
Vor vielen Jahren habe ich für die lokale Tageszeitung zweimal jähtlich das „Kneipenfestival“ in Neumarkt dokumentiert. Viele Bands, viele Locations und ich habe meinen Ehrgeiz daran gesetzt, alle Bands zu besuchen, alle zu fotografieren und bei allen was dazu zu schreiben. Das war – sportlich. Ich musste den ganzen Abend minutiös durchtakten, und wenn ich bei einer Band gerade in die Pause gekommen bin, ist mein ganzer Zeitplan durcheinander geraten. (Und natürlich musste der Artikel bis Sonntag Mittag in der Redaktion sein…)
Das ist jetzt bald 20 Jahre her, das Kneipenfestival ist lange Geschichte und vor ein paar Jahren hat Tim Wihr das Ganze unter dem Namen „Kneipenkarrussel“ wieder aufgelegt. Ein paar alte Recken von damals stehen immer noch auf der Bühne, Zum Beispiel Jürgen Klein, der früher bei den Roosters gespielt hat. Über die Leisure League Dogs habe ich ja schon mehrfach geschrieben.

Auch andere Dinge haben sich nicht geändert. In einigen Locations – wie hier im Westside – sind die unseligen LED-Pars mit den Einzel-LEDs noch in Gebrauch. Die Dinger flimmern und ganz nebenbei machen sie eben gruselige Kontraste. Manchmal kann man das für heftige Effekte einsetzen.

Das ist „Sepp“, der Sänger von „Cash„, einer Coverband, die es auch schon 36 Jahre gibt. Die haben im „Wittmanns“ gespielt, eine Location, die es vor 20 Jahren noch nicht gab, ich glaube, nicht mal das Gebäude gab es. Aber die Lampen sind wieder diese LEDs. Ich war mit der OM-1 unterwegs, da ging das auch mit dem elektronischen Verschluss halbwegs, Mit den älteren Sensoren (z.B. auch von der „PEN“) will ich das nicht machen. Da wäre dann der mechanische Verschluss gefragt – und das rattert nicht nur, sondern der Verschluss ist zu langsam. Hier habe ich eigentlich jeden Sänger in einer netten Pose erwischt. Einfach weil die Kamera schnell genug ist. Die Mimik ändert sich viel zu schnell, als dass ich da im Nachhinein reagieren kann. Und hinterher habe ich ausreichend Material, um mir die besten rauszusuchen. In den alten Zeiten, mit E-3, war ich glücklich, wenn ich von jeder Band ein oder zwei brauchbare Fotos hatte. Für die Zeitung reichte das. Mit der OM-1, dem 14-35 f/2 und dem 35-100 f/2 ist das alles lächerlich einfach. Hingehen, draufhalten. Fertig. Nächste Location.
Beim „Karrussell“ war ich schon gegen 11 „durch“. Auch weil es diesmal weniger Bands und mehr „DJs“ gab. Und ja, auch DJs kann man toll fotografieren, der Fotonoid macht das ja vor, aber das ist halt nicht mein Ding. Weder fotografisch noch musikalisch.

Das hier sind „Dammit Rules“, eine Punk-Band. Die Jungs sehen zwar eher wie Schwiegermutters Traum aus – aber die Musik passt mehr zum Bandnamen. Auch die gibt’s schon ein paar Jahre, ich glaube, sie kamen kurz nach Corona auf die Bühne. Noch etwas, was sich in Neumarkt nicht geändert hat: die Vorliebe für Nebel,. Die stehen hier auf der Bühne des „Broadway“, Ex-NewBerlinClub. Der ist mal wieder umgebaut worden, die quitschende Tür zur Küche ist geblieben. (Ich habe in einigen Büchern Bilder aus dem „NewBerlin“ drin gehabt, weil ich damals einen Partyfotografen dabei fotografiert habe, wie er über die Decke geblitzt hat – das sah man mit dem Nebel sehr nett.) Zum Fotografieren ist das immer noch genau so doof wie damals. Auch die Nebelmaschine im Westside verhinderte den Blick auf den Drummer …

Hier hat sich alles geändert. Aus dem „Coopers“ und „Twister“ ist mittlerweile der „Cattle Shed“ geworden. Vor der Bühne ist nun ein Geländer und davor stehen Tische und Stühle. Früher fanden hier die fettesten Moshpits von Neumarkt statt. Auch von hier habe ich viele Fotos in meinen Büchern. Anstatt der netten Möbel stand da mal ne elektronische Dartscheibe. Dinge ändern sich. Das sind auf jeden Fall „Stereo Acoustic“ – „Sound, Gefühl, Freude“. Die Band gibt’s auch schon mindestens zehn Jahre. Leider ist der Facebook-Auftritt schon etwas angejahrt. Und ja, ich habe da noch nettere Fotos, aber keines, wo alle drauf sind. Es ist in dem Laden einfach ziemlich eng.
Alternatives Ambiente gab’s im Speicher 28, einem ehemaligen BayWa-Gebäude:

Netterweise haben mittlerweile fast alle Bands so nette Backdrops, wo der Name draufsteht, so dass man das auch nach Jahren noch weiß. Auch deren Facebook-Auftritt ist nicht ganz aktuell. Auf jeden Fall hat die Bretterbühne authentisches Flair versprüht, so dass die diversen Coverkracher richtig vintage rüberkamen. Und ja, man kann auch bei so einer Beleuchtung anständige Fotos machen:

Und wenn man sich bemüht und von ganz hinten knipst, kriegt man auch einen Scheinwerfer mit drauf:

Da ist es übrigens sehr nett, wenn man ne lange (Zoom)-Brennweite und einen Ausklappbildschirm hat. Denn man muss die Kamera tiefer bringen, damit man den Kopf des Sängers auf das Level der Scheinwerfer bringt. Bei einer großen Bühne ist man im Fotografengraben automatisch richtig positioniert. Bei kleinen Bühnen ist man selber dafür verantwortlich.
Und das war’s dann auch schon wieder. Marijana, auf die ich mich gefreut hatte, war krank und wurde durch einen Ed-Sheeran-Interpreten ersetzt – und zu Josef Schön im „Deutschen Kaiser“ bin ich nicht vorgedrungen. Da war es so voll, dass man nicht mal zur Tür reinkam.
Überhaupt: Das Konzept geht auf. Tim hat bestätigt, dass der Vorverkauf ausverkauft war. Und es war eigentlich in fast jeder Location schon um halb zehn proppenvoll – und in der ganzen Stadt waren die Kneipenbummler unterwegs, die von Location zu Location wanderten. (Das Titelbild mit dem leeren Broadway – das war vor Beginn der Veranstaltung.)
Ach ja: Fotografieren mit großer Kamera war verboten. Ich hatte mir eine Presseakkreditierung geholt und deshalb durfte ich. War ziemlich erholsam – vor zehn Jahren bin ich alle zehn Meter angehalten worden „Ey, mach ein Foto von unssss“ – „Zeich!“ – „Eyyyy, feddd! Wo kommdn des?“ Das ist vorbei. Gottseidank. Und – O Wunder – auch die früher allgegenwärtigen Handys, seeehr reduziert. Man unterhält sich, erzählt Geschichten. Man tauscht sogar Visitenkarten aus, statt nach der WhatsApp-Nummer zu fragen. Verrückt.
Nächstes Jahr wieder.
