Nach über 30 Jahren: Befreiung reloaded

1995 habe ich mein erstes Buch veröffentlicht. Ein Buch über das Kriegsende in Nürnberg. Der unmittelbare Anlass dafür, dass ich das Buch damals geschrieben habe, war ein Tagebuch, das ich im Keller gefunden habe und das auf ein paar Seiten den Einmarsch der Amerikaner in Nürnberg geschildert hat.

Ich habe mich dann wochenlang im Stadtarchiv vergraben und Originalquellen gewälzt. Ich habe eine Zeitungsanzeige aufgegeben und nach anderen Tagebüchern gesucht, weil ich eben nicht die Geschichten „Opa erzählt vom Krieg“ haben wollte, sondern den unmittelbaren, ungeschönten Stoff. Und als ich dann mittendrin war, erfuhr ich, dass die Stadt Nürnberg und der Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg jemanden bezahlten, der auch ein Buch über das Kriegsende schrieb. Das kam dann fast zeitgleich mit meinem auf den Markt, kostete das Dreifache und war auch drei mal so dick. Dabei war es auch noch von zwei Banken, der IHK und Herrn Schöller ( der mit dem Eis) finanziert.

Ich habe es mir natürlich gekauft und Herr Kunze, der Autor des Buches, hat sich auch meines gekauft und wir entwickelten fast sofort eine heftige gegenseitige Abneigung. Er hat sich gefragt, wie jemand die Frechheit besitzen kann, so einen unwissenschaftlichen Mist auf den Markt zu bringen – noch dazu zu diesem winzigen Preis – und ich habe mich gefragt, wie jemand anno 1995 tatsächlich noch eine Heldensaga der Wehrmacht von der Stadt Nürnberg finanziert kriegt. Mir war zum Beispiel das Kriegsgefangenenlager Langwasser, in dem mehr Menschen ums Leben kamen, als bei den Bombardements der Amis und Briten, ein Anliegen. Das hat der Kollege mit drei Zeilen erwähnt. Ja, gab’s. Ja, wurde von den Amis befreit. Ja, heftiger Jubel.

Ich habe das Buch erweitert und viel nachrecherchiert und dabei viel meiner damaligen Rechercheergebnisse eingebaut, die damals nicht zwischen die Buchdeckel gepasst hatten. Und dabei festgestellt, dass die Wahrheit im Internet in irrer Geschwindigkeit degradiert. Stories, die noch vor 20 Jahren mit vielen Fragezeichen versehen wurden, sind mittlerweile feststehende Tatsachen. Sie werden damit nicht wahrer oder plausibler – aber es sind nette Heldengeschichten die nur einen Fehler haben: Sie sind erfunden.

Ein Beispiel unter vielen: Oberst Wolf, der damalige Kampfkommandant von Nürnberg, verbreitete in seinem Bericht über die Schlacht bei Nürnberg, dass er vom GröFaz noch schnell zu seinem Ritterkreuz das Eichenlaub verpasst bekommen hat. Per Funk. Aus dem Bunker in Berlin. Eine halbe Stunde, bevor Wolf sich in Nürnberg abgesetzt hat. Man kann auch sagen: desertiert ist. Kleiner Schönheitsfehler: Der einzige Zeuge für diesen Funkspruch ist er selbst. Das stört aber nicht, selbst in der Wikipedia steht er mit Eichenlaub drin. Weil ein Autor diese hanebüchene Geschichte glauben wollte und sobald das gedruckt ist, ist es für die Wikipedia wahr. Weil es steht auf dem Band ja „Nürnberger Forschungen“ drauf.

Jetzt ist das Buch fertig und man kann es im Shop kaufen. HighRes wie üblich wieder mit wirklich guten Fotos. Die übrigens fast alle exklusiv in diesem Buch sind. Einen Scan habe ich nicht reingepackt, den gibt es hier:

Dieses Flugblatt vom Mai 1944 war vom kommunistischen Widerstand in Nürnberg. Herstellung und Besitz konnte tödlich sein. Es ist nicht das Original, sondern ein Durchschlag. Nur die Durchschläge wurden verteilt, die Originale wurden vernichtet. Allerdings scheint dieses Flugblatt im ganzen Reich verteilt worden zu sein – in der Zeitschrift „Unser Bocholt“ von 1994 wird es ebenfalls erwähnt.

6 Replies to “Nach über 30 Jahren: Befreiung reloaded”

  1. Die Aufrüstung und das Gerede von der Kriegstüchtigkeit kann einem Angst machen. Dabei kenne ich den 2. Weltkrieg nur aus Erzählungen meiner Eltern und Großeltern. Danke für dieses Buch! Habe es eben erworben.

    Viele Grüße,
    DanielP

      1. Lies mal das Buch und dann sag mir, ob Du lieber „Team Schwabach“ oder „Team Polizeipräsidium“ wärst.
        Die NATO hat nach den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs die Strategie der „Vorne-Verteidigung“ erfunden. Also extreme Truppenkonzentration direkt an der Grenze. Dann kam Vietnam und sie haben festgestellt, dass das nicht funktioniert. Und haben auf „Vorwärts-Verteidigung“ umgestellt. Also sofort angreifen und den Krieg beim Gegner führen. Mittlerweile sind die Militärwissenschaftler dahintergekommen, dass eine Verteidigung eines dicht besiedelten Gebietes wie Mitteleuropa bei der heutigen Militärtechnik rein prinzipiell nicht möglich ist. Je mehr man „verteidigt“, desto mehr geht kaputt und desto mehr Menschen sterben.
        Selbst eine Verteidigung Grönlands gegen eine aggressive Atommacht, der es um Land und Bodenschätze geht, ist prinzipiell nicht möglich.
        Es gibt keine Alternative zu Diplomatie und Zusammenarbeit. Wie man an Afghanistan sieht, kann man einen Krieg nicht einmal gegen Krieger mit Badelatschen und Mofas gewinnen.
        Wir müssen aufhören über Feinde nachzudenken und Freunde werden.
        Wir müssen die Lüge, den Hass und die Gier besiegen.

        1. Nein, es ist schon richtig was Wolfgang sagt: wir sind unfähig unser Land zu verteidigen.
          Allerdings meint er es wohl militärisch – ich würde eher sagen, dass wir (auch) unfähig sind unser Land diplomatisch (oder auch nur wirtschaftlich) zu verteidigen.
          Warum? Da gibt es sicher viele Gründe, einer ist, dass wir uns nicht einmal innerhalb der EU wirklich einig sind, damit meine ich nicht Kleinigkeiten sondern die große Linie in der Politik.
          Und auch, dass wir immer noch fast zwanghaft an Feinbilder festhalten gehört dazu.
          Denn eigentlich gibt es auf der Erde nur eine einzige Menschheit – die „Feinde“ sind alle dahergeredet – aber ein mal in den Köpfen der Menschen, sind sie nur schwer wieder raus zu bekommen….

          Wie dem auch sei – mir gefällt überhaupt nicht, was sich da gerade großpolitisch abspielt – und es macht Angst und Angst ist ein prima Nährboden für die Gegner der Demokratie.
          Auch wenn ich persönlich weiß, dass nur die Demokratie in der Lage ist, wirklich etwas zum Besseren zu ändern – nicht jeder hat diese Einsicht.

          Andy
          imangstmodus

  2. Hut ab vor Menschen, die angesichts einer solchen Situation den Mut und Humor aufbringen, solche Texte zu verfassen, wie auf diesem Flugblatt.
    Klar, dass die nur in Kopie verbreitet wurden. Damals konnte die Forensik Originale schon bestimmten Schreibmaschinen zuordnen und das wäre in diesem Fall ein Todesurteil gewesen.

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