React: 10 Fototipps….

… die Tom Calton bereut.

Mir werden bei YouTube immer mehr Fotoinfluencer in den Stream gespĂŒlt. Wenn jemand Neues kommt, kucke ich da gerne mal rein, man kann ja nur lernen. Im Notfall auch, wie man es besser nicht macht.

Hier erst mal das Video, wenn es sich jemand antun will.

Und natĂŒrlich Clickbait ohne Ende. Ganz offensichtlich ist er nicht ruiniert.

Die zehn “falschen” Fototipps sind

  1. SchÀrfe = BildqualitÀt.

Überraschung. Nein. Übertriebene SchĂ€rfe kann sogar das Bild ruinieren und ganz oft ruiniert es vor allem die UnschĂ€rfe. Viele kaufen sich die allerneuesten, ultraschĂ€rfsten Linsen und viele verstehen bis zum Schluss nicht, dass die SchĂ€rfe in ganz vielen FĂ€llen rein digital ist. Weil die Linse von der Kamera komplett gerade gezogen wird und echte, optische SchĂ€rfe ohne entsprechende Nachteile richtig, richtig teuer und aufwendig ist. Und man ein viel schĂ€rferes Ergebnis mit ein paar simplen Rechenvorschriften in der Kamera billiger kriegen kann. Tom macht seinen Punkt woanders: Bildaussage hat nichts mit SchĂ€rfe zu tun. Ich mache: “SchĂ€rfe hat meistens nichts mit der ObjektivqualitĂ€t zu tun.”

2. Das mache ich in der Post.

Da bin ich als Journalist natĂŒrlich komplett am anderen Ufer. Wenn das Foto Mist ist, dann ist es Mist. Nachbearbeitung ist keine Option. OoC und raus damit. Und dann halt beim nĂ€chsten Mal besser knipsen. Nachbearbeitung ist nicht die HĂ€lfte vom Bild – sondern gar nicht. Und kucke einer da: man wird besser. Weil man zehntausende von Bildern gemacht hat, die alle GrĂŒtze waren. Und man dann irgendwann sieht – OK, dieses Bild wird von der Redaktion genommen, das da nicht. Und alle drei Monate, wenn die ganzen Freien zusammengetrommelt werden und der Bildredakteur erklĂ€rt, was man sich gefĂ€lligst verkneifen sollte, dann lernt man wieder dazu. Sogar im Studio haben mir viele Models schon gesagt “Endlich jemand, der Bilder macht, die nicht mit “Das mache ich in der Post” gezeigt werden.” Aber auch Tom hat verstanden: Die KreativitĂ€t muss an der Kamera passieren – nicht am PC: Man kann am PC mĂŒde Bilder aufpeppen, aber die Bilder werden deshalb nicht wach. Sie sehen dann halt aus, als hĂ€tten sie zwar nen Kaffee vor sich, aber höchstens einen Schluck davon getrunken.

3. Ohne eine gute Location gibt’s keine guten Fotos.

Da kann ich nur sagen “Instaaaa”. Tom ist der Meinung, man findet ĂŒberall tolle Motive. Man muss sie nur suchen. Bin ich bei ihm – ich gehe noch nen Schritt weiter. Es gibt ĂŒberall Dinge zu sehen und zu fotografieren. Man muss nur staunen können. Ich war in Island und mein Guide hat mich gefragt, welche tollen Locations ich in Island sehen wolle. Und ich habe ihm gesagt “Ist mir egal. Schmeiß mich am nĂ€chsten Eck raus und hol mich in zwei Stunden wieder ab und ich bin glĂŒcklich.” Ob Landschaft, GemĂŒse, Viecher, was auch immer. Ich bin ĂŒber Jahre jeden Abend mit dem Hund raus und hatte ne Kamera dabei. Und habe jeden Abend die gleiche Hundegassistrecke fotografiert. Das meiste ist natĂŒrlich GrĂŒtze. BĂ€ume. Wiese. Aber eben auch grandiose Lichtstimmungen. WaldwĂ€chter. Zugefrorene Weiher im Nebel. Dinge. Kucken. Klar, grandiose Landschaft ist schon auch. Foto halten, klick, Hamma. Mittlerweile knipse ich das gar nicht mehr. Sondern sauge das in mein Innerstes auf und fĂŒhle mich einfach gut.

4. Kopiere nie die Bilder von anderen.

Im Sinne von “sei Originell”. Mache Deinen eigenen Style. Da stimme ich mit ihm in Grenzen ĂŒberein. Es gibt Leute, die fotografieren einfach die Idee eines anderen nach und halten das dann fĂŒr ihre eigene Kreation. Die fahren an die entsprechende Location und teilweise buchen sie sogar das gleiche Model. TatsĂ€chlich ist das “Kopieren” aber harte Arbeit. Man kuckt sich ein Bild raus, das man geil findet und ĂŒberlegt sich, wie zum Geier hat der das hinbekommen. Und dann versucht man das nachzubauen. Es gab mal in Prospekten von Citroen ein Bild der DS, die volle Kanne um die Kurve heizt, Hintergrund und Straße komplett verwischt. Ich habe es irgendwann nachgebaut, als ich technisch verstanden habe, wie das funktioniert. Also nachknipsen ja. Aber als Übung. Nicht hinterher sagen “Is meins” nur weil man selber auf den Auslöser gedrĂŒckt hat.

Aber immer eben auch die eigenen Fehler machen – denn nur aus denen lernt man.

5. Das neueste Zeug verbessert Deine Bilder.

Ja, wenn Du Bilder abliefern musst, die nur mit diesem Zeug gehen. Ist allerdings extrem selten. Die Olys waren lange Jahre solche Kameras, bei denen die neueste Kamera Dir sofort mehr Möglichkeiten gegeben hat. LiveView, Stabi, LiveComposite, LiveTime, Stacking usw. Im Allgemeinen werden die Bilder mit neuem Zeug schlechter. Und an dem Punkt unterschreibe ich so ziemlich jeden Satz von ihm.

6. Fotografiere in M.

Ähhh – ja. Es gibt Situationen, da muss man In M fotografieren, weil’s nicht anders geht. Aber wir haben mal vor bald 20 Jahren eine Umfrage gemacht, in welchen Modi auf oly-e fotografiert wird. Die meisten knipsten in A. Grob 90%. Und das ist auch so grob meine Quote. M sollte man können, aber die ganze Zeit in M zu fotografieren ist einfach viiiel zu langsam und bremst die KreativitĂ€t und SpontanitĂ€t. Und es gibt Fotos, die wenn ich in M gemacht hĂ€tte, wĂ€re ich jetzt tot. Das hier zum Beispiel:

Da kann man nicht mit M rummachen. Da muss der AF liefern und die Belichtungsautomatik. Sonst ist man Matsche. Also: stimme ich ihm zu.

7. Jedes Foto muss toll sein.

Auch da stimme ich ihm zu. Das ist Blödsinn. Gar nicht so, weil es nicht machbar wĂ€re. Sondern weil das “tolle Foto” im Auge des Betrachters liegt. Es unterliegt der Mode. Vor fast 20 Jahren habe ich eine Ausstellung mit HDR-Fotos gemacht. Zeitung und alles. Heute wĂŒrde ich damit davongejagt. Fotos, die vor 40 Jahren GĂ€hn waren, sind auf einmal der Hammer, weil der Zeitgeist perfekt abgebildet ist.

8. Mehr Feedback resultiert in schnellerer Entwicklung.

Naja, jeder, der in Fotoforen Bilder zur Diskussion gestellt hat, kennt das Problem. Lobhudelei und Trolle. Mehr davon bringt absolut gar nichts. Man braucht Leute, die sich mit dem Bild auseinandersetzen. Die Zeit in die Entwicklung eines anderen stecken. Auf oly-e gab’s da mal Leute. Und gibt’s immer noch. Aber ansonsten ist das ziemlich eng. Denn meistens kommt von dem, in den man die Zeit investiert hat, nichts zurĂŒck. Und dann lĂ€sst man es irgendwann bleiben. Wie Tom sagt: such Dir ne Gruppe von Leuten, die was Ähnliches machen und Dir ehrliches, fundiertes Feedback geben. Aber auch da ist das Problem: Man braucht jemand, der schon ne Ahnung hat, um den anderen was beizubringen. Und leider ist das oft eine Einbahnstraße. Und irgendwann sagt sich der Typ “Macht euren Scheiß alleine, ich will jetzt knipsen gehen.”

9. Fotografier nur, was Du liebst.

Hier geht es nicht drum, nur die eigene Lebensabschnittsperson zu knipsen – sondern nur das zu knipsen, was man gerne knipst. Und das ist genauso doof, wie sein Lebtag nur CordonBleu mit Pommes zu essen, weil einem das schmeckt. Man lernt bei Motiven, die einem Aufgaben stellen. Weinflaschen. ChromgerĂ€t, das in alle Richtungen spiegelt. Schwarze Hunde vor schwarzem Hintergrund. Paillettenkleider mit changierenden Farben.

10. Habe Deine Kamera immer dabei.

Er hat seine Kamera immer mitgenommen. Immer. Zwanghaft. Habe ich auch. Über Jahre bin ich nie ohne aus dem Haus gegangen und auch heute habe ich eigentlich, wenn ich sie transportieren kann, immer eine dabei. Nur: Ich fotografiere oft genug gar nicht damit. Ich habe sie dabei, mache aber kein Foto. Aber wenn ich irgendwo warten muss, kann ich fotografieren. Dinge ankucken. Oder ich kann auch bewusst eben NICHT fotografieren. Und den Moment genießen.

Zwanghaft fotografieren ist es nicht. Selbst als Profi muss man das nicht. Da kann man auch Dinge passieren lassen, ohne sie zu fotografieren. Und lieber einem Unfallopfer helfen, anstatt es zu knipsen.

Zum Titelbild noch: da sitzt mein Kollege am PC und zeigt den Damen die Fotos, die ich gerade von ihnen geschossen habe. Vintage Fotostudio am Ball Burlesque. 10 Stunden Strapse und schwarze Spitze knipsen. Erfordert Kondition.

5 Replies to “React: 10 Fototipps….”

  1. Hallo Reinhard, echt tolle Bilder, die Du da zeigst.
    Das Bild vom Pferdegespann ist der absolute Hammer!

    BezĂŒglich kopieren von anderen: Ich habe in der Vergangenheit regelmĂ€ssig versucht Bilder von anderen zu kopieren, rausfinden wie es gemacht wurde usw. Das habe ich nicht gemacht, um das gleiche Bild zu veröffentlichen (bin eh Hobbyknipser und veröffentlichte nichts), sondern um besser zu werden, um Handwerkzeug zu lernen. Dies half mir immer wieder, wenn ich „meine“ Ideen umsetzen wollte.
    Ist wie beim Musik komponieren: zuerst lernt man ein Instrument spielen und spielt die Kompositionen anderer, lernt Noten, Akkorde, Akkordfolgen, Rhythmik usw und mit der Zeit kann man sich vom gelernten lösen und „seinen eigenen“ Stil finden.

    Btw: Die Geschichten hinter dem Auto- und dem Pferdegespannbild wĂŒrden mich sehr interessieren, falls Du was dazu schreiben möchtest.

  2. Zum Punkt Nachmachen | Kopieren hat Rankin mal was Feines prÀsentiert: https://bit.ly/4stqafb
    Da merkt man auch schnell, wie Aufwand unterschĂ€tzt werden kann 😉
    FortgeschrittenenĂŒbung : Horst P. Horst, Mainbocher Corset (1939) nachmachen

  3. “Es gab mal in Prospekten von Citroen ein Bild der DS, die volle Kanne um die Kurve heizt, Hintergrund und Straße komplett verwischt. Ich habe es irgendwann nachgebaut, als ich technisch verstanden habe, wie das funktioniert.” Lass mich raten: Mit gleicher Geschwindigkeit davor fahren, nach hinten fotografieren.

    1. Ich habe auf diese Weise ein Bild beim eindunkeln aus einem Tram gemacht, Motiv ein Tram, dass uns hinterher fuhr.

    2. Jo. genau. Ganz easy. Genauso wie Formel 1-Weltmeister werden. Einfach aufs Gas treten und immer vor den anderen bleiben.

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