Linearer Lebenslauf.

In Zeiten von Corona gibt’s gerade an der Technik-Front nicht viel Neues, sämtliche Tipps fürs Knipsen der eigenen Katze haben die anderen Fotografen schon abgegeben und so versuche ich es halt mal mit einer kleinen Autobiographie. Ich steh ja immer noch nicht in der Wikipedia – obwohl ich mit über 30 Büchern in einem Fachverlag locker sämtliche Relevanzkriterien übersprungen habe. Wer also was von mir wissen will: Hier kommen die Infos aus erster Hand.

Bis zum Skilager im Gymnasium beschränkte sich meine Brettl-Expertise auf den heimischen Handtuchgarten.

Ich bin in Nürnberg geboren, bis zur dritten Klasse in Fürth in die Schule gegangen und in der vierten nach Nürnberg gewechselt. Das hat mich – mal abgesehen von der Erfahrung, immer von der “falschen” Seite der Grenze zu kommen, dadurch geprägt, dass man in Fürth in der vierten Klasse Grammatik bekam und in Nürnberg bereits in der Dritten. Ich habe also bis heute keinen Schimmer von Grammatik, Fällen und Zeiten. Ich habe erst vor ein paar Jahren verstanden, was ein Adjektiv ist, da hatte ich schon ein Dutzend Bücher geschrieben. Wenn mir also jemand vorwirft, ich hätte von Sprache keine Ahnung – völlig korrekt. Keinen Dunst. Sobald die Anforderungen über “mein schönstes Ferienerlebnis” hinausgingen, bin ich grandios gescheitert, die Deutschlehrer schrieben mir regelmäßig unter meine Schriftstücke “Tolle Glosse – Thema verfehlt” drunter.

Das hat mich aber nicht daran gehindert, am Gymnasium Chefredakteur der ältesten Schülerzeitung Bayerns zu werden, der “Pauke”. Und als solcher war ich dann auch noch Cheffe der Schülerzeitungsredakteurkonferenz Mittelfranken. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall hatte ich damals erstmals mit Druckereien zu tun und schlug mich mit Rastern und Punktzuwächsen herum, schließlich war es damals selbstverständlich, auf dieses graue Recyclingpapier zu drucken. Und mangels Handys und Digitalkameras musste damals ja auch irgendwer die Fotos für die Zeitung machen – und das war dann eben manchmal ich.

Die Alster 1979…

Meine erste Verlagserfahrung war übrigens die Herausgabe des “Hiobsboten” – eine mit mehrfarbigem Spiritusumdruck produzierte “satirische” Zeitung. Defintiv kein Ruhmesblatt, aber ich war auch erst 15. Das war 1978. Die Gags waren in etwa die Liga des Postillon – Pubertistenhumor halt. Keine Fotos. Es reichte aber, dass es fetten Ärger gab, weil sich das Lehrerkollegium von dem Machwerk auf den Schlips getreten fühlte.

Nach dem Abi war dann Elektrotechnik angesagt. Ich hatte vorher schon Verstärker und Mischpulte gebaut – das Zeug war damals richtig teuer, also war selber machen eine Option – Studium war da die logische Konsequenz. Löten und Schaltpläne lesen und zeichnen konnte ich von Papa – der hatte mir auch den Umgang mit einer Drehbank beigebracht. Der war sowas wie ein Erfinder, hatte ein Dutzend Patente und bei Grundig nebenbei Stationstasten für Radios und ein Stereosystem für UKW erfunden.

Die Schüler- und Studentenzeit war natürlich eine Zeit der Nebenjobs, denn von irgendwas muss man ja seinen fahrbaren Untersatz finanzieren. Also habe ich Zeitungen ausgetragen, Tribünen für’s Norisringrennen aufgebaut, am Großmarkt Zwiebel-LKWs ausgeladen und verfaulte Kartoffeln aussortiert, in der Nacht Baustellen bewacht, im Messebau im sozialistischen Ausland gejobbt, Hausmodelle nach Architekturzeichnungen gemacht, Altbauten renoviert und Endreinigung von Neubauten durchgezogen. Und in ner Band Bass gespielt – den klassischen Klavierunterricht hatte ich mit 14 an den Nagel gehängt, weil ich keinen Rock’nRoll spielen durfte.

Auftritt in Roethenbach

Vor lauter Jobs ist dann die E-Technik zu kurz gekommen und ich habe eine Prüfung endgültig versemmelt. In Konstruktion bester Student, in E-Technik durchgerasselt. OK, also hat mich nach drei Verweigerungen der Bund erwischt. Dort habe ich gelernt, wie die Elektrik von alten Magirus-LKWs aufgebaut ist, Schwingfeuerheizungen zu reparieren und Schaltpläne vom Leo zu lesen, um rauszufinden, warum der Rückwärtsgang nicht mehr reingeht. (Das sind echt Riesendinger, diese Pläne) Nebenbei habe ich denen eine Widerstandsmessbrücke, an der sie schon ein paar Jahre rumschraubten, zum Laufen gebracht und sie kalibriert. Nach fünf Monaten sollte ich mit einer geladenen Uzi auf Streife gehen, da war bei mir dann Schluss mit lustig und ich habe – zum mittlerweile vierten Mal – verweigert. Diesmal hatten sie die Nase voll und haben mich gehen lassen.

Interessanterweise gibt es von mir nur ein Foto in Uniform: Ich musste bei der “Bundeswehrmodenschau” der Rekruten die Badehose vorführen. Es war Dezember. Irgendwo gibt es da ein Foto, wo ich in Badehose auf dem Tieflader stehe. Sonst habe immer nur ich fotografiert.

Exakta Varex mit 50mm 2,8 Tessar. Heftige Minusgrade, Ilford-Film und kein Belichtungsmesser. Überquerung der Panzerstraße…

Ein paar Monate Altenheim, dann bin ich in den Sozialdienst des Krankenhauses versetzt worden und durfte Psych-Patienten bei Freigängen begleiten und Wohnungen von Patienten ohne Angehörige säubern. Wer jemals im Altenheim gearbeitet hat, weiß, dass man den Geruch von Kot noch Monate nicht mehr aus der Nase kriegt.
Danach stand ich erstmal rum. Kurz vor der Bundeswehr hatte ich einen Apple II-Clone bekommen, mit einem Typenraddrucker. Nur leider ohne Software. Also schrieb ich mir die selber. So ne Textverarbeitung selber programmieren hat was. Schließlich bekam ich dann eine CP/M-Version mit Wordstar. Und da drauf schrieb ich mein erstes Sachbuch – über die Bundeswehr. Das bot ich ein paar Verlagen an, bekam lauter beleidigte Absagen (“Wenn Sie die BW so doof finden, warum sind sie dann dort?”) und legte die Sache dann erstmal Ad Acta.

Dann kam ein XT-Clone.. Mit Hercules-Grün-Monitor, 9-Nadeldrucker und Xerox Ventura. Mit einer 10MB-Festplatte, die immer erst nach einem heftigen Tritt anfing zu laufen. 5,25″ volle Bauhöhe. Ein jaulender Ziegelstein. Da drauf habe ich meine ersten Prospekte layoutet. Nachdem ich also einen PC hatte, war ich der Meinung, mich mit Computern auszukennen und bewarb mich in einem Computerladen als Verkäufer. Die waren so verzweifelt, die nahmen jeden. Nach einem halben Jahr ging der Filialleiter und ich wurde sein Nachfolger. Aber die Kistenschieberei hatte keine Zukunft, das war mir damals klar, ich nervte die Muttergesellschaft, dass sie Service anbieten sollten. Das haben sie nicht auf die Reihe gekriegt (Zwei Jahre später war die Firma Geschichte) und ich bin raus, ein paar Wochen zu Vobis, dort schnell wieder gekündigt, weil ich dort Kisten zusammenschrauben sollte, von denen ich schon wusste, dass die nicht länger als vier Wochen laufen. Der nächste war der PC-Laden von REWE-Leibbrandt. Dort habe ich mein erstes Apple-Netzwerk verkauft und sollte nach drei Monaten Chef der Netzwerksparte werden. Ich hab’s hingeworfen (ein Jahr später war der Laden dicht.) und bin zu Frank Elektronik, dort suchten sie einen Supporter. Ich wollte aus dem Verkauf raus und in die Technik. Dort habe ich ein Archiv aufgebaut, das die Dokumentationen aller Festplatten und Mainboards enthielt, die damals in Deutschland auf dem Markt waren. Ich habe Datenblätter geschrieben und nebenher natürlich auch PCs repariert und meine erste Datenbankprogrammierung gemacht um ein Supportsystem zu bauen. Die ganze EDV des Systems lief auf einer BS2000, an die ich nicht randurfte, also musste ich meine Verwaltung selber stricken. Nebenher baute ich meine ersten Novell-Netzwerke auf und schrieb Testsoftware für die PCs.

Dann brauchten sie im Einkauf jemand, der Englisch konnte und wusste, was da eingekauft wird. Also bin ich Productmanager FarEast geworden und nach gründlicher Schulung durch eine Taiwanesin habe ich mit den Leuten von Asus und Elitegroup (ECS) verhandelt. Als Produktmanager war ich dann natürlich auch dafür zuständig den Verkauf zu schulen – was denen gar nicht schmeckte, weil die gerne Dinge verkauften, die’s nicht gab. (386SX-Rechner mit 32MB zum Beispiel)  Den Ärger hatte dann immer die Technikabteilung.

So sah 1992 ein Productmanager FarEast aus, wenn er in London von der Pippi-Box kam.

Leider hat die Bank den Laden dicht gemacht. Und ich habe mich selbständig und meinen Verlag aufgemacht. Das war 1993….

12 Replies to “Linearer Lebenslauf.”

  1. Hallo,

    sehr schön dieser Rückblick. Vielleicht hätten wir uns schon damals in Nürnberg treffen können: Zum Beispiel bei der Jungen Presse Bayern? Als „Chefredakteur“, „Pressefotograf“ und so weiter der neu gegründeten Schülerzeitung meiner Schule war ich – mit 16 Jahren – auch dort 1980 Mitglied geworden. Später habe ich mich allerdings davon getrennt, der politische Ansatz war ein anderer.

    Ziel unserer Zeitung war schon damals möglichst große Unabhängigkeit. Doch zu jener Zeit war im Freistaat eine Schülerzeitung „eine Veranstaltung der Schule“ mit einem „Vertrauenslehrer“ als Aufpasser. Um diesen Kreislauf von gefühlter Bevormundung und Unterstützung zu durchbrechen, wollten wir es eben anders machen: Finanzielle Unabhängigkeit durch Größe.

    Obwohl unsere Schule so etwa 950 Schüler hatte, druckten wir 1100 Exemplare. Damit waren wir die deutlich auflagenstärkste Schülerzeitung der Stadt, die nächsten hatten eine 1000er Auflage. Diese gesamte Auflage wurde an der Schule kostenfrei verteilt.

    Und das Geld dafür? Für uns wäre es niemals in Frage gekommen irgendwelche Fördertöpfe anzuzapfen – Stichwort: Unabhängigkeit. Also Werbung. Mit dem Argument der Auflage und der 100-Prozent-Abdeckung der Schule ging das. Zu dem steckte viel Geld in einem Profi-Layout, welches damals nicht Standard war. Über DM 700,- pro Ausgabe kostete allein das Layout – während eine Viertel-Seite-Anzeige, ich meine, DM 40,- kostete.

    Es ging immer auf – und fast hätten wir auch seiner Zeit einen Preis gewonnen: Wir bekamen für Mittelfranken den zweiten Platz. Da nur die Bezirkssieger in München zum Finale zugelassen waren, vermuteten wir, dass unsere Zeitung dem Kultusminister Herrn Maier bewusst vorenthalten wurde. Sie werden wohl recht gehabt haben – und wir haben nie wieder teilgenommen.

    Beste Grüße,
    Andreas

    1. Ich kann mich dumpf erinnern – da gab’s eine, die auf Bilderdruckpapier gedruckt war, A4, mehrspaltiges Layout. Ihr wart in Nürnberg die Aussätzigen – alle anderen haben sich mit Recyclingpapier rumgeschlagen und ihr Layout mit Schere und Papier selber gekleistert. Die Qualität bei euch war absolut unschlagbar. Junge Presse waren wir natürlich auch. Klar.
      Wir hatten den großen Vorteil, dass unser Vertrauenslehrer sich einen feuchten Kehricht um uns gekümmert hat. Wir konnte machen was wir wollten und das Direktorat hat nur einmal eingegriffen – zu Recht. Lag auch daran, dass wir einmal einen zensierten Artikel per Flugblatt vor der Schule verteilt hatten, dann war Ruhe.
      Ich bin mir sicher, dass auch unser heutiger Ministerpräsident seinerzeit unsere Schülerzeitung gelesen hat – und nicht nur den Jahresbericht….

  2. A4 – nein. Aber: Ein festes A5-Heft auf hoch-weißem Papier mit sauberem zweispaltigen Blocksatz, lesefreundlichen Zwischenüberschriften und meinen Ilford-Fotos. Aber davon nur wenige, denn die kosteten beim Druck richtig Aufpreis.

    Grüße,
    Andreas

  3. “Der nächste war der PC-Laden von REWE-Leibbrandt.”

    Na sowas…

    “REWE-Leibbrandt” war (und ist) mein erster fester Arbeitgeber!
    Bis heute bin ich in der Nach-nach-folge-Gesellschaft ein paar Stunden pro Woche “systemrelavant” nicht-selbständig beschäftigt.
    Viele Jahre bin ich von freiberuflichen Kollegen in der Event- und Fotografen-Szene dafür ausgelacht worden. Und heute? Wer zuletzt lacht, hat das Nachsehen… oder so ähnlich…

    bleibt gesund
    Martin

  4. Ui, das war ja echt schnell mit dem Wikipedia-Eintrag.

    Elektronik basteln und Fotografieren – da wusste ich in den 70er Jahren auch nicht, worauf ich mehr Zeit aufwenden wollte. Letztlich ist das Fotografieren geblieben und macht nach wie vor Spass. Die eigene Dunkelkammer ist irgendwann abgebaut worden, die Elektronik-Bauteile sind in einer Kiste verschwunden (aber noch da, falls man doch mal was braucht …).

    Gruß, Bernd

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