
Vor ziemlich genau drei Jahren habe ich schon mal einen Artikel zu der Frage geschrieben. Seitdem habe ich zwei Abmahnungen kassiert und die Innovation im mFT-Bereich hat sich in extrem engen Grenzen gehalten. Wenn das jemand weiß, dann ich, weil ich die Kameras, über die ich Bücher schreibe, immer auf Herz und Nieren teste – schlicht, weil ich ja wissen muss, was man damit machen kann – und was nicht. Und tatsächliche neue Funktionen, die die fotografischen Möglichkeiten erweitern, sind Mangelware. Eine Innovation ist die Schnittstelle der Pana-Kameras zum DJI-Audiosystem. Damit gehen Dinge, die vorher nicht gingen. (Und nein, LiveGND erweitert die fotografischen Möglichkeiten nicht. Ein echter GND-Filter ist die bessere Lösung. LiveGND ist nur eine Krücke, noch dazu eine, die den älteren Kameras mit einer selten dämlichen Ausrede vorenthalten wurde.) Warum nun verwende ich immer noch mFT und das auch noch gerne?

Die Gründe von vor drei Jahren sind nach wie vor valide, aber gerade, nachdem ich jetzt wieder einen Abend an der Bühne stand, vielleicht noch ein paar Gründe drauf:
- Schärfentiefe.
Ich kann mit mFT eigentlich immer Offenblende fotografieren. Piepegal, welches Objektiv ich draufschraube, ich schalte auf A und Offenblende und dann gib ihm. (Die Ausnahme war jetzt an der Bühne, da war ich mit 2,8 und 3,2 unterwegs, habe also das 14-35 abgeblendet.) Die allermeisten Objektive liefern bei Offenblende bereits eine Qualität, die durch Abblenden nicht radikal besser wird. Und der Schärfeverlauf ist dem natürlichen Sehen sehr ähnlich. Bei einem Porträt muss ich mich nicht drum kümmern, dass Augen und Nasenspitze scharf sind. Sie sind es in den allermeisten Fällen. Einfach so. Wenn ich Bühnenfotografie mache, ist Offenblende immer richtig. Ich kann sogar in der Landschaftsfotografie meistens auf das Abblenden verzichten. Ich stelle auf mein Hauptmotiv scharf, und der Hintergrund tritt genau so weit zurück, wie ich es will. Die Story “Alles soll von vorne bis hinten scharf sein” ist sowieso ein Joke aus der Fotozeitschrift – nach ein paar hundert Meter ist allein aufgrund der dicken Luft sowieso nichts mehr wirklich scharf, da kann ich auf Blende 11 abblenden, das wird nicht besser. Und wenn ich tatsächlich mal die klare Luft aus dem Bilderbuch habe, dann kann ich auf 8 abblenden und alles ist schick.
Das Fotografieren mit mFT ist schnell und simpel.

- Exotenbonus
Früher, zu Hochzeiten von oly-e, konnte man fast darauf wetten, dass Olympus-Fotografen irgendwas mit Citroen am Hut hatten. Nonkonformisten. Freaks. Unangepasste. Man fotografierte mit einer Kameramarke, die den Ruf von “schweineteuer aber hervorragend” hatte. Und hatte in Wirklichkeit weniger gezahlt, als eine vergleichbare Ausrüstung vom Marktführer kostete. Die Journalisten schrieben die Kameras runter und man war beständig dabei, sich gegenseitig selbst zu bestätigen, dass man noch alle Latten am Zaun hatte. (Die Knipsen der Konkurrenz waren nicht besser, sie hatten nur bessere Presse. Ich habe eine ABBA-Revival-Show für die Zeitung mit einer Canon 350D geknipst und ein Jahr später die gleiche Show in der gleichen Location mit einer E-500. Und die E-500 hat die 350D mal locker versenkt.) Und ja, mittlerweile trifft das nicht mehr zu. Seit 2016 hat sich bei der Konkurrenz was getan. Und vor allem die Chinesen sind gerade dabei, zu zeigen, was geht.
Wo ist dann der Exotenbonus? Wenn man mit einer Oly aufschlägt, können mittlerweile viele das nicht mehr einschätzen. Olympus? Da war doch was? OMSystem kennt keine Sau, aber Olympus, da klingt noch von Ferne der Donnerhall eines grandiosen Rufes. Vielleicht bin ich nur in entsprechenden Locations, aber ich habe festgestellt, dass niemand mehr Oly-Hardware klaut. Canon, Nikon, Leica, Fuji – wech isses. Die Oly bleibt liegen. Es lohnt nicht mehr, die TopPros davonzuschleppen. Ein Mantona-Carbon-Stativ wird geklaut, ein Berlebach bleibt stehen.
- Klein und leicht
Gelächter. TopPros sind nicht klein und leicht. Das sind Glasklötze mit Gehäusen, die aus dem Vollen gefräst sind. 300 und 90-250 sind solide Meinungsverstärker. Da fühlt sich ein Fußballspiel noch richtig nach Arbeit an und man hofft, dass es keine Verlängerung gibt. Dieses ganze “mFT ist klein und leicht und so” – das hat angefangen auf Castle Leslie, als sie die E-M1 auf eine Waage gepackt haben und eine Nikon D7100 daneben. Kuckt mal, wir sind leichter.

Albern. Eine E-500 war nicht kleiner und leichter als eine 350D. Eine E5 mit 14-35 wiegt 1805 Gramm, eine D700 mit Sigma 28-70 f/2,8 1680 Gramm. Die Waage hat damals auch niemand wirklich erst genommen. Alle Journalisten sind dran vorbei gelatscht – daneben gab es Abendessen. Ja klar, die Systemkameras konnten kleiner und leichter gebaut werden. Siehe da – sieht man jetzt. Die Kleinbildknipsen sind heute nicht schwerer als die mFT-Kameras, bei Panasonic haben sie kurzerhand beide Sensoren im gleichen Gehäuse untergebracht.
Ganz viel dieser “klein-und-leicht”-Story liegt daran, dass Objektive brutal digital korrigiert werden. Das Objektiv hat unten ne Tonne und oben ein Kissen? Machen wir in der “Post”, die User sind begeistert, weil das Objektiv so dolle scharf ist. Und die Journalisten wenn maulen kriegen sie keine Samples mehr.
Also warum dann mFT, wenn es doch keinen Gewichtsvorteil gibt? Weil Olympus ein paar wirklich, wirklich geniale Objektive gebaut hat, die eine Bildanmutung liefern, die mir kein anderes System für diesen Preis und dieses Gewicht liefert. Und da viele User ihre TopPros derzeit für viel zu wenig Geld hergeben, gibt es derzeit keine Möglichkeit, billiger an Edelglas zu kommen. Und eine Hassi, die mir die Schärfentiefe der Oly liefert, gibt es nicht.
Deshalb mFT.
Und wenn ein Hersteller mir eine moderne Kamera gibt, an die ich meine TopPros anschließen kann und die mal endlich liefert, was diese Objektive können, dann wird sich daran auch nichts ändern.
Nur der Name auf der Kamera.
Die Bilder sind übrigens alle von Castle Leslie. Nicht aus der E-M1, sondern aus meiner E-M5. Die Präsentation der E-M1 war am Vortag, die Kameras waren alle abends wieder eingesammelt worden und ich bin morgens vor dem Frühstück mit meiner E-M5 durch das leere Schloss gestromert und habe das irische Regenwetter genutzt.
“….dass Olympus-Fotografen irgendwas mit Citroen am Hut hatten….”
In meinem Fall korrekte Aussage, bisher 8 Olympus Kameras (nicht alle mehr in Nutzung) und vier Citroen-Autos, zwei davon noch in Nutzung.
Gruß Jürgen
Ha, danke lieber Reinhard! Mal wieder so ein richtig schöner Beitrag, um die Seele zu wärmen… Meine Olympus Begeisterung begann 1976 mit der OM2 und der damals weltweit einzigartigen “autodynamischen off-the-film OTF“ Belichtungsmessung. Kaufen konnte ich sie mir nicht (war noch Schüler auf dem Gymnasium), aber meine Olympus-Faszination reicht zurück in diese Zeit (mittlerweile steht eine OM2 SP in meiner Vitrine. Voll funktionstüchtig.). Damals ist Olympus in meinen Denk- und Wahrnehmungshorizont gekommen. Bei Citroën war es ähnlich: ein Onkel, Kunstprofessor aus Gießen, kam mit einem Citroen DS bei uns zu Hause vorgefahren. Der legte sich immer hin, wenn man ihn abstellte (hydropneumatisches Federungssystem). Hat mich ähnlich fasziniert und seitdem ist der Citroen Virus in mir: 2 x Ente 2CV, 1 x AX Diesel, 5 x Xantia Kombi Turbodiesel, 2 x XM 2.0 TCT und aktuell C3 Pluriel 1.6 Sensodrive (ein Traum). Und ja: Beides hatte stets etwas Exotisches, non-konformistisches, etwas “ich bin anders“ (natürlich besser 😉 ) als der Mainstream. Bezüglich Olympus bin ich erst kürzlich untreu geworden: nachdem Robin Wong einen Beitrag über die Lumix GF7 veröffentlicht hatte, habe ich sie mit dem 12-32er manuellen Pancake gebraucht für kleines Geld und in wirklich gutem Zustand erstanden. Mittlerweile bleibt sowohl die E-M10 Mk II, die E-M5 Mk III und die E-M1 Mk II meistens in meinem kleinen (!) Fotorucksäckchen. Die GF7 habe ich in der Tasche fast immer dabei. Und die Bilder sind von überragender Schärfe und Belichtung. Obwohl mein eigenes M.Zuiko 14-42 EZ bisher noch keine Mucken hat, ist ja bekannt, dass viele sich irgendwann verabschieden. Ich gehe davon aus, dass das Lumix 12-32er nicht so gefährdet ist. Und immerhin bin ich ja mit nach wie vor in der MFT Welt unterwegs… Immer wieder schön hier, sich irgendwo doch noch unter Seinesgleichen zu bewegen, bei allen Unterschieden, die uns natürlich ansonsten auszeichnen!