Dinge werden unlustig

Vielleicht hat es jemand gemerkt: Alle PATLive sind auf Privat geschaltet. Und nein, ich habe keine Abmahnung aus Hamburg bekommen. Um da alle Vermutungen gleich mal abzubügeln.

Der Grund ist ein anderer: ich habe von einem Leser eine Mitteilung bekommen, ich hätte da bezüglich der exterritorialen Wirksamkeit von amerikanischer und deutscher Gesetzgebung bezüglich „Recht am eigenen Bild“ etwas Falsches erzählt. Ich bin da nun mit ihm in einer Fachdiskussion um das Problem zu klären, denn man gebe zwei Anwälten ein Problem und kriegt drei Meinungen. In dem Fall habe ich auch noch die Meinung mehrerer KIs dazu geliefert bekommen.

Um es ganz klar zu machen: die Diskussion ist rein fachbezogen. Wir schätzen uns beide sehr und der Ton ist wunderbar, also da brennt nichts an. Aber:

Ich bin kein Anwalt. Ich habe ein bisschen Ahnung von der Sache, weil ich mich damit nun seit einem Vierteljahrhundert beschäftige und die relevanten Urteile zu den Themen Recht am Bild und Urheberrecht studiere. (Und ich ja auch ein paar mehr Jährchen im Fotojournalismus verbracht habe.) Aber ich darf keine Rechtsberatung geben. Ich darf meine unmaßgebliche Meinung dazu äußern und Gesetzestexte zitieren. Das war ’s.

Der Grat ist schmal und steinig.

Dazu kam gestern die Nummer mit der GoPro-Problematik. Da habe ich einen Artikel von Digitec geschickt bekommen, habe den gelesen, habe mich mit ein paar Quellen kurzgeschlossen und den Artikel rausgehauen. Im Digitec-Artikel steht, dass GoPro noch 50 Millionen flüssig hat. Ich vermutete eine Übersetzungsgeschichte von „liquid“ zu „flüssig“ und habe über die drei Arten liquider Mittel referiert. Da kam Mail: „flüssig bedeutet flüssig. Also Zahlungsmittel.“ Ich solle das besser ändern, nicht dass ich Ärger mit GoPro kriege.

Also habe ich die Originalquelle durchgeackert und siehe da: die 50 Millionen sind „Cash and cash equivalents“. „Cash“ ist klar, „Cash Equivalents“ ist aber richtig tricky. Cash Equivalents sind

a) US-Schatzwechsel (T-Bills)

b) „Commercial Papers“ – das sind unbesicherte Schuldscheine, die nur deshalb was wert sind, weil Emittent (die Firma) und Käufer der Meinung sind, die Firma könnte den Schuldschein bedienen.

c) „Marktgängige Wertpapiere“ – das sind entweder Anteile an der Firma oder Schuldverschreibungen. Werden gerne verwendet um Firmen liquider erscheinen zu lassen.

d) Geldmarktfonds. Das ist sowas ähnliches wie „Tagesgeld“. Bietet höhere Zinsen als ein Girokonto, ist aber kurzfristig verfügbar.

e) kurzfristige Staatsanleihen.

Ob nun GoPro auf einem Stapel Schuldscheinen oder einem Geldhaufen sitzt, steht da nicht. Nachdem Verhandlungen mit den Banken laufen, riecht das eher nicht nach der Palette mit Dollarscheinen.

Und was ist da nun unlustig?

Ich muss mich mit Kack auseinandersetzen, der mich nicht interessiert und der mit Fotografie so viel zu tun hat, wie Nachbars Hühner mit einer veganen Leberwurst. Ich muss Zeit in das Studium von Bilanzen investieren, nur um nicht vielleicht irgendwas zu schreiben, was nicht superkorrekt ist, aber den Sachverhalt trifft. Der Laden ist am Ende. Schreibt der Wirtschaftsprüfer.

Und dann noch die IR-Nummer. „Ich habe da andere Ergebnisse“. Glaube ich. Sofort. Wenn man googelt, kriegt man für ein- und dasselbe Objektiv unterschiedliche Beurteilungen. Weil es auf den IR-Filter ankommt. Auf das Testverfahren. Auf die Definition, was ist ein Hotspot. Ist ein Schärfeabfall bei Infrarot auch eine Art Hotspot? Wie groß darf ein Hotspot sein, um noch ein Hotspot zu sein? Sind Farbverschiebungen relevant oder nicht? Und dann kommt es auch noch auf das Motiv an, ob man den Hotspot überhaupt feststellen kann. Und das Licht.

Über 50 Seiten Finanzbericht, Finanzinstrumente zur Aufhübschung von Bilanzen, Rechtsstudien internationales Recht, tagelange Tests von Objektiven und Entwicklung eines entsprechenden Testverfahrens, das mit allen verfügbaren Brennweiten funktioniert. Zwei Tage Vorbereitung eines eineinhalbstündigen Referats über Streetfotografie.

Für drei Blogartikel und ein PATLive.

Und die Gefahr von Abmahnungen wegen illegaler Rechtsberatung und Beschädigen der Ehre eines Unternehmens.

Warum mache ich das?

Bin ich eigentlich komplett bescheuert?

4 Replies to “Dinge werden unlustig”

  1. Das kann passieren, wenn man meint, zu allem seinen Senf dazugeben zu müssen und Vermutungen/Halbwahrheiten nicht als solche kenntlich macht, sondern diese als vermeintliche Tatsachen in die Welt posaunt. Das mag zwar „straight and honest“ sein, mit Reaktionen ist dann aber zu rechnen.

    1. Ich habe die Stoppuhr gestellt, wann genau so ein Kommentar kommt. Etwas mehr als vier Stunden hat es gedauert. Mal sehen wer noch alles meint, zu allem seinen Senf dazugeben zu müssen und Halbwahrheiten in die Welt posaunt.

  2. Seit 2000 hat sich die Anzahl der Rechtsanwälte in Deutschland von 104000 auf 125000 erhöht. Was will uns diese Entwicklung sagen? Wir bekamen mal eine Abmahnung über 800€ die wir ohne Anwalt abwenden konnten. Hätten wir einen genommen wäre es genau so teuer geworden. Kann man sich seinen Teil dazu denken. Es dauert nicht mehr lange bis uns diese ganze Informationsflut um die Ohren fliegt, weil niemand mehr weiß was wahr und nicht wahr ist. Welcher Richter soll sich da durch finden. Niemand wird mehr etwas glauben können und auch nicht mehr verlässlich recherchieren können. Na ja, ich hoffe mal dass vielleicht Sie hier noch lange durchhalten.

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