Blasenbewusstsein

Für Menschen, die nur einen Hammer haben, sind alle Probleme Nägel. Und die Einsicht, dass es auch Akkuschrauber gibt, ist gelegentlich überraschend und manchmal verändert sie den Horizont.

So einen Moment hatte ich kürzlich. Mir hat jemand erklärt, dass die deutsche mFT-Community schlicht irrelevant ist. OK, ich wusste, dass sie schrumpft – das sehe ich an meinen Verkaufszahlen – aber ich habe argumentiert, dass doch gaanz viele Objektive da draußen wären. Und das eine fette Basis sei. Und wenn da eine Kamera käme, dann müsste man die doch gezielt ansprechen. Und dann wurde mir erklärt, dass die oly-mFT-Community weltweit gesehen, schlicht und ergreifend bestenfalls ein Rundungsfehler ist. Wenn eine Kamera auf den Markt kommt, mit einer hochqualitativen Festbrennweite vorne dran, leistungsfähiger als die anderen Spitzenmodelle – nur für einen Tausender weniger, dann wird sich dieses Ding verkaufen. Von alleine.

Da braucht es niemanden wie mich, der den Leuten die Kamera erklärt. Klar, die meisten Kunden werden ihre Kameras nie vollständig ausreizen, geschweige denn wirklich aus dem FF verstehen. Das spielt aber überhaupt keine Rolle, wenn die Kameras von den Specs her No-Brainer sind, cool aussehen, cool sind, der Service passt und der Preis unschlagbar ist.

Und ja, man schließt gerne von sich auf andere. Ich verkaufe keine meiner Kameras. Nicht weil ich so an ihnen hänge, sondern weil ich meine Knipsen knechte und niemandem diese Kameras mit Kampfspuren an allen Ecken zumuten will. Also gehe ich davon aus, dass auch andere ihre alten Kameras behalten. Das ist aber nicht der Fall. Kameras werden reihenweise mit wenigen hundert Auslösungen verkauft. Also wenn ein Fotograf etwa für 2800 Euro eine Kamera von Hersteller A gekauft hat und dann kommt von Hersteller B eine Kamera auf den Markt, die weit mehr kann, aber nur 1800 Euro kostet, dann ist die teure Kamera schneller auf dem Gebrauchtmarkt als man „kleinanzeigen.de“ sagen kann.

Und damit spielt es, global gesehen, überhaupt keine Rolle, ob nun Hersteller A oder Hersteller B zuerst mit der Knüllerkamera rauskommt. Wenn der zeitlich Zweite das weit bessere Angebot hat, wird lediglich der Gebrauchtmarkt des Ersten zusammenbrechen. Pech für die Kuh Elsa.

Und wieder was gelernt. Nur weil etwas in meiner Blase selbstmurmelnd funktioniert und alle der gleichen Meinung sind, ist das im globalen Umfeld nicht unbedingt der Fall. Vielleicht sogar meistens gar nicht. Da denkt man, man habe das verstanden, weil ja nun mal knapp drei Milliarden Chinesen und Inder ein ganz anderer Markt sind und ganz andere Ansichten haben als 88 Millionen Deutsche. Ja, klar, auf politischer Ebene ist das klar. Unsere Lieblingsaußenministerin hat ja demonstriert, wie irrelevant ihre Ansichten in solchen Ländern sind. Aber es ist eben auch auf wirtschaftlichem Gebiet so. 50.000 aktive, deutsche mFT-Kunden sind keine Marktmacht sondern eine heterogene Gruppe, die sich teilweise bekämpft und bei der ein Hersteller die Spaltung auch noch befeuert.

Und ganz oben sitzen Leute und grinsen sich eins und bereiten sich darauf vor, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Denn die Gebrauchtpreise sind denen egal – sobald die neue Kamera verkauft ist, ist denen wurscht, was passiert. Ideal ist es, wenn die Kamera postwendend in die Vitrine wandert. Dann kann sie nicht kaputt gehen und kostet keinen Service.

In Norwegen habe ich jemanden getroffen, der auch mit Oly unterwegs war und mich anhand meines Dialekts sofort als Süddeutschen identifiziert hat. Ob ich auch auf Stammtischen wäre. Nö. Wäre ich mal gewesen. Er sei auf dem Münchner Stammtisch. Von Nils hat er schon mal was gehört, von anderen, die ich noch vom Stammtisch kannte, nichts. Ganz offensichtlich kannte er mich nicht und ich habe ihm auch nicht auf die Sprünge geholfen – wozu auch. Auch hier wieder: in seiner eigenen Bubble ist man der oberste Blasenmacher. Nur weil man 130.000 Bücher verkauft hat, bedeutet das noch nicht, dass irgendjemand einen kennt. Wiesner oder „AmazingNature“ kennt man, weil die ihre Nase dauernd bei YouTube zeigen. Das FolyFos oder PATLive langt längst nicht aus, dass mein Gesicht außerhalb meiner eigenen Blase bekannt wird.

Gottseidank.

Blasen schützen also – aber verhindern, dass man sich weiterentwickelt und reflektiert. Wenn ich von lauter Leuten umgeben wäre, die mich toll finden und alles, was ich mache, in den Himmel loben, würde ich mich wahrscheinlich auch irgendwann für den Bundeskanzler halten.

Ab und zu ist es gut, wenn die Blase platzt und wieder frische Luft von außen reinkommt.

Titelbild: ArtFilter Lochkamera III. Und nein, keine KI.

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