New Fakes: KI-Influencer

Kennt ihr das Gefühl? Ihr wacht auf und kommt euch vor wie in einem schlechten Sci-Fi-Roman?

Es fing vor über einem Jahrzehnt an, als der Hersteller, für den ich eine Zeit lang seine Produkte fotografiert habe, beschloss, sich die Kosten für den Fotografen zu sparen und die Produktabbildungen direkt aus den Designdaten erzeugen ließ. Schon vorher hatte ich Interviews mit Autoherstellern geführt, die nicht mehr ihre Autos auf die Passstraße bei Sonnenuntergang transportierten, sondern nur noch eine HDR-Sphäre. Das Auto wurde daheim per CGI eingefügt. Das ging sogar bei Cabrios, weil in den Daten sogar die Innenseite des Handschuhfachs und jede einzelne Naht auf den Sitzen abgebildet war. Einziges Problem damals noch: der Fahrer.

Ab diesem Zeitpunkt war mein fotografisches Interesse an aufwendiger Automobilwerbung schlagartig erloschen. Autos knipsen? Wozu? Dat kann der Raytracer besser und billiger.

Jetzt geht es den Influencern ans Portemonnaie. Falsches Grinsen? Plaste-Gesichter, Fake-Lebensläufe und gepumpte Lambos? Geht mit KI viel einfacher und billiger. Aitana Lopez, 220.000 Follower, #fitnesslover ist komplett KI-generiert und tagged Shampoo und Unterwäsche. (Bei Dark Star war die Catchline „Wie wäscht man seine Unterhosen in einem Raumschiff?.“ Heute wäre die Frage: brauchen KI-Influencer Zahnbleichmittel?)

Ki-Influencer sind der neue heiße Scheiß. Sie werden von Louis Vuitton, H&M und Kim Kardashian gebucht – jawohl. Es gibt bereits Influencer, die KI-Influencer buchen. Warum? Die Kunst-Fakes haben gegenüber den Echt-Fakes einen ganzen Haufen Vorteile:

  • Sie sind billiger, man kann sie im Zweifel selber basteln.
  • Sie haben keine seltsamen politischen Ansichten
  • Sie müssen nicht aufs Klo
  • Sie nehmen nicht ab, nehmen nicht zu und werden nie in Jogginghose bei Edeka erwischt.
  • Sie kriegen weder Covid noch Herpes
  • Sie haben nicht in einem früheren Leben für die Konkurrenz gearbeitet.
  • Sie verhaspeln sich nicht beim Vorlesen der Claims und wenn Marketing auffällt, dass die Claims Quark waren, dann lesen sie die korrigierten Claims auch zehnmal ab ohne das Gesicht zu verziehen.
  • Die Reichweite ist für die gleichen Kosten bis zu zehnmal höher.

Hier noch ein Beispiel. Lil Miquela, die ist seit 2016 virtuell unterwegs und sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Deren „Familie“ verlangt pro Deal mehrere hunderttausend Dollar, sie hat 2,6 Millionen Follower und Verträge mit Prada und Givenchy. Prada ist jetzt nicht so die Firma, die als Zielgruppe pubertierende Mädels hat, denen sie Anti-Pickel-Creme verticken will.

Entsprechend sind jetzt Echte Fakes besorgt, dass ihnen die KI-Fakes die Butter vom Brot nehmen und fordern eine Kennzeichnung der KI-Fakes als Fakes. Nur: Das passiert längst. Lil wird als „19-year-old Robot living in LA“ bezeichnet. Das finden viele Insta-Freaks so cool, dass sie sich selbst als „robot“ bezeichnen und nun ist alles wieder wie gehabt: Alles ist Fake.

Wie schon Rio Reiser 1988 wusste…. Alles Lüge

6 Replies to “New Fakes: KI-Influencer”

    1. Die Waschmaschinen sind noch viel zu gegenständlich – eigentlich geht es eher Richtung Matrix – nur dass wir wohl nicht mal mehr als Energielieferant gebraucht werden….

      Andy
      imutopiamodus

      PS: also ich hoffe doch, dass das nur ein Utopia-Modus ist und kein Realitäts-Modus wird…

  1. einfach mal das Internet ein paar Tage abschalten. Vielleicht merken dann ein paar Leute, dass man das Hirn auch für anderes gebrauchen kann, nicht nur zur Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen.

    1. Das Problem ist, dass für viele das Smartphone inzwischen eine Vitalfunktion darstellt. Anders kann ich mir nicht erklären, warum die sich zum Sklaven (m/w/d) von diesem Fetisch machen.

  2. Ich kenne Leute, die mit Portraits von Schaufensterpuppen bei Wettbewerben punkten.
    Fake ist nun mal viel realer als die Wirklichkeit 😉
    Vor ein paar Jahren war in einem Reiseprospekt ein Foto zu einer Venedig-Reise. Breite, gemütliche Gondeln in glasklarem Wasser vor malerischen Häusern. Sowas gibt’s nur an einem Ort: vor dem Venetian Hotel in Las Vegas. Fake Werbung für das Echte.

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