Verschickungskind.

Das ist der Bahnhof, an dem ich am Abend des 5.11.1968 aus dem Zug gestiegen bin. Fünf Jahre, laut Attest frei von Ungeziefer (einschl. Würmer und Krätze) , Gebiss und Mandeln in Ordnung, Gewicht 20,3 Kg. Guter Ernährungszustand.

Anschließend habe ich sechs Wochen in diesem Haus zugebracht:

Cramers Kunstanstalt KG, Dortmund

Meine Verordnung in dieser Zeit: „Liegekur, Gymnastik und Höhensonne.“ Am 13.12.1968 wurde ich mit 21,8kg und „Kurerfolg Sehr gut“ wieder entlassen. Gestempelt und unterschrieben vom „Heimarzt prakt. Arzt Dr. E. Gebhard“. Unterschrift unleserlich.

Die „hellen, freundlichen Räume“ auf der Postkarte waren mit den wenigen Lampen mehr nur so mittelgut beleuchtet. Also eher duster. Hatte Vorteile, dann sah man nicht so genau, was man da zu Essen aufgetischt bekam. Da der Kurerfolg ausschließlich an der Gewichtszunahme gemessen wurde, gab es vor allem viele Kalorien. Aufessen war Pflicht. (Reisbrei, Milchreis, fette Wurst und Zwetschgenkompott. Angebrannter Pudding. ) Die Schlafräume unter dem Dach bestanden aus drei bis vier Stockbetten pro Zimmer auf etwa 12 Quadratmeter unter dem Dach. Wer nachts aufs Klo musste und partout nicht ins Bett machen wollte, durfte in eine fensterlose Besenkammer und dort ein paar Stunden über sein Leben nachdenken. Wer eine sehr eindrückliche Schilderung des Heimes haben möchte: Hier, zur gefälligen Lektüre, und dann noch Kälte und Dunkelheit dazurechnen…

Und wer kennt noch Heintje mit Heidschi Bumbeidschi? (Hier, mit Andrea Berg zum Sockenhochrollen.) Da gibt’s einen Originaltext, nicht den entschärften von Peter Alexander und Heintje. Die letzte Strophe lautet:

Der Heidschi bumbeidschi is kumma
und håt ma mein Biable mitgnumma;
er håt ma’s mitgnumma und håts neamer bråcht,
drum winsch i mein’ Biaberl a recht guate Nåcht!

Das ist genau der richtige Shanty, um mit fünf Jahren jeden Abend völlig beruhigt weit, weit weg von Daheim ins Bett zu sinken und sich prächtig zu erholen.

Telefon gab’s nicht, es wurde alle zwei Wochen eine Karte nach Hause geschickt (und auf der Taschengeldabrechnung mit einer Mark pro Stück sorgsam aufgelistet – Porto waren damals 20 Pfennig) , der Text auf der Karte wurde von der „Tante“ geschrieben. Carepakete von Zuhause wurden konfisziert und an alle Kinder verteilt. Genauso wie übriggebliebener Reiseproviant sozialisiert wurde. Keine Ahnung wer mein leckeres Brot mit Emmentaler bekam, ich bekam auf jeden Fall Göttinger. Die Kur ging von da an bergab.

Ich bin jetzt nach 53 Jahren mal wieder in Bonndorf gewesen. Auf Spurensuche.

Hier stand das Kinderheim Johnen. Ziemlich genau im Bereich des Einkaufswagenunterstandes und der „Speisesaal“ war am Lidl-Eingang. Die alten Bonndorfer kennen die Kinderheime alle noch. Schließlich war der halbe Ort seinerzeit von dieser „Industrie“ abhängig. Johnen war ja nicht das einzige „Heim“ in Bonndorf. Der Bedarf war so groß, dass bis Karlsruhe junge Frauen angeworben wurden, die in den Heimen als „Tanten“ und in der Küche eingesetzt wurden. Viele davon sind dann im Dorf „hängengeblieben“. Auch Johnen-Junior hat sich seinerzeit eine dieser „Import-Tanten“ geangelt.

Als die Kinderverschickerei aus der Mode kam, hat Johnen flexibel auf Asylbewerber umgesattelt und als auch das nicht mehr ging, hat er den Schuppen verkauft, sich vom Erlös nen schicken Neubau gegönnt, konnte noch zwei Jahre die luxuriöse Aussicht auf Parkplatz und Supermarkt genießen und hat dann den Löffel abgegeben. Mittlerweile ist angeblich auch Johnen Junior unter der Erde, so dass ich ihn beim besten Willen nicht mehr in den Hintern treten kann.

Der Bahnhof ist – mangels Verschickungskinder – längst ohne Schienen, die beiden Gebäude stehen noch, die charakteristische Güterhalle rottet vor sich hin:

Im Bahnhofgebäude selbst, in dem früher die Kinder darauf gewartet haben, dass sie von den Tanten abgeholt wurden – die Treppe im Vordergrund, erkennbar am Geländer, ist noch von damals – ist jetzt ein Arzt drin. Und entsprechend ist das Gebäude wunderschön renoviert, ich habe extra an der E-M1II die Gradation umgestellt, um ein bisschen „Alt“ zu produzieren:

Und ja, das mit dem Schnee ist Absicht. In meiner Erinnerung ist Bonndorf dunkel und hat überall Schneehaufen. Damals waren die Straßen deutlich schlechter als heute.

Ach ja, die Leute dort habe ich gestern als ausgesprochen nett, freundlich und kommunikativ erlebt. Für mich als fränkischer Oberpfälzer eine ziemlich überraschende Erfahrung. Dass absolut jeder auf der Straße Guten Tag sagt. Und zwar freundlich. Hat was.

Oberhalb von Bonndorf gibt es den „Philosophenweg“, an dem alle paar Meter eine Tafel mit einem schlauen Spruch angebracht ist. Super Aussicht von dort, schöne Bäume, ein Wildgehege. Es gibt eine Postkarte aus den 60ern, die von dort aufgenommen wurde:

Hier die aktuelle Perspektive:

Wer sich wundert, wo die beeindruckenden Alpen im Hintergrund hin sind – Tja nun – Man konnte früher auch ohne Photoshop….. Und die Aussicht kriegt man natürlich nur im Winter. Sobald die Bäume wieder belaubt sind, ist damit Schluss.

Und noch was gibt es am Philosophenweg:

Einwurf eine Mark. Das Ding stand schon in den Sechzigern da – und ich bekam von meinem Taschengeld keines um es da reinzuwerfen. Stattdessen musste ich mir angeblich eine Märchentante für eine Mark anhören – von der ich absolut nicht mehr weiß, was sie erzählt haben könnte…..

Ein Schlusswort vielleicht für alle, die ähnliche Erfahrungen gemacht und Panik vor der Konfrontation mit der Vergangenheit haben: der Horror schwindet, wenn man genauer hinsieht. Es wird aus der sinistren Mafia eine Schlasse von völlig überforderten und ausgebeuteten Frauen, gemischt mit ein paar Drachen, die ihre Johanna Haarer noch intus hatten, geleitet von profitgeilen Heinzen, die mittlerweile längst unter der Erde sind. Wer es der Mühe wert hält, kann ihnen ja eine Kelle angebrannten Pudding aufs Grab kippen – wenn das überhaupt noch existiert.

Aber Reisbrei esse ich trotzdem nicht.

16 Replies to “Verschickungskind.”

  1. Früher war auch nicht immer, mehr Lametta am Baum.
    Früher wie heute brennt/brannte sich so manches Fehlverhalten der Erziehungsberechtigten ins Kollegtive Kindergedächtnis ein.
    Wenn ich nur an die Krankenhaus Aufenthalte als Kind denke.
    Als Dorfkind war alles eine große Spielwiese. Die Schule, die Lehrer.
    Wir hatten einmal eine Freistunde mit der 8ten Klasse. Was folgte war etwas Laut
    Der Hauptschuldige bekam vom aufgebrachten Lehrer zwei Ohrfeigen.
    Zack bekam er eine zurück.
    Am nächsten morgen, vor Schulbeginn, kam sein Vater mit in den Schulhof nahm den Lehrer an der Krawatte und hob ihn mit den Worten frei hoch. Wenn einer den jungen Schlägt, dann mache ich das, da ich ihn nicht Schlage, dürfen sie das auch nicht. Jetzt entschuldigen sie sich bei uns, versprechen, das es nie mehr vorkommt .
    Der Leher hatte seine Versetzung beantragt.
    Dorf halt……
    Zeitreise, biete der Br. Mit der Sendung Br-Retro, BR – alpha retro. Einfach mal die Suchmaschine benutzen. Zum Vorschein kommt lustiges und nachdenkliches. Jeder wird sich dort auf seine Art und Weise wiederfinden.
    Grüße
    Wolfgang

    1. Die Ohrfeigen hat bei uns im oberbayerischen Dorf der Pfarrer im Religionsunterricht verteilt. Meines Wissens ohne Revanche durch die Väter. Ich selbst bekam zwar keine Ohrfeigen, aber einen nachhaltigen Eindruck von der katholischen Kirche. Der ist geblieben. Wobei, gemessen an Nachrichten wie dem aktuellen Münchner Gutachten war der vielleicht noch zu positiv…

  2. Ich hatte insgesamt drei solcher „Kinderverschickungen“ mitmachen müssen.
    1966 war ich sechs Wochen in Hirsau im Schwarzwald. Es gab dort nur einen Schlafraum für 120 Kinder. Die Hände durften nicht unter die Zudecke genommen werden. Wer es dennoch tat wurde von der Schlafsaalfeldwebelin sofort gemaßregelt.
    Eines Tages hat mir eine der Schwestern eine Karte meiner Eltern vorgelesen das eine schöne Schultüte voll mit Schockolade für meine Einschulung bereitsteht und sich alle auf mich wahnsinnig freuen. Diese Schwester war immer sehr freundlich zu uns Kleinkindern. Ihr Rat war nicht die ganze Schokolade auf einmal aufzuessen sondern sie auch mit anderen Kindern zu teilen.
    An Hirsau habe ich wegen dieser Frau recht gute Erinnerungen.
    Zwei Jahre später ging es wieder sechs Wochen nach Bad Rappenau und dann nach Bad Imnau.
    An diese beiden habe ich leider keinerlei Erinnerungen…

  3. Gruselig!
    Von einem Bekannten, den wir immer etwas „merkwürdig“ fanden, hab ich nach seinem Tod im letzten Jahr erfahren, dass er in Kinder- und Jugendheimen gebrochen wurde fürs ganze Leben. Er war wohl nie beziehungsfähig und sein Sozialverhalten war geprägt von Scheu und ständiger Angst, nicht zu gefallen bzw. alles verkehrt zu machen. Ganz schwierig gewesen, mit diesem Mann umzugehen…
    .
    Obwohl ich nur ein Jahr jünger bin als du, Reinhard, kenne ich derartige „Kinderverschickung“ nicht. Keine Ahnung, ob das im Norden nicht so verbreitet war? Wir hatten ja die „Gute Seeluft“ in Tagesausflugweite…
    „Höhensonne“ bekam ich bei der örtlichen Hausärztin, die meinen Eltern auch nahelegte, mit mir Urlaub an der Nordsee zu machen, wegen der Bronchien – was diese auch taten.
    Dann meinte eine Schulärztin (gibt es soetwas eigentlich noch?), ich wäre wohl übergewichtig und sollte keinen Kakao mehr trinken – dem hat sich meine Mutter widersetzt mit den Worten: „Solange der Junge Milch trinken mag bekommt er Milch zu trinken!“
    .
    Als ich klein war haben meine Eltern Wochenend- und Ferienfahrten für Kinder und Jugendliche durchgeführt. Im Auftrag der Evangelischen (!) Kirchengemeinde. Da ging es vor allem drum, diesen Kindern und Jugendlichen das Verreisen zu ermöglichen, wenn an ihren Familien das Wirtschaftswunder irgendwie vorbei gegangen war.
    Auch im kirchlichen Ferienheim gab es Schlafsäle. Aber jede/r durfte Pinkeln gehen, wenn nötig. Aufessen musste man dort auch – jedoch nur, was man sich selber auftat. Das war gar nicht für alle selbstverständlich! Ich erinnere mich noch, dass sich einige riesige Berge auffüllten, jetzt, wo sie es mal selber durften. Aus Angst, nicht genug zu bekommen. Sie kannten es von zuhause nicht anders. Das waren Kinder, die daheim nicht immer satt wurden. Bei denen war der „Kurerfolg“, dass sie Sozialverhalten lernten. Sowohl das Geben als auch das (An-) Nehmen…
    In der Grundschule wurde ich gehänselt, weil meine Eltern diese Fahrten durchführten und, beide kirchliche Pädagogen, natürlich Tischgebete gesprochen und Geschichten aus dem Neuen Testament erzählt wurden: Ich müsse ja wohl zuhause auch ständig Lieder singen und beten. Dieselben Leute haben mir Jahre später gestanden, dass sie eigentlich neidisch darauf waren, dass ich bei jeder Fahrt mitfahren durfte. Und einige der Kinder und Jugendlichen von damals kümmern sich auch heute hin und wieder ganz liebevoll um eine alten Eltern. Kann also nicht so schlecht gewesen sein, was die damals veranstaltet haben…
    .
    WIE verbreitet diese von dir geschilderten „Kuren“ waren und vor allem, wie viel Misshandlungen (seelisch wie körperlich) bis hin zum Missbrauch da stattgefunden haben, wird wohl nie ganz aufgeklärt werden. Um so wichtiger ist jede/r einzelne, die/der den Mut hat, zu erzählen, was gewesen ist! Nur Aufklärung verhindert Wiederholung!

  4. Danke für deine/eure Eindrücke von damals.
    Ich erinnere mich an ein Kinderheim In Bad Breisig. Wielange ich dort war, das weiß ich nicht mehr genau. Ich denke mal so etwa 4 Wochen. Ich bin Jahrgang 1947 und war mit 7 oder 8 Jahren dort.

    Wer Genaueres wissen will, suche in der Wikipedia unter Reichswaisenhaus zu Niederbreisig am Rhein
    Zitat:
    Auf dem Dachboden fanden Scheffler und seine Frau kistenweise Briefe und Postkarten der Jungen und Mädchen, in denen sie sich über harte Strafen, schlechtes Essen und die Heimleitung beschwerten. – Traurige Zeugnisse, die einst von der Heimleitung abgefangen und versteckt wurden. Diese Zeitdokumente sind unwiederbringlich verloren. Der neue Eigentümer hat sie alle weggeworfen. „Es war soviel Leid darin“, begründet Scheffler seinen Entschluss.

    Die heutige B9 führt an der Stelle vorbei und ich habe dann jedesmal ein unangenehmes Gefühl im Bauch. Das Haus steht heute noch.
    Vielleicht ist mein Vergessen auch eine Schutzfunktion.
    Ich wünsche euch alles Gute
    Rainer

  5. Ich habe etliche Berichte gelesen von Menschen die mittlerweile in meinem Alter (Jahrgang 1955) oder älter sind und über schreckliche Zustände in den verschiedensten Kinderheimen der 50er und 60er Jahre berichten. Da wurde schikaniert, gedemütigt, eingesperrt und zum Teller leer essen gezwungen ob’s schmeckte oder nicht. Sogar von unfreiwilliger Medikation ist zu lesen. Erschüttert hat mich der hohe Prozentsatz der Kinder die Schreckliches erleben mussten. Ich selber war dreimal „auf Kur“ wie es damals hieß. Ich war ca. 9, 11 und 13 Jahre alt und in Clausthal-Zellerfeld, Manderscheid und Bad Münstereifel. Und was soll ich sagen, ich habe nie Derartiges erlebt. Es waren jeweils unbeschwerte vier Wochen mit vielen Unternehmungen draußen, gutem Essen und (zumindest bei der letzten Fahrt als 13jähriger) spannenden nächtlichen Besuchen im Mädchentrakt. Weil mich der hohe Prozentsatz der Menschen mit schrecklichen Erlebnissen so erstaunt hat, hab ich mich mit meinem Bruder darüber unterhalten, der die erste Fahrt nach Clausthal-Zellerfeld ins Kinderheim Voigtslust mit mir zusammen unternahm. Er hat mir bestätigt, dass meine Erinnerung mich nicht trügt und dass er die vier Wochen dort ebenfalls in sehr guter Erinnerung hat. Heimweh hatten wir beide nicht und die Zeit ist uns beiden in guter Erinnerung… Aber vielleicht hatten wir beiden Jungs auch einfach nur Glück. Unsere Schwester (8 Jahre älter als ich) hat weniger gute Erinnerungen an einen Aufenthalt in Bad Nauheim (?) und den dort verabreichten Haferschleim mit Maggi-Geschmack…
    Gruß aus HH
    Achim

  6. Vor ein paar Jahren habe ich, Jahrgang 1948, meine Erinnerungen an die Kindheit und Jugend auf dem Dorf für meine Töchter aufgeschrieben. Hier ein Auszug:
    „Meine damals etwas mickrige Konstitution führte zu einem traumatischen Erlebnis. Ich wurde als kümmerlich genug eingeschätzt, um an der Kinderlandverschickung teilzunehmen. So ungefähr im Alter von acht Jahren ging es von L. aus mit der Bahn direkt nach B., Ziel war das Kinderheim I. in der V…straße. Ich erinnere mich an eine Eingangs- und Abschlussuntersuchung, die eine Gewichtszunahme dokumentieren sollten, an grauenvolles Essen in der Veranda, Schwarzsauer, Weißsauer und ähnliche Köstlichkeiten, an Heimweh und abgefangene Postkarten nach Hause, an Märsche in Zweierreihen den Deich entlang bis St…….., an ordentlich aufgepackte Kleidungspakete in Reih und Glied und an die Zwangsmittagsruhe in den Betten des Schlafsaals unter dem Dach. Eines Tages blinzelte ich während der Kontrolle durch die Kinderpflegerin, sie stürmte an mein Gitterbett, ich kniff die Augen angestrengt zu, erhob mich aber auf ihren Befehl hin etwas und bekam eine gescheuert, dass es nur so klatschte. Voller Schmerz und Heimweh heulte ich mich in den Mittagsschlaf.“

    Mittlerweile wohne ich seit über 40 Jahren in dem Ort des schon vor Jahren abgerissenen Kinderheims und bin dort zu Hause. Als wir relativ frisch zugezogen waren, unterhielt ich mich bei einem Vereinsfest mit der Frau eines Vereinsmitglieds, sie war die Tochter der damaligen Heimbetreiber und zur Zeit meines Aufenthalts schon als junge Erwachsene mithelfend. Ich habe sie mit meinen Erinnerungen konfrontiert, sie bestritt, von den „pädagogischen“ Maßnahmen gewußt zu haben. Ich habe es damals dabei bewenden lassen.
    Wenn ich aber mal durch die völlig veränderte V….straße gehe, beschleicht mich ein ungutes Gefühl, gedämpft durch die Tatsache, dass der alte Kasten verschwunden ist.

    Gruß von der Küste
    H.

  7. Ich selbst war kein Verschickungskind, aber habe während meiner Schulzeit im Internat für Hörgeschädigte in Schleswig gewohnt. Es gab die sehr fragwürdigen Erziehungsmethoden mit dem Zwang Teller leer zu essen. Dabei musste ich mit dem Gewürge und Brechreiz Milchreis und Zwetschgenkompost aufessen. Auch wenn das Essen rausgewürgt wurde, muss man diese auch wieder aufessen.
    Und das war in den Jahren 1970 bis ca 1975. Da war die Erziehung noch mit den fragwürdigen Methoden von anno dazumal.

    Erst als wir alle in das neu gebaute Internat umzogen und jede Gruppe maximal 16 Schüler sind, war der Spuk vorbei und das alte Gebäude, die Taubstummenanstalt, wurde abgerissen und an der Stelle ein neues Schulgebäude gebaut (steht heute noch, heißt nun, auch sehr fragwürdig, „Fördezentrum Hören“).

    An die, die als Verschickungskinder eine schlimme Zeit durchmachten und heute seelisch belastet sind, haben die Möglichkeit eine Entschädigung einzuholen.

  8. Danke für den Bericht deiner Erlebnisse. Ich habe erst letztes Jahr in einer Tageszeitung von den Qualen der Verschickungskinder gehört. Ich bin zur Wendezeit im Osten Deutschland geboren und habe daher von sogenannten „Verschickungskindern“ bis dahin nicht einmal gewusst. Gut, dass du dieses Kapitel deutscher Geschichte in Erinnerung rufst. Wahrscheinlich tragen noch viele psychische „Altlasten“ aus dieser Zeit mit sich herum.

    Viele Grüße

  9. Man sollte nach vielen negativen Berichten, Erfahrungen, die auf jeden Fall Publiziert werden sollten, nicht vergessen, das es auch Positive Erfahrungen zur Kinderverschickung gibt.
    Ich war als katholische Kind in einer Diaspora aufgewachsen, negativ war die Religionslehrerin, wer auffällig wurde, dem fasste Sie in die Koteletten und drehte die Haare dann auf Spannung.
    Positiv war, das ich von der Kirche vor Ort organisiert, in den Endfünfzigern 3x unterwegs war, einmal auf einer Burg an der Naab mit riesigen Schlafsaal, das war sehr gut, viele Unternehmungen, ich habe beste Erinnerungen, 1959 war ich für ein viertel Jahr in einer katholischen Familie im Saarland, mit Schulbesuch und viel Kirchgängen, hat mir nicht geschadet, eine sehr herzliche Familie, in der ich wie ein eigenes Kind behandelt wurde, auch das war eine tolle Zeit, 1960 war ich für 6 Wochen Ferien bei einer Familie in den Niederlanden, ein Obstbauer, eine wirklich tolle Zeit, die ich im nach herein nicht vermissen möchte.
    Auch wenn das Religiöse im Vordergrund stand, war es für Flüchtlingskinder, in den 1950zigern mit Hilfe der Kirche, eine Möglichkeit neue Erfahrungen zu sammeln, in einer Gruppe und in einem neuen Umfeld.
    HG Frank

  10. Ich musste keine Kinderlandverschickung mitmachen, aber in meiner frühen Kindheit in den späten 80er Jahren war ich in einem Spielkreis (unsere dörfliche Form eines Kindergartens). Die Betreuerinnen hatten keinerlei pädagogische Ausbildung und entsprechend überfordert waren sie oftmals im Umgang mit mir, damals zugegebenermaßen recht frechen Jungen. Wenn ich mal wieder „Mist“ gebaut habe durfte ich bspw. nicht mit den anderen Kindern nach draußen zum Spielen, anstatt dessen wurde ich mit Panzerband an einen Stuhl gefesselt. Eine der Betreuerinnen hat mich und meinen besten Freund sogar an den Haaren gezogen. Ich habe das erst viele Jahre danach meinen Eltern erzählt, da ich ja das Bewusstsein hatte, dass ich schuld daran sei.

  11. Es gibt nicht nur negative Erlebnisse mit und in Kinderheimen. Ich war viermal „verschickt“, einmal auf die Insel Rügen, einmal nach Zingst und zweimal in den Thüringer Wald (1952 bis 1955). Daraus ist zu ersehen, dass ich in der DDR aufgewachsen bin. Kinderlandverschickung gab es nicht, bei mir waren es Aufenthalte wegen angegriffener Gesundheit und das war (zumindest für mich) nur über die Evangelische Kirche möglich. Ich habe nur positive Erinnerungen. Auf Rügen war es skandinavisch locker, ein Teil der Betreuer waren junge Mädchen aus Schweden; in Zingst wurden wir, da es Sommer war, von Theologiestudenten während ihrer Semesterferien betreut und in Friedrichroda im Thüringer Wald ging es etwas bieder zu, aber das war eher langweilig als repressiv. Der einzige Horror war das Antreten mit Esslöffel zum Lebertran fassen. Purer Lebertran, direkt aus dem Kanister des norwegischen Spenders. Sollte gesund sein, überlebt haben wir es jedenfalls.
    Voriges Jahr war ich noch einmal auf dem „Zingsthof“, schon lange kein Kinderheim mehr. Alles umgebaut, erweitert und modernisiert. Hier können behinderte Menschen einen Seeurlaub verbringen, mit dem Rollstuhl kan man die wenigen Meter bis zum Strand fahren. Alle Achtung, damals wie heute!

    1. Dafür muss man nicht mal über den großen Teich gucken, solche Anstalten gab es bspw. auch im stock-katholischen Irland wo man jahrzehntelang uneheliche Kinder in Heime gesteckt und verhungern lassen hat. Auch die liegen dort in Massengräbern verscharrt.

  12. Geboren 1941 war ich 1946 mehrere Monate in der Schweiz – die Schweiz hatte dankenswerterweise deutsche Kinder (zeitweise) aufgenommen, nach Entseuchung mit DDT aufgepäppelt und durchgebracht. 1952 war ich für 6 Wochen in Bad Dürrheim/Schwarzwald im Kinderheim Kohlermann. In der Schweiz durfte ich viele Ausflüge im deutschsprachigen Teil mitmachen und lernte das Land kennen, so dass ich mich noch nach Jahrzehnten an vieles erinnern konnte. Das Kinderheim Kohlermann war prima – davon mal abgesehen, dass wir einmal pro Woche zur Sole-Inhalation geschickt wurden.
    In allen Fällen habe ich lediglich unter Heimweh gelitten und ich habe im Nachgang nur gute Erinnerungen an diese für mich wichtige und wertvolle Aufbauzeit nach dem Krieg.
    Reinhard: Von 2003 bis 2012 war auch ich in Bonndorf; das Bahnhofsgebäude gibt es zwar heute noch, es steht aber ohne ernsthafte Funktion sozusagen ‚auf dem Abstellgleis‘. Bonndorf hat keine Zuganbindung mehr.

    1. PS: Ah, Reinhard, ich habe bei Dir fertig gelesen :)) und entdeckt, dass Du über das jetzige Bonndorf Bescheid weisst! Gruß, Hermann

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