
Ich hatte ja vor zwei Wochen Frau Liebertz im Interview bei PATLive. Frau Liebertz ist im DVF und bewirbt sich bei der nächsten Wahl um den Präsidentenposten. Ein Ehrenamt. Während man in normalen Vereinen heilfroh ist, wenn sich mal wieder jemand, der noch nicht scheintot ist, bei der Arbeitsverteilung meldet, ist das im „Deutschen Verband für Fotografie“ andersrum. Die Ehrenamtlichen werden über Rundschreiben und neuerdings sogar über das vereinseigene Journal, das die zahlenden Mitglieder finanzieren, „gedisst“. Wenn Rapper so einen „Diss-Track“ raushauen, dann ist es Ehrensache, dass der Gedisste mit einem entsprechenden Song antwortet. Auf „Du Schwuchtel, ich habe den längsten!“ kommt dann zum Beispiel „Isch figg Deine Mudda“.
Schwierig wird es, wenn eben der eine über ein ein paar Hiwis verfügt, die ihm die Diss-Tracks schreiben, performen und dann auch noch das Label des Konkurrenten kontrollieren, damit der seinen Gegendiss nicht mehr loswerden kann. Dann ist das nicht mehr künstlerisch wertvoll, sondern nur noch erbärmlich feige.
Was passiert in so einem Fall? Die Zuhörer, die sich eigentlich vor allem für Musik interessieren und den „Beef“ als mehr oder weniger willkommenes Entertainment begriffen haben, wechseln den Interpreten, für den sie ihr Geld raushauen. Oder, bei Spotify, wird eben der Mist des Alpharappers nicht mehr geklickt. Aus die Maus. Einfach nur die Konkurrenz beschimpfen ist unlustig. Deshalb kriege ich ja auch regelmäßig Ärger, wenn ich es mir nicht verkneifen kann, einen Kollegen der gleichen Zunft irgendwelcher Dinge zu zeihen. Gelegentlich mache ich es trotzdem, weil ich den „Kollegen“ bereits angeschrieben hatte und von dem entweder seltsame Mails oder gar keine Antwort gekriegt habe.
Da ich ja, wie gesagt, vor zwei Wochen Frau Liebertz da hatte, habe ich jetzt Herrn Rau eingeladen, den derzeitigen Präsidenten des DVF. Zu gleichen Bedingungen. Eine Stunde Interview, keine abgesprochenen Fragen, aber Aufzeichnung und er kann es hinterher abnicken oder Änderungen verlangen. Wenn er der Meinung ist „Besser nicht veröffentlichen“, dann bleibt es im Giftschrank, wenn ich der Meinung bin, seine Änderungswünsche verfälschen das Interview, auch. Fair to both parties.
Sowas nennt man Journalismus. Beide Seiten hören. Und nicht nur hören, sondern auch die Argumente beider Seiten vorstellen.
Es gibt jetzt einige, die nach der Ansicht des „Diss“ im Journal spontan die Mitgliedschaft gekündigt haben – mit der durchaus nachvollziehbaren Begründung, dass sie so einen Kack nicht finanzieren wollen. Der Unmut auf der Facebook-Seite wurde anfangs durch „Shadow-Banning“ kanalisiert, nur gingen Screenshots vor dem Shadow-Ban bereits per Messenger durch die Community, ab da wurde dann die Moderation eingestellt.
Natürlich habe auch ich meine Finger in dieser ganzen Nummer drin – denn Herr Kriegelstein, Autor des phantastischen Buches „Die Kunst des Sehens“, hat einen Artikel geschrieben, in der er die von ihm und seinem Kollegen neu eingeführte Art der Wettbewerbsjurierung verteidigt – und natürlich alle Juroren, die das nicht tolle finden, als „bildästhetische Fundamentalisten“ bezeichnet, die die letzten 20 Jahre Bildentwicklung verschlafen haben. Es habe da Diskussionen um „ausgetauschte Himmel“ gegeben, das wäre aber doch zeitgenössische Fotografie.
Natürlich meint er da mich, denn ich habe mit ihm zusammen den Wettbewerb „Abenteuer“ für Oberstdorf juriert und da habe ich mitten in der Endjurierung meinen Hut aus dem Ring genommen. Ich bin jemand, der in etwa ne Ahnung von Lichtverläufen hat. Und wenn ein Lichtverlauf in einem Bild grob falsch ist, weil eben der Himmel ausgetauscht wurde, dann ist für mich nicht der ausgetauschte Himmel das Problem, sondern der falsche Lichtverlauf. Falsche Schatten, falsche Perspektiven. Das hat nichts mit Fotografie zu tun, und wird es in hundert Jahren noch nicht haben. Das ist einfach nur schlecht. Es ist billige Effekthascherei, weil man Dinge „malt“, die Aufmerksamkeit erzeugen, weil sie nicht möglich sind. Man schaut länger hin, weil man sich fragt „Was stimmt da nicht.“. Das kann man machen. Wie ich letzthin mit der Borgunder Stabkirche. Aber ich komme doch nicht auf die Idee, das zu einem Wettbewerb einzuschicken. Und als Juror ist sowas für mich ein Versuch des Photoshoppers, mich für komplett dumm zu verkaufen. Ganz abgesehen von der Kennzeichnungspflicht für KI-Werke, die natürlich auch für das DVF-Journal und alle Wettbewerbe gilt. Und zwar, ich habe mich erkundigt, RÜCKWIRKEND. Also ein mit Luminar ausgetauschter Himmel muss als „KI-generiert“ gekennzeichnet werden. Selbst wenn ich den Himmel selber geknipst habe. Und auch bei einem Bild, das ich 2018 zu einem Wettbewerb eingereicht habe.
Wie das bei einer Jurierung funktionieren soll, ist noch gar nicht geklärt – auch weil der „Verband“ ja anscheinend offiziell der Meinung ist, das Problem existiert nicht. Denn alle, die sich darüber Gedanken machen, sind sowas von letztes Jahrtausend. Und es mangelt ihnen an der entsprechenden Kompetenz.
Gut, ich werde nicht mehr für den DVF unter Rau jurieren und auch hier: Das ist ein ehrenamtlicher Job, der richtig aufwendig ist., der Verlust einer solchen Aufgabe ist locker zu verschmerzen, es sei denn, man hat ein Ego-Problem.
Und damit bin ich bei der Titelfrage: Verbindet der Verband was – oder kann der weg? Auch Frau Liebertz konnte mir im Interview nicht wirklich für Doofe erklären, wozu man den Verband braucht. Vielleicht ist er nur im augenblicklichen Zustand überflüssig und man kann dieser Nummer wieder Leben einhauchen?
Ich weiß es nicht, aber ich bin auf jeden Fall gespannt, ob Herr Rau auf meine Interviewanfrage antwortet. Ich warte noch.
Titelbild von Jürgen, OoC.Nur etwas beschnitten und die Sättigung hochgedreht.
Disclaimer: Das Buch „Die Kunst des Sehens“ habe ich 2017 von Herrn Kriegelstein mit Widmung zu Weihnachten geschenkt bekommen. Seitdem versuche ich, es weiterzuverschenken, aber niemand, der mal drin geblättert hat, will es haben … Es kann also sein, dass mein obiges Werturteil nicht objektiv ist.
Da ich noch nicht darin geblättert habe, würde ich mich opfern und dir die Last der „Kunst des Sehens“ anehmen. Und wenn ich das Buch auch nicht mag, bekommt es mein Schwager 😉
Oder du wirfst es in die Fundgrube.
Too late. Kurz nach acht war schon die erste Mail mit einer Anfrage da. Bin gerade am Verpacken.