neben dem historischen Bezug gefällt mir die vielfältige abgebildete Zufälligkeit, wie gerade beschrieben.
    Dirk

    1. Das hat mich jetzt auch interessiert: Die Tische hier (damals so leer wie heute durch Corona…) hatten dunkle Tischdecken, auf die weiße Platzservietten gelegt wurden. Die hängen zur Hälfte runter. Auf den Stühlen liegt also eigentlich gar nichts. Auf dem rechten Stuhl wird nur gerade die dunkle Tischdecke draufgeweht.

  3. Ich finde solche Gegenüberstellungen (altes Bild / heutige Situation dazu) äußerst interessant.
    Mir fällt dazu z.B. “Köln 1970 1995 Fotografien von Chargesheimer und Wolfgang Vollmer” ein – hier hat Wolfgang Vollmer im Jahr 1995 versucht, die Situation von Chargesheimer aus dem Jahr 1970 “nachzustellen”, beide Fotos werden auf einer Doppelseite gegenüber gestellt.
    So etwas probieren meine Liebste und ich auch, hierzu haben wir uns schon einige historische Bücher aus Städten in unserer Umgebung besorgt (z.B. “Krefeld Die 60er Jahre” – gibt es preiswert im Antiquariat).
    Wir sammeln noch, mal sehen, ob wir daraus ein kleines Buch (für uns) machen 😉
    Beste Grüße – bleibt alle gesund!

  4. Ich habe schon als Jugendlicher die Straßenzüge in meinem Stadtteil fotografiert und bin dabei auf Unverständnis gestoßen. Heute sind die Bilder „Gold“ wert. Man muss schon ein wenig Geduld und Zeit mitbringen, um den „Wert“ der Bilder zu erkennen, wie bei einem guten Wein. Ich ziehe heute noch regelmäßig durch mein Viertel und dokumentiere die Veränderungen. Auch heute noch werde ich gefragt, warum ich denn ausgerechnet diese Kreuzung fotografiere, da ist doch nichts besonderes zu sehen. In 20 Jahren weiß ich warum ich den Auslöser gedrückt hatte.

    Gruß vom Niederrhein

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