Ouvertüre 1812

Am 22. Juni 1941 riss in Nürnberg in der Spenglerstraße 3 über der damaligen Gaststätte „Glücksstern“ im 3. Stock der Sohn eines Dachdeckermeisters das Fenster auf, stellte das Grammophon ans Fenster und ließ Tschaikowskis Ouvertüre 1812 in die ruhige Straße hinaus.

Er riskierte damit sein Leben.

Als Junge hatte er für den kommunistischen Widerstand Matritzen geschrieben, die in der Höhlendruckerei vervielfältigt und dann in Nürnberg verteilt wurden. Die Gestapo durchsuchte regelmäßig die Räume, weil sein Vater als Gewerkschafter und KPD-Mitglied verdächtig war. Wenn die Gestapo schnüffeln kam, wurden die bösen Bücher russischer Schriftsteller – und auch des Amerikaners Upton Sinclair – vorübergehend per Bindfaden aus dem Fenster abgeseilt. Zweimal wurden die Eltern zu Verhören abgeholt, ein Freund der Familie wurde von der Gestapo erst halb tot geschlagen und dann aus dem oberen Stock des Polizeipräsidiums geworfen.

Im britischen Cardiff sollte die Ouvertüre am 18.3.2022 aufgeführt werden, wurde abgesagt. In Stettin wurde Tschaikowski abgesagt, in Berlin wurde Tschaikowski abgesagt, in Mailand soll eine mehrteilige Vorlesung zu Dostojewski unterbunden werden, und in Florenz soll die Dostojewski-Statue entfernt werden.

Die Universität Greifswald, die jahrelang russische Fotografen nach Zingst geholt hat, die hervorragende, auch gesellschaftskritische Arbeiten gezeigt haben, hat sämtliche Partnerprogramme gestoppt.

Arbeit eines russischen Fotografen, Ausstellung in der Panzerhalle in Zingst, 2016

7 Replies to “Ouvertüre 1812”

  1. So sehr ich diesen Krieg verurteile, aber alles russische jetzt unterbinden, erinnert an dunkle Zeiten. Dies geht mir persönlich zum einen zu sehr in Gesinnungsschnüffelei, wie bspw. mit dem Versuch einen russischen Stardirigenten zur Distanzierung von Putin zu veranlassen oder das nicht Aufführen von Musikstücken und das nicht Zeigen von Photographien. Ich denke hier tut sich weder Deutschland noch Europa einen Gefallen damit.

  2. Moin,
    da ist die heutzutage vorherschende Angst vor einem Shitstorm aus meiner Sicht nicht ganz unbeteiligt.
    Gerade die 1812 mit Kanonen ist auf den ersten Blick aktuell sehr fehl am Platz, wäre sie aber auch, wenn sie ein Amerikaner geschrieben hätte … Habe jetzt nur ganz kurz in den Wikipediaartikel zum Russlandfeldzug von 1812 geschaut und die Rolle der Zaren (die Lobeshymne wurde später ausgetauscht) aber auf den zweiten Blick erkenne ich dann schon einen Zusammenhang zur aktuellen Situation, denn das damalige Russland hat einen Angriffskrieg von Napoleon erfolgreich abgewehrt.
    Wenn ich das nicht ganz falsch sehe, könnte man bei einer Aufführung darauf Hinweisen, aber ob das wieder jeder mitbekommt?? In der Sun (vergleichbar zur Bild) stände doch trotzdem nur „Trotz Krieg: Musiker spielen russische Siegeshymne“. Wenn ein Orchester darauf keine Lust hat kann ich verstehen.
    Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft ist leider inzwischen zu sehr verstrickt, und selbst wenn nur ein Referent der Dostojewski-Veranstaltung ein Konto in Russland hat, gibt es wieder jemanden, der Angst hat, als Sanktionsbrecher beschimpft zu werden….

    Den Zusammenhang zur Story vom „22. Juni 1941“ erkenne ich nicht. Vielleicht ist die Mittagspause nicht der richtige Zeitpunkt. Vielleicht gibt es nochmal einen Wink mit dem Zaunpfahl.

    Ist doch alles doof – Wie man es macht, man machts verkehrt.

    1. Nein. Ich winke nicht mit dem Zaunpfahl. Nur zur Info: Beethoven hat auch eine sinfonische Dichtung geschrieben: Opus 91. Auch mit Kanonen. Da ging’s auch um eine Niederlage der Franzosen.

    2. Bzgl. Zusammenhang mit 1941 kann ich vielleicht aufgrund eigener Erfahrung zaunpfahlwinken: Ich habe beim Lesen des Artikels beim zweiten Datum nicht aufgepasst. Es hat eine Weile gedauert, bis die Erkenntnis durchgedrungen ist: Sch…, das ist ja jetzt! Eben nicht 1941.

      Die Pointe machte nachdenklich. Dein Hinweis auf den Hintergrund der 1812 ist aber auch nicht von der Hand zu weisen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.