Frag PAT: Hyperfokaldistanz

Da denkt man, man hat ein Thema schon bis zum Erbrechen behandelt, dann kommt ne Frage, ich kucke in meinen fast 2000 Artikel nach und – Peng – nie erklärt.

Also. Die Definition der Hyperfokaldistanz in der Wikipedia ist die Beste, die ich kenne, auch wenn sie holpert: Als hyperfokale Entfernung beziehungsweise hyperfokale Distanz wird in der Fotografie diejenige endliche Gegenstandsweite bezeichnet, bei der, wenn man auf sie fokussiert, im Unendlichen liegende Objekte mit akzeptabler Unschärfe abgebildet werden. Der gesamte mit akzeptabler Unschärfe abgebildete Bereich, die sogenannte Schärfentiefe, reicht dann von der halben hyperfokalen Entfernung bis ins Unendliche.

Es geht auch flapsiger: Wennste auf die HyFo scharfstellst, ist von der Hälfte bis unendlich alles scharf.

Die Formel gibt’s auf der Wikipedia. Nu geht aber niemand mit dem Taschenrechner los und misst die Distanzen mit dem Maßband aus. In der Praxis ist der beste Tipp, den man geben kann: Niemals auf den Horizont scharf stellen, immer auf irgendwas in der Nähe. Kurzes Beispiel aus der Landschaftsfotografie:

OM-1, Objektiv 12-40 f/2,8, Brennweite 12mm, Blende 4

  • Auf Horizont scharf gestellt, Schärfe von 5m bis unendlich.
  • Auf Hyfo (5m) scharf gestellt, Schärfe von 2,5m bis unendlich.

Wenn man im Stehen fotografiert und die Kamera waagrecht hält, wird der Boden bei 12mm ab einer Entfernung von grob 2,5 Metern abgelichtet. Stellt man auf den Horizont scharf, ist der Boden die ersten zweieinhalb Meter unscharf. Weitwinkel betont den Vordergrund – also die Unschärfe.

Mal kurz die Tabelle für das 7-14 bei Blende 4

Brennweitegrobe „Bodenentfernung“Hyfo
7mm1,7m1,7m
8mm1,9m2,2m
9mm2,1m2,8m
10mm2,4m3,5m
11mm2,6m4,2m
12mm2,8m5m
13mm3m5,9m
14mm3,2m6,9m

Man sieht, je länger die Brennweite wird, desto kritischer wird der Vordergrund. Bei mehr als 14mm reicht auch die HyFo nicht mehr aus, um bei Blende 4 auch nur den Fußboden durchgehend scharf zu bekommen.

Dolomiten. 13mm f/2,8. Bewusst auf den Vordergrund scharf gestellt, der Hintergrund verschwimmt schon etwas.

Nun kann man Abblenden. Eine Blendenstufe mehr, verkürzt die Hyfo um den Faktor 1,4, Zwei Blendenstufen um den Faktor 2. Bei 14mm Blende 8 sind wir bei eine HyFo von dreieinhalb Metern.

Wenn man nun alle Blenden und Brennweiten mit Hyfo auflistet, dann wird das eine recht lange Tabelle. Praktisch von Bedeutung ist meistens Blende 5,6. Da bewegen sich die meisten mFT-Optiken im Bereich der besten Abbildung, die Lichtstärke ist für die meisten Zwecke ausreichend und da man ja sowieso nicht mit dem Zollstock (Gliedermaßstab) durch die Gegend rennt, kann man aus der Tabelle andere HYFos per Pi Daumen mit hinreichender Genauigkeit ausrechnen.

Brennweite mm67891011121314
Hyfo m0,91,21,622,533,64,24,9
Brennweite mm17222530354560100200
Hyfo m7,31216233151912501000

Die Genauigkeit ist grob zwei gültige Ziffern. 1006,036 Meter bei einem Zerstreuungskreisdurchmesser von 0,0071mm hilft niemand was.

Noch ein Wort zum Zerstreuungskreisdurchmesser. Der korrekte Wert für die 20MP-Sensoren wäre 0,0067mm. Damit wären die HyFos etwa 5% länger. Aber nach meinen Erfahrungen kommt man mit 0,0071 gut hin, weil man a) eh nicht so genau messen kann und b) die Unschärfe bei Unendlich oft an der Luftunruhe liegt.

Diese Tabelle ist für den Fall, dass man bei Tag möglichst viel scharf haben will. Wenn man auf Sterne losgeht ist das mit der HyFo gar nicht so einfach. Da wird nach Möglichkeit Offenblende fotografiert und da kann das passieren, dass man über die Bedingung „hinreichend“ stolpert. 11mm Brennweite, Blende 2,8, HyFo sechs Meter. Eingestellt, fotografiert, Sterne unscharf. Astro-Fotografen stellen tatsächlich auf die Sterne scharf. Mit einer „speziellen „Bahinov-Maske“ oder eventuell auch mit dem StarAF mit Priorität auf Genauigkeit. Bei Weitwinkelobjektiven reicht es in der Praxis oft aus, auf Lichter am Horizont – einen Kilometer weg – scharf zu stellen. Mit der Hyfo gewinnt man aber nachts keinen Blumentopf am Himmel.

Bahinov-Maske

Das Titelbild? Auch die Dolomiten. 150mm f/4. HyFo 800 Meter. Geht doch.

3 Replies to “Frag PAT: Hyperfokaldistanz”

  1. Hallo Reinhard,
    Danke für den Artikel, gerade die Tabelle ist sehr hilfreich.
    Eine kleine Frage bleibt mir aber noch: Gelten für ein 8 mm-Fisheye die 1,6 m oder eher weniger als 0,9 m?
    Vielen lieben Dank und
    Gruß, Matze

  2. Lange Zeit dachte ich, dass die Hyperfokaldistanz dasselbe ist,
    wie die „Fokussierung auf unendlich“. Offenbar ist es nicht so.

    Wo ist der Unterschied?
    Was genau ist eine „Fokussierung auf unendlich“?

    1. „Fokussierung auf unendlich“ ist eine echt heiße Kiste. Es gibt vor allem analoge Objektive, die haben eine „Unendlicheinstellung“. Da kann man drauf einstellen, dann wird eben auf einen Punkt scharf gestellt, der je nach Objektiv mehrere Kilometer bis hunderte Kilometer weit weg ist. AF-Objektive gibt es welche, die haben auch bei dieser „Unendlicheinstellung“ einen „Anschlag“ und es gibt welche, die haben den nicht. Da kann man über Unendlich hinaus scharf stellen – oder, genauer, unscharf. Warum dieses? Weil der AF sonst nicht auf unendlich scharf stellen kann. Der AF muss gerade bei Kontrast-AF über unendlich hinausfahren können, um den Rückschritt bis zur Schärfe machen zu können.
      Also: Es hängt am Objektiv, was „Fokussierung auf unendlich“ bedeutet….

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