Ich blogge, also bin ich…

Ich blogge seit weit über zehn Jahren. Ich habe damit angefangen, als ich Artikel zu lokalen Themen nicht durch meine Redaktion bekommen habe – und wenn, dann bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Ich bin damals innerhalb eines halben Jahres zu sowas wie einer lokalen Berühmtheit geworden, weil ich mich mit ein paar Leuten angelegt habe – die mir hinterher, teilweise erst vor wenigen Wochen,  erklärt haben, dass ich damals recht gehabt hätte.

Vom recht haben kann man sich aber nichts kaufen. Trotzdem blogge ich weiter.

Warum?

Heutzutage gerät man als Blogger relativ schnell in den Verdacht, von irgendwem bezahlt zu werden. Kein Wunder, wenn man im Internet folgende Anleitung für eine Influencer-Kampagne findet:

  • Der Industrieauftraggeber legt  die Kampagnenziele und das Budget fest
  • Der Auftraggeber schreibt seine Blogger an und die können sich nun bewerben
  • Der Auftraggeber sucht sich unter den Bewerbern die passenden Blogs aus
  • Die Blogger erhalten die Freigabe und unter Umständen Probeartikel etc. damit sie das Produkt beschreiben können
  • Die fertigen Artikel werden freigegeben, vergütet wird ein Fixum je nach Reichweite des Blogs
  • Die Ergebnisse werden durch den Auftraggeber gemessen
  • Je nach Kampagnenlaufzeit findet dieser Prozess mehrere Monate statt

Für einen Blogbeitrag werden im deutschsprachigen Raum zwischen 500 und 10.000 Euro bezahlt, je nach „Reichweite“. Diese „Reichweite“ wird mittlerweile gerade bei Instagram in Followern gemessen. Follower kriegt man relativ einfach. 5000 Follower kosten 30 Dollar, es gibt aber auch Schnupperangebote, wo das Generieren durch Bots drei Tage umsonst erfolgt, da kann man auch bis zu 10.000 Follower kriegen. Wenn man ein paar hundert Dollar in die Hand nimmt, ist man Ruckzuck bei sechsstelligen Followerzahlen. Wer seinen Browser scripten kann, kann sich so einen Bot auch selber schreiben, dann kostet das nur Strom. Da man ja nicht für guten Content bezahlt wird, sondern für „Follower“ ist so etwas natürlich üblich. Viele Instagrammer erzählen freimütig auf YouTube, wie man seine Follower pusht – und sammeln damit weitere Likes. (Auch Thoms Leuthard und Paddy sind ja seinerzeit der Verlockung erlegen, wenn auch auf flickr…)

Ich mache mir Arbeit. Für jeden einzelnen der Olympus-Geschichtsartikel war ich etwa einen Tag mit Recherche beschäftigt. Von der Zeit, die ich für Fotos auf diesem Blog brauche, gar nicht zu reden. Und niemand zahlt mir was dafür.

Blogger mit meiner Reichweite gelten normalerweise als Micro-Influencer, da es aber bei mir nicht um Kosmetika geht, sondern um Produkte, die das Hundertfache kosten und deutlich erklärungsbedürftiger sind, rutsche ich schon in den Bereich der „Macro-Influencer“. Ist halt alles eine Frage der Nische. Klar, meine Reichweite unter 8 bis 18-jährigen, der Hauptzielgruppe von Instagrammern und Youtubern, ist lausig, aber die kaufen halt auch nicht so oft ne E-M1X….

Micro-Influencer kriegen Produktproben „zum Verbleib“ und berichten dann darüber. Sie werden nicht bezahlt und liefern sogenannten „Earned Content“, im Gegensatz zu „Payed Content“, den der Macro-Influencer bietet.

Ich kriege keine Produktproben „zum Verbleib“ und  werde nicht bezahlt. Was bin ich also?

Ich bin Autor. Dieser Blog ist meine Werbeseite für meine Bücher und meine Kurse. Ich versuche die Leute zu überzeugen, dass sie mir Geld für PDFs überweisen und sich ein Wochenende mit mir in Rocksdorf verschanzen, damit wir gemeinsam fotografieren können . Deshalb blogge ich. Und wer schon bei meinem Blog merkt, mit dem komme ich nicht klar, der wird vermutlich auch mit meinen Büchern und mit meinen Kursen nicht klar kommen.

Dieser Blog ist also sowas wie Werbung für mich. Aber ich mache mit diesem Blog kein Geld. Keinen Cent. Wenn ich Dinge zum Test bekomme, dann schicke ich sie zurück – mit Ausnahme der Akkus, die ich zerlegt habe. Manchmal bin ich begeistert von dem, was ich teste, manchmal nicht. Aber dadurch, dass ich eben nicht drauf angewiesen bin, Aufträge für blogposts zu kriegen, kann ich aufrichtig sein.

Aber ich bin auch ehrlich: Bisher hat noch niemand ausprobiert, wie hoch mein Preis ist. Es gibt die Theorie, dass jeder Mensch seinen Preis hat. Und man tut sich leicht, zu sagen, man sei nicht käuflich, wenn es noch niemand ernsthaft probiert hat.  Also sehr geehrte Industriepartner, wenn ihr zu bieten anfangt: sechsstellig sollte es schon sein, alles fünfstellige habe ich schon abgelehnt. Und dann stelle ich mich mit eurem Angebot vor den Spiegel und entscheide, ob ich mir das den Rest meines Lebens ankucken will.

Das ist übrigens echter Scotch, zwar kein Balvenies, wie man anhand der Flasche meinen könnte, aber trotzdem. Ich habe festgestellt, dass die Apfelsaft-Simulation auf die Dauer teuerer ist, als das „Echte“. Also bin ich losgetigert und habe mal Scotch nach Farbe gekauft. Die seltsame Farbe des Bildes kommt übrigens vom ArtFilter…

8 Replies to “Ich blogge, also bin ich…”

  1. … aber ein Blog ohne Leser ist nicht gerade motivierend. 😉
    Du wirst es erkennen wie viele Hits auf diese Seite sind. Für mich ein sehr erfrischender und lesenswerter Bolg!
    Einen Fan hast jedenfalls sicher … 😉 😀

  2. da bin ich aber froh, dass ich das „Wasser des Lebens“ zum trinken kaufe. Da zählt der Geschmack und nicht die Farbe. Allerdings erkennt man bei manchen schon an der Farbe, dass sie nicht schmecken. 🙂

    Ein guter Beitrag zum Thema Influencer, Reichweite bringt Umsatz und die Verblödung der Menschheit schreitet immer schneller voran.

  3. Ich nehme den Balvenie Triple Cask, der schmeckt mir am besten.

    Scotch kriegt seine Farbe übrigens vielfach durch Zuckercouleur, so kann man auch aus einem Klaren (Alkohol für die Haltbarkeit) schnell den gewünschten Goldton faken.

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