Wer schon mal bei mir in Rocksdorf war, kennt dieses Ding, das da an der Wand hängt. Manche haben was dazu gefragt, die meisten nicht. Das sieht ziemlich vertrocknet und bräunlich aus und verliert jeden Tag “Haare”. Das ist ein “Wasserfall” aus Bärengras. Dazu gibt es eine Hintergrundstory. Im Herbst 1992 fand im Stadtteilzentrum DESI in Nürnberg eine Ausstellung einer Floristengruppe statt. Das war ziemlich cool, denn die FloristInnen (tatsächlich waren, soweit ich mich erinnere, fast alle Floristen Frauen) hatten neben ihren einzelnen Werken die gesamte DESI in ein Kunstwerk verwandelt. Der Boden war 20 Zentimeter mit Laub bedeckt, man ging durch ein stetes Rascheln und einen unglaublichen Duft. Die einzelnen Werke waren mit Scheinwerfern angestrahlt und mit der damals vorhandenen Fototechnik fast nicht zu fotografieren. (Brutale Kontraste, Dunkelheit, Bewegung. Alles.) Zumindest nicht mit der Exakta ohne Stativ, die ich hatte.

Eine der Floristinnen war meine Schwägerin. Ich habe ihr gesagt, dass ich den “Wasserfall” so begeisternd fand und wollte ihn kaufen. Ging nicht. Die gesamte Ausstellung war schon auf dem Kompost gelandet. Also hat sie den Wasserfall noch mal gemacht und mir geschenkt. Das ist das Ding, das jetzt neben dem Eingang meines Studios hängt.

Das Ding ist also 34 Jahre alt. Warum hängt es da immer noch? Weil die Künstlerin ein halbes Jahr nach Fertigstellung gestorben ist. Malignes Melanom. Im Volksmund Schwarzer Hautkrebs.

Das ist die Künstlerin. Im Februar 1993. Der Spezialist erkennt eine operierte Lippen-Kiefer-Gaumenspalte.

Der etwas blau eingefärbte Hals liegt daran, dass da drunter das Fadenkreuz für die Bestrahlung lag. Das wurde regelmäßig erneuert. und war blaulila. Die Bestrahlung zerstörte die Haut, so dass man sich in der ganzen Gegend nicht mehr waschen durfte. Es gab da ein spezielles Reinigungspulver. Das hängende linke Lid war eine Folge der Metastasen, die bereits Nerven befallen hatten.

Dieses Bild entstand vier Wochen vor ihrem Tod. Da sie das Geld, das sie für ihren Meister gespart hatte, absehbar nicht mehr ausgeben konnte, leistete sie sich eine Kameraausrüstung, mit dem sie alles fotografierte, was nicht bei drei hinterm Baum verschwand. Sie hatte Autofokus und Belichtungsautomatik. Was war ich neidisch.

Dieses Bild stammt von ihrer letzten Reise mit ihren Freundinnen. Sie kam zurück, brach zusammen, wurde ins Krankenhaus eingeliefert und starb nach wenigen Tagen. (Foto nicht von mir.)

Hier, am Johannisfriedhof in Nürnberg, unter diesem Stein, ist sie begraben. In Sichtweite von Albrecht Dürer.

Warum ich das jetzt poste? Wenn es eine Hautkrebs-Früherkennung gegeben hätte, würde sie heute noch leben. Denn auch damals konnte man schwarzen Hautkrebs, wenn er früh genug erkannt wurde, heilen.

Diese, von den Kassen bezahlte Früherkennung, im Vergleich zu einer Krebsbehandlung lächerlich billig, ist gerade abgeschafft worden.

Um Geld für Panzer freizuschaufeln.

3 Replies to “Früherkennung”

  1. Man kann angesichts der eingesparten lächerlichen Früherkennungskosten eigentlich nur noch verbittert sein, zumal die (womöglich erfolglose) Behandlung sehr teuer ist. In der Realität bezahlte man bisher die Früherkennung sowieso in aller Regel selbst, weil die geschäftstüchtigen Hautärzte sonst bei Kassenpatienten “leider keinen Termin in diesem Jahr” frei hatten.
    Verantwortung tragen die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Warken (CDU) und ihr Nachfolger Linnemann (CDU).
    Wundert sich in der Berliner Blase immer noch niemand, warum sich die Bürger kopfschüttelnd abwenden? Es ist zum Heulen…

  2. Das für die Früherkennung nötige Geld ist offenbar woanders hin
    gewandert: z.B. Aufrüstung des deutschen Militärs, Aufrüstung
    des ukrainischen Militärs, Aufrüstung des israelischen Militärs.

  3. Da müssen wir uns hier in Sachsen-Anhalt nicht wundern, dass den sog. Altparteien keiner mehr vertrauen möchte.

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