Alte Familienalben sind manchmal spannend, manchmal langweilig. Meistens sind sie besonders langweilig, wenn man keinen auf den Fotos kennt, keine Geschichte dazu hat, keine Namen.

Wir machen digitale Bilder. Nicht im Dutzend, wie in den alten Alben, sondern gleich zu Tausenden. Die Foren und Festplatten sind überschwemmt von Blumenfotos, Landschaftsfotos, Modelfotos.

Was wird bleiben? Ich habe vor einem Dreiviertel Jahr einen Schwung Dias auf einem Trödelmarkt gekauft und eingescannt. Die Bilder stammen von einem Hobbyfotografen aus Dresden, aus der Zeit zwischen 1956 und 1970. Ich habe mich hingesetzt und alle digitalisiert.

Das Titelbild stammt von 1956. 750-Jahrfeier von Dresden.

Was bleibt von all diesen Dias? Was sieht man sich 50 Jahre später genauer an?`Es sind Dias vom Zoo dabei, Aussichten, die Bahn zum weißen Hirschen hoch, Straßenszenen. Der Zwinger.

Welche Motive lohnen sich? Welche sind eigentlich heute schon rausgeworfene Zeit? Was ist heute „Knipserei“ und in 50 Jahren „Boah ey!“? Das Bild des Affen:

ein erschütterndes Zeitdokument? Oder doch nur ein Knipsbild?

Der Bau der neuen Carola-Brücke (damals noch Dr. Rudolf Friedrichs Brücke)

Carolabrücke in Bau, im Hintergrund die sächsische Staatskanzlei ca 1968

So ein Foto hat nicht mal die Wikipedia. Historisch?

Hier noch ein Bild vor dem Bau, als der Pfeiler der alten Brücke noch stand.

Funktionieren diese Bilder auch ohne Kontext? Ist Historie wichtig? Gelegentlich hat der Fotograf seine Lebensgefährtin mit abgelichtet. Nicht als Hauptmotiv, sondern eher wohl zum Größenvergleich. Für mich ist es das Kostüm und die Schuhe, die das Bild für mich sehenswert machen. Vielleicht erkennt jemand aus Dresden seine Großmutter – haben die Fotos dann mehr Wert? Oder einen Anderen?

Ich persönlich fand die Bilder aus dem Zwinger faszinierend, denn ein halbes Jahrhundert später sieht der Zwinger fast genauso aus….

Womit auch klar wird, mit welcher Brennweite der Kollege seinerzeit unterwegs war: ein 35mm.  Ach ja, falls jemand Zweifel haben sollte: Das aktuelle Bild ist das Untere….

Touristenattraktionen sind schneller Geschichte als man denkt. Selbst in unserer so friedlichen, westlichen Welt ist schnell ein altes Gebäude abgerissen (in vielen deutschen Orten war der Verlust an historischer Bausubstanz nach dem Krieg größer als durch die Bomben der Amerikaner und Engländer) oder, wie in Glasgow, wo die School of Arts gebrannt hat, durch Feuer zerstört.

Ein Argument, sich behutsam und sorgfältig um gute Dokumentation zu kümmern? Gute, technisch saubere Fotografie zu betreiben und die Daten sorgfältig aufzuheben?

Das hier ist der Pusteblumenbrunnen von Leoni Wirth auf der Prager Straße, als er noch komplett war. Er wurde 2004 kastriert – Urheberrecht hin oder her. Die traurigen Reste wurden dann von Alexander Bergmann, dessen Großvater bereits 1969 am Original mitgebaut hatte, restauriert und komplettiert und wenn man den Pusteblumenbrunnen jetzt sehen will, muss man nach Prohlis. Von dem Brunnen habe ich noch ein anderes Bild aus der anderen Perspektive, mit einer Pentacon-Werbung im Hintergrund. Hätte zum Fotothema des Blogs besser gepasst, aber das hier, mit dem Eiscafe und der Sonne auf den Brunnen – das hat so was richtig sommerliches.

Ich mag das Bild – es ist historisch, es ist alles drauf, es vermittelt Stimmung, es lebt. Es hat ein bisschen was von Raumschiff Orion.  Sollten so Bilder sein?

10 Replies to “Was bleibt?”

  1. In Stuttgart hatte ich mal die alte Holzbrücke am Rosensteinpark, wo gerade der neue Rosensteintunnel gebaut wurde, fotografiert. Die Brucke wurde im Februar 2016 fotografiert. Nicht mal ein Jahr später ist die Brücke abgerissen und existiert nicht mehr. Hier die alte:
    http://www.pit-photography.de/pictures/2016/P2270384_5_6_creative_01-3.jpg
    (In normal habe ich noch auf der Festplatte)

    Da kann man natürlich sagen, dass manche alte Bauwerke schnell dem Großbauprojekt weichen müssen. Belangloses Knipsen ist manchmal hilfsreich 😉

    Hier das Projekt Rosensteintunnel:
    https://rosensteintunnel.stuttgart.de/

    gruß Pit

    1. Ja, eben, das meine ich. Das Bild ist Wow – aber man sieht zwar die Holzkonstruktion, aber nicht mal, dass es eine Brücke ist. Welches Foto hat in 50 Jahren Bedeutung? Das hier, oder eines von außen? Oder Beide? Ich weiß es nicht. Wenn ich das wüsste…

  2. Für mich sind die Bilder einfach überraschend hier aufgetaucht. Eh, das ist doch Dresden! So haben die Bilder für mich als Dresdner einen Erinnerungswert. Bei unbekannten Orten ist das sicher schon nicht mehr so. Selbst eigene alte Urlaubsbilder wirken u.U. ziehmlich fremd. Warum habe ich das Foto gemacht?
    Es bleibt die Frage, komme ich jemals dazu, mir alle anzusehen oder will ich das schon gar nicht mehr. Mein wichtiger Bildbestand reduziert sich auf eine fast überschaubare Zahl von Aufnahmen.

  3. Da hab ich ein passendes Bild aus Dresden dazu, zur Frage was bleibt, es stammt aus dem Jahr 1811 und zeigt das Wilsdrufer Tor, welches 1811 demolieret wurde. Schon damals hat man sich offensichtlich mit der Thematik beschäftigt und hielt es für Wert dies der Nachwelt zu erhalten.
    https://instagram.com/p/BnpA97dHBCH/
    LG AndyT

  4. Muss denn immer alles Bestand haben und für die Ewigkeit sein? Langt nicht auch das Hier und Jetzt, der Augenblick, der Moment, der mir oder einem anderen ein Lächeln auf das Gesicht zaubert oder eine Erinnerung zurück bringt? Und ist Fotografie nicht auch irgendwo immer ein wenig die Befriedigung der persönlichen Eitelkeit? Für mich muss ein Bild nicht zwingend eine Langzeitwirkung haben. Aber Bilder helfen uns ,uns zu erinnern – an die Kindheit, die Jugend, die eigenen Kinder, den Urlaub… Sie wirken nach innen und sind alleine schon so nachhaltig – und dafür müssen sie nicht zwangsläufig „wow“ sein und jeden in ihren Bann ziehen.

    1. Ich weiß es eben nicht. Wir verplempern mit unseren Kameras und Objektiven und Akkus geradezu absurd Ressourcen. Klar, das machen wir auch bei anderen Dingen. Aber all diese Rohstoffe nur dafür man im hier und jetzt ein Bild auf dem Display sieht? Immerhin könnte man mit dem gleichen Ressourcenverbrauch ja auch bleibende Bilder machen. Bilder, die auch in 100 Jahren noch wer wichtig findet. Zumindest ab und zu. Oder als Fernziel. Oder so.

  5. Die Frage „Was bleibt?“ läßt offen, welcher Zeitraum gemeint ist, in dem etwas „bleiben“ soll oder „bleiben“ kann. Die für uns erlebbaren Zeiträume sind vielleicht zwanzig Minuten, zwanzig Wochen, oder vielleicht auch noch zwanzig Jahre. Innerhalb dieser Zeiträume ist es sicherlich möglich, dass ein Foto uns hilft, Erinnerung an ein Gefühl wach zu halten, an einen persönlich erlebten Moment, der uns wichtig genug schien, ihn „festhalten“ zu wollen. Ich erlebe immer wieder, dass sich meine Erinnerungen und Gefühle zu länger zurückliegenden Momenten an die zu diesen Momenten gemachten Fotos klammern, und dass für mich diese Gefühle kaum noch losgelöst von diesen Fotos nachvollziehbar sind. Ist das etwas, was bleibt? Nein. Auch das bleibt nicht.
    Die Zeiträume, in denen wir denken können, sind ja doch nur kurze Momente. Weil auch wir nur für einen kurzen Augenblick hier sind.
    Und wenn wir den Mut haben, uns realistisch eine Antwort zu geben auf die Frage „Was bleibt?“, dann muss diese Antwort wohl lauten:

    „Nichts.“
    Weil alles geht.
    Weil alles vergeht.
    Weil nichts bleibt.

    Ich fotografiere trotzdem leidenschaftlich gerne.

  6. „30 000 Bilder auf der Festplatte und ich hab nix in der Hand zum Zeigen!“ O-Ton meiner Frau vor wenigen Jahren.
    Seither mache ich ein jährliches Fotobuch von November Vorjahr bis Ende Oktober laufendes Jahr und dieses liegt dann zu Weihnachten auf dem Gabentisch.
    Papier, in Leinen gebunden, handlich A4 hochkant – und ich denke dieses Buch (und die der anderen Jahre auch) werden bleiben, auch wenn ich mal „vergangen“ bin.

    Sie bezeugen Familiengeschichte und ich hoffe sie sind „bleibend“ für die, die nach uns kommen.

    Dennoch bin ich nun schon jenseits der 30 000 Bilder auf Festplatte und häufe weiter an.

    Gruß Jürgen

    1. Danke. Genau das meine ich. Ein paar Fotobücher habe ich mittlerweile auch produziert (abseits meiner 30+ Kamerabücher, die auch so eine Art Familiengeschichte sind.) Aber ich sollte mich aufraffen und mehr machen….

  7. Hallo Reinhard,
    zum Bild „Carolabrücke in Bau“: „So ein Foto hat nicht mal die Wikipedia. Historisch?“
    Stelle es doch ein! Ein Bild von der Erbauung halte ich für einen wertvollen Beitrag.
    Ich kenne die Wikipedia-Regeln nicht, wann ein Bild nicht erwünscht ist. Aber in der Regel mangelt es auf Wikipedia an Bildern. Ich halte es wie gesagt für wertvoll.
    Gruß,
    Jo

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