Überlegenheit schriftlicher Quellen

Ich bin ja gerade am Überarbeiten des Buches zum Kriegsende in Nürnberg. Habe ich ja schon öfter geschrieben. Und in diesem Buch werden reihenweise Namen und Daten genannt. Viele davon waren bei den Ereignissen maßgeblich beteiligt, sind aber unmittelbar danach in der Versenkung verschwunden. Entweder weil sie ziemlich Gauner waren und keinerlei Interesse an spezifischem Nachruhm hatten, oder tot oder beides. Ein paar haben ihre Zeugenaussagen zwangsweise zu Protokoll gegeben und dabei natürlich ihre eigene Beteiligung an irgendwelchen Schurkereien heruntergespielt oder einfach frech gelogen – oder beides.

Soweit ist das alles nichts Besonderes.

Ich hatte seinerzeit wirklich viel Material aus dem Stadtarchiv abgeschrieben und viel davon nicht verwendet, so dass ich jetzt noch viele Zusatzinfos verwursten kann, die im Buch von 1995 keinen Platz gefunden hatten.

Aber, wozu hat man Internet, natürlich wird zu allen möglichen Leuten gegoogelt, was das Zeug hält. Und was passiert? Man findet kaum jemand. Die Leute sind wie vom Erdboden verschluckt. Wenn ich damals nicht Adressbücher und Sterbeanzeigen gewälzt hätte, wären die ganzen Leute im Papierwust des Stadtarchivs begraben worden. Was nicht im Internet steht, existiert nicht. Hat es nie gegeben.

Besonders hartnäckig habe ich nach Major Sponholtz gesucht. Heinz Sponholtz, später „Direktor Heinz Sponholtz“. Er ist nicht zu finden. Nicht im Internet – oder doch? Auf „gedenk-tafel.de“ finde ich einen langen Artikel.

Aber warte mal…. den Text kenne ich doch. Richtig. Da hat jemand den Artikel aus meinem Buch von 1995 abgetippt und ins Netz gestellt. Selbstreferenzierende Recherche.

Wenn ich mir jetzt noch überlege, dass ich in diesem Buch viel weggelassen habe – die neue Version ist fast doppelt so dick – und dieses Buch wohl die einzige Erwähnung dieser Vorkommnisse ist. (Es gibt noch ein zweites Buch, das von einem Beteiligten der Kämpfe geschrieben wurde und der – siehe oben – eher daran interessiert war, ein Heldenepos der Wehrmacht zu stricken. Man schreibt ja eher nicht so gerne, dass die ganzen Kumpels oder man selbst stiften gegangen sind.)

Und jetzt kommt die KI, die mir aus den winzigen Schnipseln aus dem Netz irgendwas zusammenfaselt.

Papier ist der Datenträger der Zukunft.

Ach ja, das Foto – das ist die alte Stadtbibliothek in Nürnberg. Da waren sie 2010 der Meinung, sie müssten alles abreißen, was nach 45 gebaut wurde und das neu hinbasteln. Tscho. Schon sieht’s original wie nach dem Krieg aus.

One Reply to “Überlegenheit schriftlicher Quellen”

  1. Im aktuellen „Allianz Commercial News & Insights“ Risiko-Bericht ist die KI auf Platz zwei der größten Risiken für Unternehmen hochgeschnellt. Nur Cyber-Kriminalität wird als noch größeres Risiko bewertet.
    Dabei geht es nicht nur um KI-„Angriffe“ von außen, sondern ganz besonders auch um die eigene Nutzung:
    „Risiken für Unternehmen birgt dabei auch die ganz legale Verwendung von KI-Software durch die eigenen Mitarbeiter und Führungskräfte – etwa, wenn sie auf Basis falscher Daten und Informationen falsche Entscheidungen treffen.“

    …nur mal so nebenbei…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert