Bokeh und elektronischer Verschluss

Gelegentlich schicken mir Leute Links zu und wollen eine Stellungnahme von mir dazu haben. Mache ich manchmal. Letzthin habe ich einen YouTube-Link bekommen, wo „Manny Ortiz“ sich darüber beschwert, dass er „betrogen“ („cheated“) wurde, weil seine Sony mit seinem teueren 1,4er Objektiv mit elektronischem Verschluss bei kurzen Verschlusszeiten keinen so schön unscharfen Hintergrund hat, wie mit dem mechanischen Verschluss. Zum Beweis macht er ein Foto eines Mädels vor einem beschneiten Wald. (Link setze ich hier nicht rein, weil das Video mit Werbung zugepflastert ist.)  Klar, wer auf Klicks angewiesen ist, muss so steile Thesen aufstellen – und genau deshalb gibt’s hier keinen Link.

Jetzt kommt’s: Im Prinzip hat der Herr recht. Heller „Bokeh“-Hintergrund bei kurzen Verschlusszeiten ist mit mechanischem Verschluss unschärfer als mit elektronischem Verschluss. Lustigerweise ist auch heller Vordergrund mit mechanischem Verschluss bei kurzen Verschlusszeiten unschärfer. Das hat gar nichts mit Shutter Shock oder dergleichen zu tun, das passiert auch vom Stativ. Das liegt simpel an der Lichtbeugung am Verschluss. Bei Belichtungszeiten kürzer als die Synchronzeit, laufen ja die beiden „Vorhänge“ gleichzeitig durchs Bild. Und je kürzer die Belichtungszeit wird, desto größer ist der Anteil der Strahlen, die gerade so an der Kante des Verschlusses entlang schrammen und dort gebeugt werden. Das ist der gleiche Effekt, dem wir bei geschlossener Blende die Blendensterne und die Beugungsunschärfe verdanken. Das Licht macht gemeinerweise keinen Unterschied, ob es an der Blende gebeugt wird, oder am Verschluss.

So kuckt das aus:

Oben elektronischer Verschluss, unten mechanischer Verschluss. 1/8000s, Blende 2, 14-35. Diese Ausreißer nach oben und unten sind „Verschlussbeugung“. Nun tritt diese Verschlussbeugung eben nicht nur bei Spitzlichtern auf, sondern immer. Das hat Beugung so an sich, dass sie Belichtungszeitunabhängig ist. Kurze Verschlusszeiten sind also rein physikalisch bedingt immer unschärfer als lange Verschlusszeiten – soweit es um unbewegte Motive geht. Das ist nur bisher mit den Spiegelreflexen nicht aufgefallen, die hatten keinen elektronischen Verschluss. Der o.g. Video-Blogger will nun maximale Unschärfe und ist beleidigt, weil der Hintergrund mit elektronischem Verschluss schärfer ist. Dass auch der Vordergrund schärfer ist, spielt da jetzt keine Rolle, man will ja unscharf haben. Den Hintergrund. Deshalb kauft man sich ja ein 1,4er Objektiv und eine Kleinbildknipse.

Gut. Wie wirkt sich das jetzt aus. Zum Nachstellen hatte ich heute entschieden zu schlechtes Licht und zu schlechtes Wetter. Also musste mal wieder Elke im Studio herhalten:

Das ist Elke, zwei simple Einstelllichter direkt aufs Gesicht, im Hintergrund eine historische Glühlampen-Weihnachtsbeleuchtung. Und jetzt croppen wir mal:

Die ersten beiden Bilder sind mit ISO LOW und 1/200 gemacht, die unteren beiden mit ISO 3200 und 1/8000s, alle mit dem Panasonic L42,5 f/1,2.  Das Erste und das Dritte jeweils mit elektronischem Verschluss, das Zweite und Vierte mit mechanischem Verschluss. Wenn man die Bilder direkt vergleicht, fällt auf, dass das Bokeh mit dem elektronischen Verschluss schärfer und etwas dunkler ist. Auch die Stellen, an denen bereits ein Farbkanal ausgebrannt ist, sind beim mechanischen Verschluss größer. Da das sogar bei der Belichtung mit 1/200s der Fall ist, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass einfach die Zeiten beim Verschluss falsch laufen. Wenn man die Bilder im Ganzen direkt vergleicht, fällt auf, dass dieser Belichtungsunterschied nicht über das gesamte Bild gleich ist. Wir haben also auch schon bei 1/200s Beugungseffekte – klar, auch hier läuft ja der Verschluss durchs Bild. Und zwar während einer Dauer von 1/350s. Um also den Anteil der Verschlussbeugung unsichtbar zu machen, müsste man mindestens drei Lichtwerte unterhalb der Sync-Zeit bleiben. Eine „sichere“ Zeit wäre bei der E-M1II also etwa 1/40s, bei Kleinbildkameras mit langsameren Verschlüssen sind wir bei 1/30s oder noch länger. (Ja, der Verschluss der E-M1II läuft in etwa 1/350s durch. Warum Olympus da nur 1/250s angibt, wissen nur die in Japan)

Boah ey, Krasser Stoff.

Nein. Überhaupt nicht. Ja. Es gibt diesen Effekt. Ja. Wenn man genau hinkuckt sieht man ihn. Ja, wenn ein Objektiv ein mieses Bokeh hat, sieht man das mit mechanischem Verschluss nicht so. Und wenn man die Endschärfe aus dem Objektiv rauskitzeln will, ist der elektronische Verschluss gefragt – nur darf sich dann das Motiv nicht schnell bewegen – Rolling shutter lässt grüßen.

Und man sollte keine LED-Weihnachtsbeleuchtung haben, sonst kuckt das so aus:

Und so soll das sein. Mechanischer Verschluss.

Man muss halt immer wieder neu entscheiden, wo man seine Prioritäten setzt…. „One For all“ gibt’s noch nicht. Dafür sind wir Menschen, damit wir selbst entscheiden können. Wenn die Kamera alles alleine kann, braucht’s uns nicht mehr.

Update:

Nachdem einige zwischen den Bildern keinen Unterschied erkennen können, hier zwei 100% Crops:

Oben der mechanische Verschluss, unten der elektronische Verschluss. Die Strukturen im Bokeh sind deutlich definierter. Je heller nun das Bokeh ist, desto stärker ist dieser Effekt.

12 Replies to “Bokeh und elektronischer Verschluss”

  1. Danke, sehr schön illustriert und erklärt!

    In zwei Jahren ist es vorbei, dann haben wir (bei Olympus) den Global Shutter (reine Spekulation meinerseits)

  2. Danke für den Einblick in die Technik.
    Wäre dann der EV die bessere Wahl für Bilder der Milchstrasse etc.? 20 Sekunden und mehr Belichtungszeit.
    Gibt es auch beim EV ein Dunkelbild?

    Gut Licht aus Graz
    Bernd

    1. Bei Langzeitbelichtungen spielt Verschlussbeugung keine Rolle. Und ob es beim elektronischen Verschluss einen Dark Frame gibt, hängt von der Kamera und von der Einstellung der Kamera ab. Ab Werk ist bei Olympus „lautlos“ ohne Darkframe. Bei der E-M1II kann man ihn aber unter „Lautlos-Einstellungen“ aktivieren. (Rauschminderung.)

  3. …. und ich fürchte dann produziert der Global Shutter irgend ein anderes „Problem“ über dass man sich auf Youtube trefflich aufregen kann. (Spekulation meinerseits 🙂 )
    Der Begriff „cheated“ ist schon tapfer, wenn man den Effekt noch nicht mal erklären kann. Ich könnte ihn auch nicht erklären, (Danke Reinhard!), aber ich würde, glaube ich, auch nicht „cheated“ sagen.
    Künstliche Aufregung für Klickzahlen, wie Reinhard vermerkte. Und Ausdruck dafür, dass nicht nur alle Models auf Youtube immer gleich aussehen müssen, sondern auch die Photos dieser Models. Mainstream sells.

    1. Der Gedanke kam mir auch beim Lesen des Artikels und den von Reinhard eingestellten Bildern. Aber gut, dass man darüber redet und die grundsätzlichen Effekte erklären kann.
      Spannend, vielen Dank, Reinhard.

      Grüße
      Martin

      1. Es gibt Dinge, die sind so aufregend wie der berühmte chinesische Grundnahrungsmittelsack. Aber wenn man’s nett aufbereitet, reicht es noch für ein Grinsen…. 😉

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