Olympus und „Vollformat“

Alle halbe Jahr wird die gleiche, schon etwas angegammelte, Sau durchs Dorf getrieben. Olympus sollte „Vollformat“ -Kameras entwickeln. Der letzte Held, der damit wieder um Klicks gebettelt hat, war „Sneye“ auf der bekannten Gerüchteseite, der behauptete, gute Objektive könnte man klein und schnell entwickeln, wenn nur das Auflagemaß groß genug wäre.

Nachdem diese Diskussion wirklich immer wieder hochkocht, vielleicht mal ein paar Gedanken zum Thema.

Die Entwicklung eines Objektivs von der Klasse der Olympus Pro-Optiken dauert mindestens 2 Jahre. Wenn es keine fundamentalen technischen Probleme gibt.  Das FT 14-35 wurde zweimal komplett neu entwickelt, weil sich rausstellte, dass das fertige, erste Objektiv nicht die Leistungsdaten brachte, die man benötigte. Und dann musste jede Kamera mit Schwingspiegel auf das Objektiv eingestellt werden.  Erst mit der Entwicklung der E-M1II lief das Objektiv zu voller Form auf. Über ein Jahrzehnt nachdem die Entwicklung begonnen wurde.

Die optischen Qualitäten, die heutzutage verlangt werden – und die Olympus liefern will – erfordern Unmengen Glas. Die Autofokusgeschwindigkeiten, die ebenfalls verlangt werden, fordern aber wiederum möglichst leichte Fokuselemente, die schnell beschleunigt und abgebremst werden können.  Und dann soll das auch noch bezahlbar und leicht sein. Genau deshalb wurde seinerzeit FT entwickelt, weil man sich damals bei Olympus hingesetzt und nachgerechnet hat, was Sensortechnologie auf lange Sicht physikalisch können wird – und wie Optiken aussehen müssen um das zu bedienen. Und sie haben seinerzeit festgestellt, dass Optiken, die Kleinbildsensoren mit bis zu 200MP  scharf von Rand zu Rand zu beliefern  können, weder trag- noch bezahlbar sind.

Man kann sich sehr einfach ansehen, welche Blüten das treibt. Ein mFT 300 f/4 kostet 2400 Euro, ist 23cm lang und wiegt 1,3 Kilo. Das Nikon 600 f/4 kostet 12000 Euro, ist 44cm lang und wiegt 3,9 Kilo. Und hat eine Naheinstellgrenze von 4,4m. Und komme mir keiner mit „aber die Freistellung“. Wenn man mit solchen Brennweiten auf Vögel losgeht, dann ist das Problem nicht die Freistellung, sondern die knappe Schärfentiefe. Und da ist der kleinere Sensor im Vorteil. Und für den Rest ist immer wieder Hauke Fischer angesagt.

Nun sind die Objektivbauer von Nikon auch nicht auf der Wurstsuppe dahergeschwommen. Es ist also nicht anzunehmen, dass ein hypothetisches Kleinbildsystem von Olympus wesentlich kleiner und billiger wäre, als die bisherigen Kleinbildsysteme. Es hätte alle Probleme der anderen Hersteller auch. Und keine Vorteile. Und wieder ein neues Bajonett und nicht mal Objektive, die man per Adapter anschließen könnte, da das Olympus OM-System, das letzte Kleinbildsystem von Olympus, keinen AF hatte.

Ja, Olympus meldet ab und zu Patente für Kleinbildobjektive an. So what? Das ist ein riesiger Unterschied zwischen einer Objektivrechnung und einem fertigen Produkt. Pläne für interstellare Raumschiffe gibt’s seit hundert Jahren. Der letzte Mensch hat den Mond vor bald einem halben Jahrhunert verlassen. Das ist so lange her, dass viele gar nicht glauben können, dass da wirklich mal wer war. Aber patentierte Objektivrechnungen kann man verkaufen, im Gegensatz zu Bauplänen für interstellare Raumschiffe.

Ich schließe nicht aus, dass Olympus irgendwann mal ein Kleinbildsystem auf den Markt bringt. Ich sehe das aber nicht in den nächsten zehn Jahren. Ein Olympus Kleinbildsystem wird oft von denen herbeigesehnt, die es satt haben, im Fotoclub immer von oben herab angesehen zu werden. „Du mit Deiner Crop-Knipse….“

Das Potenzial der Fotografie wird nicht durch einen größeren Sensor erweitert, sondern durch den Fotografen  – und neue Sensortechnologien und bessere Objektive. LiveView (wer hat’s erfunden?) hat die Fotografie weit mehr verändert als es der Wechsel des Sensorformats vermag. Der elektronische Verschluss ist mittlerweile praxistauglich und kann die Fotografie in heiklen Situationen überhaupt erst ermöglichen. Ein Wechsel zu Kleinbild macht die Fotografie nicht leichter, sondern schwerer. Und zwar wortwörtlich.

Ein Wechsel auf Kleinbild wäre für Olympus ein „Me Too“- Projekt. Olympus baut aber auf Innovation. Nicht auf Nachmachen. Wir werden von Olympus weiterhin Dinge sehen, auf die noch niemand anderes gekommen ist. Und wir werden weiterhin neuartige, fotografische Spielwiesen bekommen die uns als Fotografen herausfordern und unsere Phantasie anregen. Kleinbild gibt‘ schon. Kann jeder beim Discounter um die Ecke kaufen.

8 Replies to “Olympus und „Vollformat“”

  1. Sehr schöner Artikel – absolut treffend!
    Das Ergebnis zählt – die Bilder von van Gogh sind bestimmt nicht (nur) auf ganz besonders gute Pinsel zurückzuführen.
    Ich stelle immer wieder (auch bei mir) fest, dass die größtmögliche Fehlerquelle der Mensch hinter der Kamera ist 😉
    LG
    Rudolf

  2. Moin wie wahr und immer lassen!
    Ich habe keine Minderwertigkeitskomplexe und ich muss sagen, wenn mich mal jemand „abfällig“ beäugt (oder ich habe das Gefühl), ist das spätestens bei 20B/s oder lautlosen Betrieb beendet … und … wenn mich dann noch jemand fragt; >du guckst immer durch und machst keine Fotos<, kann ich mir das sehr breite Grinsen nicht verkneifen!
    Nützt aber alles nix, entscheidend ist was hinten raus kommt … oder?

  3. Wie immer trifft dein Kommentar genau zu. Belächelt hat mich noch keiner mit meinem Oly Zeugs, höchstens mal verwundert angesehen. Ich habe aber auch schon Leute von Olympus so überzeugt das sie die Canins und Nikons verkauft haben und eben zu Olympus gewechselt sind.
    Die Pro Objektive sind sowieso erstklassig, und die Schwächen sind immer hinter der Kamera zu suchen.

    Lg Ewald aus Wien

  4. Na ja, technisch und rational gesehen habt ihr alle sicherlich recht – das ist ja quasi auch das Markenzeichen. Und ja – bei mir als Amateur Knipser wären die Bilder auch nicht wirklich anders.
    Aber – Marketing-, Produkt- und markenstrategiemäßig könnte es doch sein, dass Olympus mittelfristig ‚irgendwas über / neben‘ dem MFT Format bringen muss. Die NICa’s fahren ja auch mindestens zwei Linien (2 Formate).
    So eine ‚A7/A9 von Olympus‘ wäre – für mich als Tecci Freak – schon ein emotionaler Kicker… 🙂 Gläser braucht man aber halt trotzdem dazu….

    1. Jo. Keiner braucht’s, keiner kauft’s, die Entwicklung kostet ein Schweinegeld, was die normalen Kameras und Objektive teuerer macht – aber auf einmal steigt der Prestigefaktor. Pentax dachte auch, sie steigen auf Kleinbild um und haben ja nebenbei auch noch ne Mittelformatkameras. Deswegen heißen die jetzt auch Ricoh-Imaging. Scheint eine erfolgreiche Strategie zu sein. 😉

    2. Ich frage mich, warum Du unbedingt willst, dass Olympus eine „Vollformat-Schiene“ anbieten soll. Welche Vorteile hat so ein Technik-Freak oder erwartet er denn? Einziger Vorteil, wenn auch nur minimal ist die höhere ISO-Verwendbarkeit. Aber sonst?
      Wenn es um freistellen geht, das geht auch mit mFT/FT-System. Meine Meinung ist, dass Olympus ruhig auf das Vollformat verzichten kann.

      Gruß Pit

    3. Da würde eher: Wir machens noch kleiner passen 🙂
      Ich habe schon voriges Jahr kleine Kameras für Astrofotografie gesehen, deren Sensor noch kleiner ist, und deren Pixelgröße 1/3 weniger ist als bei den derzeitigen FT 20 MPix sensoren. Zb. der Sony CMOS IMX178 Sensor. Der hat 14bit und eine Pixelgröße von 2,4µm…..

      Hätte den Vorteil: Man könnte einen Adapter nehmen zwischenzeitlich…… Ansonsten wird es eine Minox ähnliche Kamera 🙂

      Siegfried

  5. Super geschrieben,
    Auch ich tendiere ab und an zum größeren Sensor u s denke dann „man, Olympus macht doch auch so ein Ding“ aber du hast Recht, die Alleinstellung wäre weg. Fuji hat für mich eine. Schlüssiges Konzept APS C und „Mittelformat“. Da diese aber Sau teuer ist wird es Fuji schwer haben einen breiten Markt zu finden. Wäre es nicht gut wenn Olympus gleich ein Maxi Four Thirds Kanara System macht, Sponsoren größer als Vollformat?

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