
Bei der Lektüre eines Buches aus den 80ern des letzten Jahrhunderts bin ich über ein Wort gestolpert, das ich schon lange nicht mehr gehört oder gelesen habe: Redlich. Bestenfalls noch in Kombination mit “bemüht”. Und da bedeutet es dann eher so: war ein kompletter Versager.
Warum ist das Adjektiv so “out”? Eigentlich ist das was Positives. So eine Kombination aus ehrlich, aufrichtig und rechtschaffen.
Redlich halt.
Warum wird ein ausgebufftes Schlitzohr oder ein smarter Bankster mehr bewundert als ein redlicher Beamter?
Gerade haben wir einen Fall, da hätte ich mir mehr Redlichkeit gewünscht. Als die Olympus E-M1III neu verkauft wurde, hat sich Herr Kreuter von Olympus vor die Kamera gestellt und im Livestream gesagt, dass die Geräte, die Olympus (damals legte er noch Wert darauf, dass man Olympus heiße, und nicht “OMSystem”.) zehn Jahre, nachdem sie aus der Produktion gehen, noch repariert würden.
Ich habe damals einen laaangen Artikel geschrieben, von lauter Zeug, das bereits nicht mehr repariert wurde und das teilweise noch nicht mal zehn Jahre auf dem Markt war. Habe ich natürlich Ärger gekriegt. Wer sich auf diese offizielle Aussage verlassen und das damals aktuelle Oberklassemodell gekauft hat, kuckt jetzt in die Röhre.
War dieses Versprechen damals redlich? Kann man drüber diskutieren.
Aber natürlich wird es jetzt wieder Fanboys geben, die sagen “Naja, ist halt so, wenn keine Ersatzteile mehr da sind, dann kann man das nicht mehr reparieren. Kann ja die Firma nichts dafür.” Doch. Kann sie. Das ist ihr Job. Und wenn sie sich verkalkuliert hat, dann muss sie nachfertigen. Prozessor und Sensor gibt’s ja noch – die haben sie in die “neue PEN” eingebaut.
Redlichkeit bedeutet, Versprechen zu halten. Auch wenn das schwer fällt. Menschen, die ihre Versprechen nicht gehalten haben, hat man früher mit dem freundlichen Ausdruck “wortbrüchiger Schuft” bedacht. Auch eine Wortkombi, die ich weit seltener sehe als das Wort “Bundeskanzler”.
Womit wir bei Kombinationen von “redlich” sind, die schon in Richtung Realsatire gehen.
Redlicher Politiker.
Redlicher Journalist
Redlicher CEO.
Gibt es das noch? Redliche Leute?
Oder wird dieses Wort aussterben oder nur nach als Spottbegriff genutzt werden? Für Leute, die man über den Tisch ziehen kann, weil sie an die Verbindlichkeit eines gegebenen Wortes glauben? Das Wort ist wohl durch “Verklag mich doch” schon weitgehend ersetzt worden …
Titelbild: Ein Briefträger in Ribe. Das sind redliche Leute. Die Dänische Post hat die Briefzustellung eingestellt. Kein Bedarf mehr an redlichen Leuten. Dafür erhöht die Deutsche Post das Briefporto um 20% – weil so wenig Briefe verschickt werden. Wenn man die Briefe teurer macht, werden garantiert wieder mehr Briefe verschickt. Ganz sicher. Und ja, der Cheffe der Post ist ganz sicher ein sehr redlicher Mann.

In kurz: Redlich ist der Kontrpunkt zu den Idealen des neoliberalen Kapitalismus, der seit einiger Zeit den Bürgern übergestülpt wird, seitdem mit der Wende die notwendigkeit Westeuropa gegen den Kommunismus zu immunisieren weggefallenist.