Sehr geehrter Herr Merz

Von insgesamt 300.000 junge Leuten, die Sie anschreiben haben lassen, haben sich 530 zum Dienst an der Waffe gemeldet. Das bedeutet noch nicht, dass Sie tatsächlich 530 Panzerfahrer haben, sondern 530 junge Männer, die jetzt erst mal gemustert und für tauglich befunden werden müssen. Etwa 20% davon sind nach Zahlen des RKI stark übergewichtig. Rückenprobleme, Allergien, chronische Krankheiten, Diabetes, Long Covid – all die Krankheiten, die ihre Kumpels von der Industrie zur Steigerung ihres Umsatzes verursacht haben, fallen ihnen nun auf die Füße. Ich verstehe, dass Sie nun ein Problem haben.

Ich habe 1988/1989 fünf Monate Wehrdienst geleistet. Ich habe meine Ausbildung in der Instandsetzungsausbildungskompanie in Pfreimd gemacht und habe da gelernt, die Elektrik von Radfahrzeugen instandzusetzen. Ich kann also eine Schwingfeuerheizung reparieren, ich kann Feuerlöschanlagen in gepanzerten Fahrzeugen reparieren und kann bei einem Leo II Baujahr 1987 helfen, wenn der Rückwärtsgang nicht mehr reingeht und ich weiß, dass der NATO-Code für Polfett S-743 ist. Und dass die grüne Ausfertigung des InstAuftrags an die Datenverarbeitung MatAmt Heer gehen muss. Blau und Rot können an die höhere Erhaltungsstufe weitergeleitet oder zum Ablegen in die Kompanie-Geräteakte verwendet werden. Ich habe gelernt ein G3 blind zu zerlegen und habe bei Regen auf 300 Meter die Scheibe getroffen. Das war das einzige mal, dass ich einen scharfen Schuss abgefeuert habe.

Ich weiß sogar, dass man beim SEA 3kVA Type 403 und 403C den Wicklungswiderstand mit einer Wheatstone-Brücke ermitteln soll. Ich habe zwar bei der BW nur eine einzige Wheatstone-Brücke gesehen – meine eigene – aber ich kam auch nie in die Verlegenheit, ein BMW-Notstromaggregat reparieren zu müssen.

Und ich kann beim LKW 7 to KHD Jupiter den Generator wechseln. (Den haben wir intern natürlich nicht „Jupiter“ genannt. Das war schlicht „Der Magirus“. Cool war, dass er auch mit Frittenöl lief – was wir nie ausprobieren durften. Und das Frittenfett aus der Mannschaftskantine – keine Ahnung ob das der Magirus überlebt hätte.)

Ich bin also voll qualifiziert, in der Bundeswehr mitzukämpfen. Genauso wie all die anderen Ex-W15 ab der Jahrgänge 1956. Denn man soll ja jetzt bis zum Alter von 70 an der Front dienen.

Es gibt allerdings bei mir eine kleine Bedingung.

Sehr geehrter Herr Merz, es gibt da so ein nettes Foto, bei dem Ihre sehr verehrte Frau Gemahlin eine Tarnfleckweste mit drei Magazinen drin umhat und ausgesprochen gut gelaunt ist. Anscheinend macht ihr also das Soldatendasein Spaß. Und auch Sie selbst machen einen fröhlichen Eindruck. Es wäre also sehr nett, wenn Sie beide zur Aufhellung der Stimmung an der Front vor uns hergehen und ihre gute Laune verbreiten würden. Damit Sie sich nicht verirren, behalten wir Sie auch ganz scharf im Auge. Damit Sie wirklich ganz vorne sind. Also ich denke, das wäre so die Bedingung die ich stellen würde. Dann würde ich vergessen, dass ich den Kriegsdienst verweigert habe, unter anderem weil ich damals der Meinung war, dass ich als Soldat gar nicht beurteilen kann, ob ich gerade verteidige oder angreife. Ob ich gerade Zivilisten töte oder Soldaten. Aber wenn Sie vor mir hergehen, dann bin ich ziemlich sicher, dass ich nichts Böses tue. Denn Sie selbst würden das doch auch nie tun. Gelle? Seien Sie Vorbild. Und wenn Sie die komplette Familie von der Leyen und Herrn Pistorius dabei haben, dann würde die Laune in der Kompanie sicher noch besser werden. Denn wir alle brauchen Vorbilder, denen wir nacheifern können.

Und wenn Sie so Vorbild geben, dann wird es sicher auch mit dem soldatischen Nachwuchs was werden. Die Leute werden sich darum reißen, hinter ihrem Wahlkreisabgeordneten herzumarschieren und genau aufzupassen, was mit ihm passiert. Wir werden keine Angst mehr vor einem Imperium haben müssen, das uns besetzen und für 80 Jahre besetzt halten will. Und vor Nazis brauchen wir auch keine Angst mehr haben.

Es gibt da eine nette Geschichte aus Sengenthal – hier ums Eck. Im April 1945 wurde der Volkssturm aufgestellt, jeder bekam einen Karabiner und ein Magazin und den Auftrag, die Amis zu plätten. Für den Endsieg. Ein besonders schneidiger Wehrmachtsunterochsenstier wollte die Herrschaften mit vorgehaltener Pistole an den Feind scheuchen. Die gemütlichen Oberpfälzer haben ihn beschieden, dass er da schon mit einem anderen Kaliber kommen müsse, sie seien in Verdun gewesen und gerade nicht so sonderlich motiviert, sich wieder für irgendwelche Idioten umbringen zu lassen. Und haben ihre Karabiner durchgeladen. Daraufhin beschloss der schneidige Uffz, dass es wohl besser sei, den Schauplatz zu verlassen. Er ist allerdings nicht in Richtung der Amis abgezogen, um den Endsieg im Alleingang zu erfechten. Sondern in die andere Richtung.

Also Herr Merz, seien Sie Vorbild. Und motivieren Sie auch ihre Kollegen dazu.

Vielleicht klappt’s ja diesmal.

Und der Unterochsenstier – das war damals die Bezeichnung für die besonders schneidigen „Seid nicht feige Leute, lasst mich hintern Baum“ – Endsieger. Ich will selbstverständlich hier keine aktuellen Mannschaftsdienstgrade der Bundeswehr diskreditieren.

Titelbild: Vier Instler, von der Kompanie abgeschnitten, irren durch den Wald in der Nähe des eisernen Vorhangs, hungrig, frierend und auf der Suche nach dem Weg zum Mannschaftsheim. Die Lage ist katastrophal, das Offizierkasino sei schon von den Russen besetzt, wird kolportiert, das erklärt auch, warum weit und breit kein höherer Dienstgrad zu sehen ist und selbst der Uffz ist verschwunden.

One Reply to “Sehr geehrter Herr Merz”

  1. wie sagte der Vorsitzende der Musterungskommission nach meinem 4. Oder 5. Termin beim Kreiswehrersatzamt noch? “solange die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsstaat besteht werden Sie nicht zum Kriegs- oder Wehrdienst herangezogen.”
    Auf den Widerspruch gegen den Bescheid innerhalb 14 Tagen habe ich gerne verzichtet.
    Ich hoffe mal, das bleibt noch ein paar Jahre so, solange bin ich raus aus der Nummer. Die Altersgrenze habe ich auch schon ein paar Tage überschritten, tauge also maximal als Kanonenfutter.
    Zu meiner Zeit waren es noch 18 Monate, die man da investieren durfte.

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