Bilder sollen ohne Text verständlich sein

Dieses Bild hat den Titel „Abenteuer“ und wurde zum Thema des Oberstdorfer Fotogipfels erstellt. Von der KI. Komplett. Ich wollte es anders, nicht so offensichtlich, ich wollte, dass der Typ auf der oberen Plattform des „U“ steht und man von dort aus über die Stadt sieht – dann wäre die Aussage nicht so dermaßen plakativ gewesen. Aber subtil kann ChatGPT wohl nicht. Dafür hat er den gelb/schwarzen Himmel gut hinbekommen.

Kleiner Gag am Rande: es gibt eine Fanfreundschaft von Club und Schalke. Weiß sogar ChatGPT, auch wenn er mit der korrekten Zuordnung von „Club“ zum Valznerweiher ein Problem hat. Wenn gerade von Schalke die Rede ist, dann ist er der Meinung, die wären gemeint. Wenn ich ihn frage, gegen wen der Club am letzten Wochenende gespielt hat, sucht er nach den Ergebnissen von Schalke. Dass er dann trotzdem den 3:0-Sieg des Clubs in Nürnberg findet, ist eben der Realität geschuldet…. 😉

So. Wenn sich jemand nicht für Fußball interessiert und weder mit Gelsenkirchen noch Dortmund was am Hut hat, dann kann er mit dem Foto nichts anfangen. Häh? Abenteuer?

Ach ja, Schalke wird nicht mehr von Gazprom gesponsert. Nur zur Info…. 😉

Wie komme ich nun auf dieses Thema überhaupt? Ich mach ja hin und wieder Bildbetrachtung. Von Bildern anderer Leute und versuche, draus schlau zu werden. Manche sind simpel: Da wird was abgebildet und das Bild hat genau eine Ebene: das, was man da sieht.

Das hier ist ein Skateboardfahrer in Hamburg. Ist mittlerweile 18 Jahre her. Da gibt’s zwar eine Hintergrundstory, die aber nicht hilft, in dem Bild irgendwas zu erkennen, was nicht abgebildet ist. Das Bild hat keine zweite Ebene, die zum Verständnis notwendig ist. Man muss auch nicht wissen, dass das in Hamburg ist – es spielt schlicht keine Rolle.

Ist nun ein Bild ohne „zweite Ebene“ schlechter als ein Bild, zu dem man Hintergrund wissen muss?

Was soll das sein? Frau mit Sonnenbrille mit Kaffeetasse, Bäckertüte, Croissant und Perlenkette? Wie bescheuert ist das? Naja, Da gibt es ein „ikonisches“ Bild einer bekannten Schauspielerin die in ähnlicher Pose vor einem Schaufenster in NewYork steht und ziemlich belämmert kuckt, soweit man das mit der Sonnenbrille erkennen kann. Wer das Original nicht kennt, erkennt die Parodie nicht. Hier hat’s eine „zweite Ebene“ und das Bild ist ohne Kenntnis dieser „zweiten Ebene“ unverständlich. Übrigens ist auch einiges bei PATLive natürlich unverständlich, wenn man die BBC-Serie nicht kennt.

Noch ein Beispiel:

Das ist eine ziemlich perfekte Illustration zum Märchen „Die kluge Bauerstochter“ der Gebrüder Grimm. Rumpelstilzchen kennt jeder, die kluge Bauerstochter fast niemand. Zweite Ebene? Oder kann eine Illustration nur im Kontext stehen? Aber irgendwie illustriert ja fast jedes Bild eine Geschichte, Manchmal eine geschriebene Geschichte, und manchmal einfach nur eine Situation, die dem Betrachter bereits bekannt ist.

Wenn jemand kein Skateboard kennt – und was man damit machen kann – der kann mit dem Foto oben nichts anfangen. Wer nicht weiß, was „Schalke“ ist, und was dieser blaue Schal soll, für den ist das Bild komplett Bahnhof.

Also – gibt es einen Unterschied zwischen einem Bild? Wie weit muss ein Bild sich selbst erklären können? Was darf vorausgesetzt werden? Was muss erklärt werden? Inwieweit muss man mit Klischees arbeiten? Wo fängt dann irgendwann die Kunst an, weil mit Symbolen gearbeitet wird, die nicht mehr allgemeinverständlich sind, ja die sogar bewusst kryptisch gehalten werden? Und wo fängt die bewusste Beschränkung des Verständnisses von Bildern an, um einem elitären, idealerweise zahlungskräftigem, Publikum zu gefallen?

7 Replies to “Bilder sollen ohne Text verständlich sein”

  1. Das Erste ist dünnes, sehr dünnes Eis, mein Freund. 😉 By the way: Wir als nur am Rande Involvierte (höchstens fußballinteressiert) und in Dortmund Lebende freuen uns schon auf die kommenden Derbys. 🙁

    Ich darf bei uns im Fotoclub jeden Monat Bilder bewerten, und ich muss ehrlich gestehen, dass ich keine Geschichte brauche, um ein Bild als gut zu bewerten – es aber toll finde, wenn eine da ist. Wenn diese subtil ist und sich nicht sofort erschließt, ist das meiner Meinung nach große Kunst.
    Bei dem Bild mit der Kaffeebecher-Dame ist das eine Sache der „Vorbildung“. Man muss das Original kennen (wobei im Netz jede Menge daran angelehnte Versionen zu finden sind und ich nicht weiß, ob das Original gezeigt wurde), und dann ist das für mich so lala mit der zweiten Ebene. Schöner finde ich es, wenn sie sich „jedem“ erschließen kann oder sollte, wenn man sich ernsthaft mit dem Bild auseinandersetzt.

    1. Eben genau das mit dem „Jedem“ ist das Problem. Ich habe schon mal das Werbevideo von VW mit dem kleinen Jungen im StarWars-Kostüm thematisiert. Wer StarWars nicht kennt, für den ist das Video vollständig unverständlich. Die Zielgruppe, die den Passat kaufen sollte, ist aber mit dem StarWars-Hype aufgewachsen. (Ein Filmkritiker hat letzhin über die Serie gesagt „Irgendwelche Dullis, die mit Leuchtstäben durch die Gegend rennen und sich gegenseitig damit auf den Kopf hauen …“) Also zielgruppenorientiert fotografieren. Wenn ich bei einer Jurierung das Foto von drei Matratzen in einem Sumpf mit Nebelschwaden sehe, denke ich sofort „Squornshöllisch Zeta“ und dann würde ich sogar eine per Photoshop im Hintergrund eingefügte, eingestürzte Brücke geil finden. Volle Punktzahl. Aber wie ist das mit Bildern, die ich nicht verstehe, weil ich nicht zur Zielgruppe gehöre? Eine in dreckige Renaissanceklamotten in einem Keller auf dem Boden sitzende Frau vor der ein perfekt gebügelter Typ steht. Was ist das? Vergewaltigungsphantasie? Oder Faust und Gretchen? Steckt man die Frau in schwarz/weiß-gestreifte Klamotten und zieht dem Typ ne SS-Uniform an – dann hat das Thema nochmal zwei Ebenen mehr. Um diese Ebenen zu realisieren, muss man aber den Faust kennen, die Rezeption von Goethe unter den Nazis und die Goethe-Antisemitismus-Diskussion. Und natürlich noch die aktuellen Vorgänge im Nahen Osten.
      Das sind jetzt Dinge, die mir einfallen – aber andere Fotografen haben einen anderen Hintergrund. Es bewegen sie Dinge, die sie in Bilder gießen, die mir nicht bekannt sind. Weil ich mich genau mit diesen Themen nicht beschäftigt habe. Weil ich das Buch nicht gelesen habe. Weil ich mittlerweile ein Landei bin und die Diskussionen in Städten nicht mehr mitbekomme. Und genau hier ist eben mein Problem. Wer bin ich, dass ich beurteilen kann, ob ein Bild belanglos ist? Vielleicht bin ich ja nur ignorant?

      Vielleicht sollte man bei Bildern, die beurteilt werden sollen, die entsprechenden Quellenlinks dazuliefern …

  2. Jedes Bild hat eine (Ziel-) Gruppe, für die es „funktioniert“, und andere, für die es nichtssagend ist oder eine komplett andere Aussage hat.

    Das habe ich in der Mittelstufe im Kunstunterricht gelernt.
    Mein Lehrer hat uns aufgefordert, ein Bild oder Symbol zu benennen, was vermutlich jeder Mensch versteht.
    Er hat dann immer ein „Gegenargument“ gefunden.
    Am eindrücklichsten war für mich das Beispiel mit dem Pfeil. Wir waren uns alle sicher, dass jeder Mensch die Bedeutung eines Pfeils kennt. Vermutlich ist das sogar so. Allerdings hat er uns erklärt, dass die „Urwaldmenschen“ in die für uns „falsche“ Richtung schauen oder laufen würden. Für sie ist nämlich nicht so wichtig, wo der Pfeil hin fliegt, sondern wo er her kommt…

    Seit diesem Beispiel habe ich gar nicht den Anspruch, dass meine Bilder „allumfassend“ verständlich sind. Ich freue mich, wenn einige Menschen sehen bzw. denken, was ich zeigen bzw. anregen wollte. Das reicht mir…
    Oft braucht es halt Vorwissen, 2. Ebene, (kulturelle) Prägung, usw…
    Selbst Erotik, die angeblich die Ur-Instinkte anspricht, wirkt bei jedem/r anders!

    jm2c, Martin

  3. Spannendes Thema, das mir auch immer wieder begegnet, wenn auf irgendeiner populären Website mit Kommentarspalten zum Beispiel Ergebnisse internationaler Themen-Fotowettbewerbe gezeigt werden, besonders, wenn’s um Weltprobleme oder Soziales geht, vielleicht sowas wie die Situation der Frau in unterschiedlichen Weltregionen. Die Bildinhalte sind ohne die Bildbeschreibungen der Fotograf/inn/en, wie sie dann meist auch mitgeliefert werden, oft nicht gleich einzuordnen oder zu verstehen. In solchen Kommentarspalten kommen spätestens, nachdem man bis drei gezählt hat, zuverlässig die ersten Spezialisten und blöken „was sollen die langen Texte; Fotos sind schlecht, wenn sie nicht aus sich selbst heraus funktionieren“. Wäre das so, wäre ein beträchtlicher Teil der gesammelten Reportagefotografie dieser Welt schlechte Fotografie.

    In den beschriebenen Fällen geht es, vermute ich, oft nicht darum, dass diese Leute nicht gezwungen sein wollen, Texte zu Fotos zu lesen, um sie zu verstehen, sondern dass sie nicht denken wollen.

  4. Um der Diskussion eine 2. Ebene einzuziehen nehme ich an, die Oper wird dann auch meist meisterhaft gesungen 😉
    Klopf, klopf klopf …

  5. Ich denke auch, dass es das universal verstandene Bild nicht gibt. Der kulturelle und erfahrungsmässig geprägte Hintergrund der Betrachter wird immer mitspielen. Sonst wäre es nicht möglich, dass ein Bild, das von vielen Menschen als Christusdarstellung interpretiert wird, vom Abgebildeten als Arzt verstanden wird.
    Für mich muss ein Bild in mir eine Reaktion erzeugen, eine Emotion anregen. Dann kann ich persönlich was damit anfangen. Keine Ahnung, ob das im Sinne des Urhebers erfolgt. Ich liebe es auch, weitere Ebenen und Anspielungen zu entdecken. Ich kann mich an Situationen erinnern, wo ich erst Jahre später die andere Ebene gelernt und erkannt habe. Das gilt auch für Bücher, die man immer wieder lesen kann und was neues entdeckt.
    Kommunikation ist immer ein Slalom der Missverständnisse. Toll, wenn einiges wie gedacht rüber kommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert