Glaubwürdigkeit

Alle paar Monate schaue ich bei Hauke vorbei und gebe mir einen seiner ellenlangen Artikel. Einfach um zu sehen, wie unterschiedlich unser beider Herangehensweise ist. Hauke ist der Mann, der die Grammatik der Fotografie kann. Er kann Dir alle Fälle durchdeklinieren und erklärt Dir genau den Unterschied zwischen Plusquamperfekt und Futur II und wann man was einsetzt.

Ich habe von Grammatik keine Ahnung. Weder von der Deutschen, noch von der Englischen und von der Französischen schon gleich gar nicht. (Allerdings hört sich „Plus-que-parfait“ allerliebst an. Meine Französischlehrerin versuchte mir das zwei Jahre beizubringen, aber spätestens wenn sie „Plus-que-parfait“ gesagt hat, hat mein Hirn abgeschaltet. Und bevor irgendwer was denkt: sie war 20 Jahre älter und ihr Mann war Zahnarzt.) Und auch nicht von der Grammatik der Fotografie. Ich kann Diagonalen erkennen, wenn sie mich beißen und mit Müh und Not „Negative Space“ und das war’s dann. Deshalb kucke ich regelmäßig bei Hauke rein, um zu simulieren, irgendwas lernen zu wollen.

Sein letzter Artikel ging zur Abwechslung nicht um das Thema „Mach’s richtig, dann wird das was.“ sondern um das Thema, dass sich in den Toplagen, also da, wo sich die Leute tummeln, deren Meinung demnächst wichtig wird, weil dann alle versuchen, sie zu imitieren um auch „Hip“ zu sein, die KI auf dem Rückzug ist.

Es ist einigen Leuten aufgefallen, dass eine Marke nicht etwa dadurch wertvoll ist, dass sie Markenverletzer mit Feuer und Schwert bekämpfen, sondern das größte Kapital einer Marke Glaubwürdigkeit ist. Und wenn die Bilder der Marke von der KI generiert werden oder – genauso schlimm – so aussehen, als wären sie KI, dann stirbt die Glaubwürdigkeit. In atemberaubender Geschwindigkeit. 50 Jahre Markenaufbau kann man so in zwei Jahren in die Tonne treten. Wie schnell das geht hat zuerst Jaguar gemerkt und jetzt hat es Ferrari nachgemacht. Wenn man es geschickt anstellt, geht das sogar in wenigen Stunden.

Was ist die Gegenbewegung? Handgemachte Bilder, denen man das ansieht. Mit Korn, mit kleinen, unperfekten Stellen. Keine ausgefinkelten Bühnenaufbauten mehr, echtes Leben. Echtes Licht. Echte Bilder.

Ich versuche ja gerade, meine Bude in Rocksdorf zu verkaufen und bin deshalb ein bisschen in die Immo-Szene eingetaucht. Da kriegt man KI-optimiertes Plastik zu sehen. Mit KI-generierten Möbeln in den Fotos. Und natürlich KI-generiertem Himmel und überhaupt. Will das wer haben?

Wir haben im Augenblick eine ernsthafte Glaubwürdigkeitskrise. Überall. Wir werden belogen und betrogen und uns wird hanebüchener Quatsch erzählt und wenn wir sagen „Glauben wir nicht“, dann wird das solange wiederholt, bis unser Gehirn gewaschen ist – oder wir abschalten. KI macht das nicht besser. Teilweise steht auf Clips extra drauf „Das ist keine KI. Der Typ ist wirklich so drauf.“ Und wenn man überall KI wittert, glaubt man irgendwann nichts mehr. Wenn alle Himmel bei Wettbewerbsbildern ausgetauscht sind, dann glaubt man irgendwann auch dem, der wirklich mal einen guten Himmel erwischt hat, nicht mehr.

Derzeit sind die eher einfach gestrickten Manager noch voll auf KI. Aber die, die es wirklich drauf haben, die stellen anscheinend fest, ihre Kunden sind Menschen. Richtige Menschen. Die als Menschen behandelt werden wollen. Und wenn man diesen Kunden ernsthaft Geld abnehmen will, dann sollte man diese Menschen auch ernst nehmen. Und die Anzahl der Kunden, die KI-Übersetzungsalbernheiten und KI-Bilderfails amüsant finden, oder entschuldigen, sinkt.

Ich lass ja meine Bücher auch nicht von der KI schreiben. Nicht mal meine Blogartikel.

Das Foto habe ich in Anlehnung an Haukes Artikelbild genommen.

One Reply to “Glaubwürdigkeit”

  1. Ich drücke beide Daumen das es mit dem Verkauf des „Außergewöhnlichen Liebhaberobjektes“ zeitnah klappt.
    Schade das ich zu alt dafür bin…

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