Wusstet ihr, dass es nicht nur die bekannten 7 Bände Harry Potter gibt, sondern Dutzende weitere? Nicht von Rowlings sondern von irgendwelchen Hobbyschriftstellern. Das Rezept ist einfach: man nimmt sich die vorhandenen Charaktere, das entsprechende Universum und schreibt eine eigene Heldengeschichte. Das gibt es für Harry Potter, für den Herrn der Ringe, StarWars, StarTrek, Perry Rhodan und teilweise wird daraus sogar ein pen-and-paper-Rollenspiel gestrickt.

Nennt sich Fanfiction.

Dürfte für niemanden eine Neuigkeit sein.

Im Kamerabereich gibt es das auch. Regelmäßig gibt es “Wünsch-Dir-Was”-Threads in Foren, in denen die ultimative Kamera beschrieben wird, die man sich sofort kaufen würde. Und spätestens bei der Entscheidung, ob das gewünschte Gadget jetzt nun ein Kipp- oder Schwenkdisplay haben soll, entartet die Diskussion.

KI eröffnet nun jedem die Möglichkeit, sein phantasiertes Schätzchen visuell Wirklichkeit werden zu lassen. Eine PEN-M zum Beispiel. Aus schwarz lackiertem Messing. Am besten gleich mit Kampfspuren ab Werk, damit der Gegenüber keine Zweifel an der jahrzehntelangen Erfahrung des Kamerabedieners hat.

Über die Techspecs und den Preis dieser Phantasie haben sich schon einige lustig gemacht. Das ist hier gar kein Thema.

Ich habe ja seinerzeit ein bisschen Einfluss auf Specs gehabt und war jedes mal trotzdem erstaunt, was da dann am Ende für eine Kamera rauskam. Denn natürlich geht es bei einer solchen Kamera nicht darum, irgendeine winzige Nische zu bedienen. Die Kamera soll tolle Features haben, die man in der Werbung rausstellen kann – und trotzdem vom Normalknipser bedienbar sein. Einfach nur immer mehr Gimmicks reinpacken, endet irgendwann in einer kompletten Unbedienbarkeit. Terada-San hat mich seinerzeit gefragt, welche alte Funktion ich denn für die gewünschte, neue Funktion opfern würde. Kopfkratzen meinerseits. “Kann man die nicht zusätzlich….???” Klar kann man, aber irgendwann sind eben Grenzen. Und es gibt Tausende Funktionen, die von Fotografen gewünscht werden, Bis hin zu einer speziellen Auto-WB-Funktion, die am besten gleich noch das lokale Wetter überprüft, denn mit einem kleinen Feuchtesensor und einem Barometer könnte man feststellen, ob es regnet….Gibt’s doch alles, kann man einbauen. Und der Dauerbrenner: parametrisierbare ARTFilter und …. und ….. und …..

Tatsächlich ist das Design so einer Kamera gar nicht trivial – und dabei ist noch gar nicht die technische Realisierbarkeit gemeint. Wärmeableitung, Stromverbrauch und so. Nein. Es geht bei den simplen technischen Rahmendaten los. Zielgruppe. Wie groß ist die Zielgruppe, wie viele Kameras können wir verkaufen. Was darf sie kosten? Kommen wir mit vernünftigem Aufwand überhaupt an die Zielgruppe ran? Angenommen, wir können über die Lebensdauer 50.000 Kameras verkaufen. Was kosten die Werkzeuge? Bekommen wir die wesentlichen Bauteile in diesen Stückzahlen zu einem Preis, der die Sache rentabel macht?

Eine Kamera für 1600 Euro VK darf in der Herstellung nicht mehr als 400 Euro kosten. 256 GB schneller Speicher. kostet allein derzeit vierstellig. Ein aktueller Sensor in 50.000er Stückzahl liegt bei 100 Dollar.

Viele Kameraprojekte werden bereits in diesem Stadium beerdigt. Und bei denen, die das Stadium überlebt haben, wird gespart, wo es geht. Jeder Dollar, den man bei der Herstellung spart, senkt den VK um vier Dollar. Kleinvieh macht Mist, viel Mist, also muss man sehen, was noch rumliegt und wegmuss. Oder was man auf der Resterampe des Vorlieferanten noch ergattern kann. Nur wer Stückzahlen klotzen kann, kann mit den Preisen runtergehen.

Fanfiction ist lustig, aber man sollte sich mit den Limitierungen der Universen auskennen. Spock kann nicht hexen, Potter kann kein Raumschiff fliegen und Legolas dürfte bei der Bedienung eines Phasers scheitern.

Wenn einem die Phantasie durchgeht, ist das Ergebnis nicht mehr unterhaltsam, sondern einfach nur noch albern.

2 Replies to “Fanfiction”

  1. Sehr gut, Reinhard! Schon allein deswegen ist es so ein unbeschreiblich gutes Gefühl zu wissen, dass man eigentlich bereits die richtige Kamera besitzt und man eigentlich keine neue braucht.
    Wenn da nicht diese neuen Objektive wären …

  2. Bei einer großen Firma, die Telefone herstellte (Schnurlos war damals gerade der Hype) wurde nach den fertigen Prototypen eine Klausur veranstaltet, bei der optimiert wurde. Da ein Widerstand weniger, dort ein Kondensator eingespart, ein etwas günstigerer Stecker, … alles im Bruchteil eines Cent, aber auf die Produktionsmenge betrachtet ein kleines Vermögen.

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