
Zu Bautasteinen gibt es Unmassen von Theorien, aber die meisten sind erst weit nach dem Mittelalter entstanden. Die frühesten Chronisten (die Edda, oder Snorri) sprechen von den Bautasteinen immer nur als Erinnerung für großartige Menschen. Erst mit der Aufklärung kam die Idee auf, dass das sicher irgendwelche heidnischen Ritualsteine seien.
Die Bautasteine kamen aus der Mode, als jemand auf die Idee kam, Runen darauf einzugraben.
Im Prinzip sind die Bautasteine, die es überall in Europa gab, flache Steintafeln. Senkrecht eingegraben. Nicht zu verwechseln mit Menhiren – Hinkelsteinen. Die waren teilweise wesentlich größer und meistens auch nicht flach, sondern voluminöser. Und hatten eine andere Funktion. Bei Bautasteinen ist eigentlich nie eine besondere astronomische Ausrichtung zu sehen. Das war uninteressant.

OK. Man kann die Sonne daran anpeilen. Zu irgendeinem Punkt im Jahr zu irgendeiner Uhrzeit. Wenn keine Wolken da sind. Wie mit so ziemlich jedem anderen Ding auch. Das hier sind die Bautasteine in Grinde, Südwestnorwegen. Wahrscheinliche Aufstellung zwischen 500 und 800 unserer Zeitrechnung.
Interessant ist, dass Bautasteine immer unbeschriftet sind. Obwohl Schrift ja in Europa und auch bei den Wikingern längst bekannt war. Runen hatten im germanischen Raum die lateinische Schrift zum Teil abgelöst.
Die Funktion der Bautasteine ist die Ehrung eines Verstorbenen (zumindest wenn man denen glaubt, die die Bautasteine aufgestellt haben.). Für was auch immer. Die Römer stellten Statuen auf und meißelten drunter, wen das darstellen soll, und am besten noch, welche Völker er alles gemetzelt hat. Die Ägypter fanden das auch gut und einen Haufen andere Völker auch. Je größer desto fett.
Problem dabei: Sobald der Typ unter der Erde war, krochen die Leute aus den Löchern, denen er auf die Zehen getreten war und schlugen den Statuen die Köpfe ab, warfen sie in den Fluss oder gossen irgendwas nützliches draus. Das ist neuerdings wieder in Mode gekommen. Teilweise wurden die Statuen sogar von denen abgerissen, denen die Dargestellten gar nichts getan hatten. Einfach so, weil es halt gerade in Mode ist, Statuen abzureißen.
Die Ersteller der Bautasteine dachten da etwas weiter. Solange es Leute gibt, die sich positiv an die Person erinnern, solange weiß jeder, für den der Stein gedacht ist. Auch ohne Schrift. Und wenn keiner mehr weiß, an wen der Stein erinnern soll, dann ist es ziemlich wurst, wenn er anderweitig verwendet wird.
Dass trotzdem noch viele Bautasteine stehen, teilweise einige tausend Jahre schon, liegt daran, dass man als Material Stein verwendet hat. Groß genug, dass man es nicht zum Bau eines Hauses verwenden kann, weil man das Ding nicht so einfach abtransportieren kann, und wertlos genug, dass man das Trumm einfach stehen lässt.
Und ja, bei uns haben viele Grabsteine die gleiche Funktion. Solange es jemand gibt, der dafür zahlt, dass an den Toten erinnert wird, steht der Grabstein. Und wenn der Tote niemandem die Grabgebühr mehr wert ist – isser wech.
Pragmatismus.
Dabei wären die Millionen von Grabsteinen, die mittlerweile umgehauen oder geschreddert wurden, in zweitausend Jahren ein unschätzbarer Gewinn für die Forschung. Und sie werden beklagen, was wir für Banausen waren, die die steinerne Erinnerung ausgelöscht haben.
Da waren die Völker, die Bautasteine aufgestellt haben, weiter. Solange sich jemand an einen Menschen erinnern kann, solange lebt er. Wenn nicht mehr, dann nicht mehr.
