Foto Basics in zehn Minuten.

Da bekomme ich mal wieder von einem YouTube-Kanal eines jungen Foto-Helden mit 140.000 Abonnenten (Echt, genau 140.000 Abonnenten!) ein Video empfohlen. 100.891 Likes, 982 Dislikes. “Photography Basics in 10 Minutes.”

Diese Woche habe ich zweimal kurze Einsteigerkurse gehalten – FotoBasics in vier Stunden. Da hat mich interessiert, wie das jemand per YouTube in zehn Minuten schafft. Man will ja besser werden.

Erster Punkt: ISO. “ISO ist die Empfindlichkeit des Sensors.” Nein. Ist sie nicht. Am Sensor verändert sich durch die Umstellung der ISO gar nichts. Er wird nicht empfindlicher.

Zweiter Punkt: “Aperture is the size of the opening in your lens”. Nein. Ist sie nicht. Es ist NICHT die Lochgröße. Es ist das Verhältnis von Brennweite und – von mir aus – Lochgröße. (Wir reden jetzt mal nicht über Eingangspupille.) Das ist nicht ein “Math Thing” über das wir später reden, wie der Held des Videos erklärt, sondern essentiell. Weil das Loch bei kurzer Brennweite kleiner ist, als bei langer Brennweite.

E-P2 mit dem 25mm Nokton bei f/0,95. Gruppenfoto ohne Abblenden.

Dritter Punkt: “Wenn ich ein Gruppenbild fotografiere, blende ich ab, damit alle die nebeneinander stehen, auch scharf werden.” Mit Beispielbild. Nein. Wenn die nebeneinander stehen, blende ich eben gegenüber dem Einzelporträt NICHT ab. Warum? Weil bei gleicher Brennweite mein Abbildungsmaßstab bei mehr Leuten sinkt (Mehr Leute auf dem Bild, der Einzelne wird kleiner), und damit selbst bei gleicher Blende die Schärfentiefe ansteigt. Weil die Schärfentiefe eben NICHT nur von der Blende abhängt, sondern auch vom Abbildungsmaßstab.

Vierter Punkt “Wenn Du super, superscharfe Landschaftsfotos haben willst, blende auf f/16 ab.” Jo. Beugung, Luftunruhe, Brennweite, Hyperfokaldistanz – alles Dinge, die man offensichtlich getrost vernachlässigen kann. Er nennt ein Beispiel mit einem Baum im Vordergrund und einem Berg im Hintergrund – Um den Baum mit 15m Höhe abzulichten, muss man mit einer Normalbrennweite etwa 25m weg sein. Da reicht dann selbst bei Kleinbild Blende 11 locker – und wenn man nicht auf den Baum, sondern auf die HyFo einstellt, reicht Blende 5,6. Bei kürzeren Brennweiten wird das alles noch einfacher. Und mit mFT sowieso.

Ausschnitt aus einem Fisheye-Bild mit 37,1s Belichtungszeit. ISO 800. Hier sind die Sterne bereits deutlich in die Länge gezogen. Bei 3 Minuten sind das alles nur Striche. Selbst beim Fish mit 180° Bildwinkel.

Fünfter Punkt: “Mit drei Minuten Belichtungszeit bekommst Du echt coole Milchstraßenbilder.” Nope. Kriegst Du nicht. Das vom Dozenten gezeigte Beispielbild ist niemals mit drei Minuten Belichtungszeit gemacht. Es ist ein Photoshop-Produkt. Mit drei Minuten kann man die Milchstraße nur mit einer Nachführung sauber knipsen – und dann ist halt das beleuchtete Haus am See samt Horizont ein “bisschen” verschubst. Und tja, wenn’s verwackelt ist, kann man die ISO hochdrehen. Oder die Blende aufmachen damit man eine kürzere Belichtungszeit hat. Oder eben den Stabi einschalten.

Und vielleicht ist es dann immer noch nicht scharf? Jepp. Es ist nämlich noch so ein Dingens in der Kamera, das verdammt wichtig ist, damit Bilder gut werden. Das nennt sich Autofokus. Denn für ISO, Blende und Belichtungszeit gibt’s Automatiken und Vollautomatiken, die das alles halbwegs brauchbar machen. (Vom Weißabgleich reden wir noch gar nicht, ein Parameter bei dem Anfängern regelmäßig der Mund offenbleibt, wenn sie erstmals sehen, was man damit anstellen kann.) Aber die Ursache von unscharfen Fotos ist fast immer ein falscher Fokus oder/und ein falsches Fokushandling. Und es geht noch weiter. Selbst die Bildkomposition hängt davon ab, ob man seinen Fokus beherrscht – oder eben nicht.

Tausend positive Kommentare unter dem Video. “Endlich habe ich das verstanden.” Nein. Ihr habt’s nicht verstanden. Da erzählt euch jemand Quark, den er selber wohl gar nicht kapiert hat. Aber ganz offensichtlich muss man nur gut aussehen und gut bluffen – und schon klappt das mit dem Fame.

Lasst euch von solchen Leuten nicht für dumm verkaufen.

12 Replies to “Foto Basics in zehn Minuten.”

  1. Hallo Reinhard,

    zusätzlich zu der Einschätzung “Da erzählt euch jemand Quark, den er selber wohl gar nicht kapiert hat. Aber ganz offensichtlich muss man nur gut aussehen und gut bluffen – und schon klappt das mit dem Fame.” kommt noch etwas anderes hinzu. Für viele ist es heute offenbar schwierig, sich länger als eben 10 Minuten mit einem Thema – egal wie komplex es ist – auseinander zu setzen. Da sieht man sich mal schnell ein 10-Minuten-Youtube-Video an und hat die Welt verstanden. Alles andere wäre viel zu aufwändig und würde auch zu viel Zeit kosten, in der man sich schon mit etlichen anderen Themen beschäftigen könnte. Ein umfangreiches Buch womöglich über mehrere hundert Seiten lesen geht gar nicht.

    Es gibt wohl auch Untersuchungen darüber, dass Menschen während eines Vortrags (oder Videos) ca. 10 Minuten die volle Aufmerksamkeit aufbringen und diese danach nachlässt. Darum gibt es wohl auch so viele Youtube-Videos von +/-10 Minuten. In diesem Zeitraum muss alles Wesentliche rüberkommen, sonst wird das weggeklickt. Es gibt ja noch soo viele andere Videos anzusehen. Und ohne sich tiefer mit dem Thema zu beschäftigten, merken viele es nicht, dass ihnen Blödsinn erzählt wird. Aber wer so viele Klicks und Likes hat, muss ja was davon verstehen …

    Darum bleibe ich lieber beim Lesen von Büchern, um umfassend etwas zu einem Thema zu lernen als mir Infos in kleinen Häppchen zu holen, bei denen ich auch nur Zuschauer bin.

    Einen schönen Sonntag
    Manfred

    1. > Darum gibt es wohl auch so viele Youtube-Videos von +/-10 Minuten.

      Nee, das liegt wohl eher an der Monetarisierung seitens YT … unter 10 Minuten ist Asche.

  2. Noch eine Detailklärung am Rande …”damit alle die nebeneinander stehen, auch scharf werden” ist nie das Problem, weil alle gleich weit entfernt sind von der Kamera und deshalb auch bei offener Blende scharf abgebildet werden. Abblendebedarf entsteht, wenn sie hintereinanderstehen und unterschiedlichen Abstand zur Kamera haben.

    Ich kann deinen Unmut über solche Fortbildung (das wo die Bildung danach fort ist) sehr gut verstehen. Nur ist es heute sehr schwierig, gute und richtige Informationen zu erhalten. Fotomagazine hatten früher seitenlange Artikel von Physikern zu Schärfebereich und Abbildungsmassstab. Heute gibt es bloss noch Tests aus Pressemitteilungen und Prozentvergabe. Viele Bücher bestehen aus Fotos und wenig Text und schon gar nichts, worüber man sich vertiefen müsste. Glücklich ist der mit den alten Büchern und der damaligen Lektüre aus deinem alten Forum, wo du viele solcher gängiger Fehlmeinungen korrigiert hast. (Es gab mal eine Canon, mit der man auf Nah- und Fernpunkt fokussieren konnte und die danach die benötigte Blende einstellte – hoffentlich nicht für 9×13-Prints als Berechnungsbasis.) Wer vor allem Billigkaufen will, wird sich auch eher so ein “Experten”-Video reinziehen. Wenn er sich bei dir einen Kurs bucht, ist ja der ganze Schnäppchenvorteil verloren. Wenn man sich allerdings mal einen Überblick verschafft über die Fotoqualität der allermeisten Kamerabesitzer, dann sind obige Fragen eh völlig egal. Bevor mich jemand für diese Aussage rüffelt: Ich habe früher in einem Fotogrosslabor gearbeitet und Hunderttausende Fotos vorbeiziehen sehen. Heute kostet ein Foto nicht mehr bei jedem Auslösen, was das Engagment für das einzelne Foto kaum vergrössert hat.

  3. Auf YT gibt’s halt alles Mögliche. Ohne YT hätte ich wahrscheinlich viele alte Reportagen und Dokumentationen zu diversen alten Meistern der Fotografie nie zu sehen bekommen. Den ganzen nutzlosen Junk (v.a. Reviews und Comparisons) ziehe ich mir nicht mehr rein.

  4. Ich find das OK, dass es sowas gibt. Das ist eben für die retardierten (Retards) die nichts selbst auf die Reihe bekommen wollen, nichts verstehen wollen, sich keine Meinung bilden können. Dafür gibt es ja heute die Influencer, Ambassadoren, Visionaries und wie sie sich alle nennen.
    Man lies es ja auch immer bei Neuerscheinungen von Foto Gerümpel. Da hängen diese Leute dann z.B. an den Lippen von Herr Wiesner der irgendwas “testet” weil er ja dafür bezahlt wird und glauben es dann noch.
    Kein guter Fotograf gibt sich für so etwas her oder kennt jemand den Kanal von Andreas Gurski, Pentti Sammallahti oder hatte Peter Lindbergh so etwas?

    1. Ein wirklich guter Fotograf hat so viele Aufträge, dass er für solches Zeug keine Zeit hat. Eine YouTube-Präsenz regelmäßig zu bespielen ist ein Full-Time-Job. Ich seh das hier auf pen-and-tell. Selbst das bisschen bloggen frisst Zeit ohne Ende. Für manche Artikel bin ich tagelang am Forschen…

      1. Ist mir zu schwarz weiss. Youtube ist (statistisch gesehen) ein Abbild unserer Gesellschaft. Mit allen Falschinfos und Wahrheiten – wie im echten Leben auch. Ist etwas richtig, weil es auf Papier steht? Sind alle Video’s auf Youtube schlecht? Ist das MIT keine echte Uni, weil sie einen Youtube Kanal haben?

        Menschen sind und lernen verschieden. Videos und geschrieben Inhalte sind ein toller Mix. Ich versuche meinen Kindern klar zu machen, dass Beides wichtig ist und seinen berechtigten Platz im Lernen hat. Die hohe Frequenz von Informationen und eine sich verringernde Aufmerksamkeit-Spanne vom Nachwuchs ist ein echtes Problem.

        Mein Resümee: Video’s sind – in evolutionären Zeiträumen betrachtet – recht neu. Wir Menschen haben einfach noch nicht den richtigen Mix zwischen “neuen” Medien und “altem” Papier beim Lernen gefunden.

  5. YouTube ist eine geile Plattform, um sich zu unterhalten oder auch, um mal schnell eine einfache Hilfestellung für ein handwerkliches Problem zu bekommen. Aber Wunder vollbringen können YouTuber nicht. Die Erfahrung musste Sohnemann jetzt machen: Er dachte, ein bissl YT-Videos gucken reicht, um sich auf eine Mathe-Klausur vorzubereiten. Ergebnis: 1 Punkt für die gesamte Klausur. :-/

    1. Die Vorbereitung ist das eine – immerhin hat der Sohn einen Versuch unternommen. Und hat einen Vater, der seine Noten kennt. Beides ist nicht selbstverständlich. Heute ist es üblich, den Lehrer verantwortlich zu machen: zu schwere Aufgaben, schlecht erklärt. Aber vielleicht hat der Sohn schon im Unterricht Filmchen geschaut. Es sollte doch nach all dem Unterricht möglich sein, auch ohne zusätzliche Vorbereitung mehr als einen Punkt zu holen. Nicht mal mehr Abschreiben geht, weil der Nachbar auch nicht mehr liefert. Oder ist es eh egal, wie viele Punkte man hat?

      Viele – nicht nur Schüler – haben Mühe, sich mehr als die kurze Zeit eines Videos auf ein Thema zu konzentrieren. Statt Üben und Ausprobieren folgt sofort das nächtste Filmchen.

  6. Naja – Jaworsky und Northrup haben noch mehr Abonnenten und sind auch nicht empfehlenswert weil man sich im Allgemeinen nur aufregt über die Aussagen… einfach wegsehen 😉

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