Stephan Grosse-Grollmann

Das da ist die alte Radrennbahn am Reichelsdorfer Keller in Nürnberg. Der Reichelsdorfer Radsportverein war mal ziemlich bekannt und erfolgreich und veranstaltete Steherrennen – das ist so eine Sportart, bei der ein Motorrad vorne weg fährt und ein Radfahrer im Windschatten hinterher. Der Steher ist dabei nicht der Motorradfahrer, der im Stehen fährt, sondern der Radfahrer. Wenn also jemand zu einem echten Durchhaltekünstler sagt „Bist ein Steher“. Daher kommt das.

Diese Radrennbahn steht seit Jahren auf Abriss, aber wie das ist in Deutschland – erst mal werden Dinge eingestampft, weil gaaanz dringend irgendwas stattdessen gebaut werden muss. Und dann bleibt es liegen. Angeblich stehen jetzt Kräne da und man hat vorsichtshalber mal alle Bäume abgeholzt.

Wenn man wissen will, wie diese Bahn in Betrieb ausgesehen hat: Hier gibt’s einen Ausschnitt eines Films von Stephan Grosse-Grollmann aus den 90ern. Der hat noch einige andere Sachen gemacht – unter anderem auch Fotos. Und Zeichnungen und Gemälde. Und er war 25 Jahre lang Stadtrat in Nürnberg. Bei den „Guten“. In seiner ersten Wahlperiode war er nur auf Listenplatz zwei. Listenplatz 1 war „Kurt“. Den Nachnamen habe ich vergessen. Slogan: „Wähl Dich selbst, wähl Kurt“. Die haben damals einen 20 Meter langen Infostand für den Wahlkampf angemeldet. Direkt auf dem Hauptmarkt. Aber ich glaube, nur einen halben oder einen Meter breit. Da drauf haben sie dann Rennen veranstaltet. Unter dem Motto „Erst kurten, dann sturten“. Das fand ich damals so cool, dass wir mit einem Transparent mit der Aufschrift „Nur Gutes trägt den Namen Kurt“ auf eine Wahlkundgebung der „Guten“ gekommen sind. OK, war die Hölle los, so um die 50 Freaks, hat aber der guten Stimmung keinen Abbruch getan.

Kurt wurde dann leider nicht gewählt, sondern Stephan, der auf Platz 2 war. Und der hat dann so eine gute Arbeit geleistet, dass er eben bis 2020 im Stadtrat saß und vermutlich die Kultur in Nürnberg gerettet hat.

Ich hatte in den 80ern mit ihm zusammen im „Kunstverein“ Hintere Cramersgasse gearbeitet. Eine abrissreife Baracke mit einer Pissrinne im Garten, einer „Küche“ bei der es wichtiger war, dass immer genug Bier da war – Kanone Bräu, Schnaittach – als irgendwas anderes. Zum Essen gab es Schmalzbrot. Wenn man Dusel hatte, hatte der Küchendienst vom Vortag dran gedacht, das Schwarzbrot auf die Schnittfläche zu stellen. Hing extra ein Zettel daneben. Das Publikum war eher von der schrägen Sorte, Kiffer, Künstler, Kaoten. Eines Tages kam einer daher, und hat mir erzählt, dass er aus dem Lebensborn der Nazis sei. Und jetzt arbeitet er bei der Bundesanstalt für Arbeit. Blond und blauäugig war er. Und er hat ganz flott geschluckt.

Wie gesagt: Grosse-Grollmann war damals dabei und hat seine Kurzfilme gezeigt. Subversive Kunst. Und weil der Kunstverein in seiner Baracke ja, soweit mir bekannt war, keine Miete gezahlt hat, nur Strom und Wasser, und das eher so unregelmäßig, war der Laden dauernd auf Abruf. Und natürlich waren die Nachbarn nicht so scharf auf die seltsamen Typen, die da rumhingen und Krawall machen, wobei das Viertel damals selbst nicht viel vertrauenerweckender war.

Also vor dem Hintergrund einfach mal bei Stephan reinkucken und ein bisschen 80er und 90er Schnuppern. Und wenn man dann genug von der Kunst hat, es gibt noch Ralf Schuster, der damals auch seine Filme im Kunstverein gezeigt hat. Dem sein Zeug ist zu großen Teilen auf YouTube zu sehen. Aber Vorsicht. Trash.

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