Gestellte Fotos

Gestern habe ich nach dem PATLive wieder mal die Aussage gehört „Das sieht ja toll aus, was Du da machst, aber diese gestellten Fotos sind nicht so meines“.

Genau diese Aussage habe ich manchmal auch am Beginn eines Kurses gehört, als es darum ging, dass ein Model aufkreuzt und man das tunlichst zu fotografieren habe.

Sobald das Model da war, war das dann immer vergessen.

Ich will jetzt diese Vorbehalte nicht als „irrelevant“ abwerten. Aber vielleicht ein paar Gedanken dazu.

Sobald man sichtbar ein Aufnahmegerät zückt, reagiert die Umwelt darauf. Die Illusion, man habe ja ein „unbeeinflusstes“ Bild ist genau das – eine Illusion. Oder, klarer ausgedrückt, man lügt sich in die Tasche. Beim „gestellten“ Foto handelt man immerhin im Einverständnis mit der abgebildeten Person. Man entwickelt eine gewisse Kreativität und hat die Chance, die Person so ins Licht zu stellen, dass es vorteilhaft ist. Für die Person und das Bild.

Es gibt seit Jahrzehnten Streetfotografen, die überhaupt nur mit Darstellern arbeiten. Die sehen eine Szene im „Real Life“ und bauen sie dann nach. Ist das verwerflich? Das fertige Bild sieht aus, wie das „Original“, nur dass der Fotograf die Möglichkeit hat, die Bildaussage zu komprimieren. Er beherrscht das Licht und im Extremfall jeden einzelnen Gesichtsausdruck und jede Körperhaltung. Es steht kein ablenkendes Auto oder eine ablenkende Werbung im Hintergrund. Es ist genau so, wie es sein muss, damit die Bildaussage perfekt transportiert wird.

Das ist im Endeffekt wie ein Kinofilm. Nur eben in einem Bild. Regie, Darsteller, Licht, Storyboard, alles.

Und wie beim Film ist das dann eben ein „Gesamtkunstwerk“. Da reicht es nicht, auf den Auslöser zu drücken. Da braucht man Schauspieler, die das können. Viele Fotografen verstehen unter „gestellten Bildern“ ein mehr oder weniger nacktes Model, das mehr oder weniger gelangweilt vor der Kamera steht und im besten Fall Turnübungen abspult. Weil halt blöderweise genau das von Hobbyfotografen gezeigt und von Models angeboten wird. 70 Euro die Stunde ausziehen ohne kommerzielle Rechte. Mit „Toys“ 120 Euro.

Das Problem ist also an zwei Fronten: Zuerst braucht es einen Fotografen, der eine Bildidee hat. (Ich gendere nicht, Frauen sind mitgemeint.) Und dann braucht es ein Model, das diese Bildidee auch umsetzen kann. Und einen Fotografen, der die Bildidee auch technisch beherrscht. (Wir hatten ja beim FolyFos mal eine Sendung über die Wichtigkeit von Scribbles gemacht.) Wir brauchen also einen Drehbuchautor, Schauspieler, Maskenbildner, Bühnenbauer, Regie und Kameramann. Und je nach dem noch Beleuchter und Kabelträger. Übertrieben? Nein. Genau so. Nur dass eben der ganze Spuk mit dem Druck auf den Auslöser vorbei ist. Und bei den Hobbyisten der Fotograf alles in Personalunion macht – außer der Schauspielerei.

Wer jemals mit einem eingespielten Team im Studio gearbeitet hat, weiß, was geht. Und wieviel Spaß das machen kann. Und da sehen die Bilder dann nicht mehr „gestellt“ aus. Sondern sie bringen genau das rüber, was sie sollen. Und natürlich muss das nicht nur im Studio sein, sondern kann genauso auch Outdoor sein.

Gute Fotografen können auch Gruppenbilder so machen, dass sie nicht „gestellt“ aussehen. Obwohl sie das natürlich sind. Immer. Und wenn die Leute, die da fotografiert werden, auch Bock drauf haben, dann können da magische Dinge entstehen.

Ja. Gestellte Fotos sind Bäh. Völlig OK. Dann lasst uns Fotos machen, die nicht so aussehen. Und wenn man das nicht kann, dann übt man das.

Dazu gehören drei Dinge:

  • Die Kamera im Schlaf beherrschen.
  • Das Licht im Schlaf beherrschen.
  • Sich selbst nicht zu ernst nehmen und mit der gestellten Person kommunizieren.

Dann funktioniert das.

Außer man hat jemand vor der Kamera, der nicht an einem guten Foto, sondern nur an der Kohle interessiert ist. Aber dann muss man halt schnell umschalten und eben Menschen fotografieren, denen es nur um Geld geht. Hat auch was.

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