Essay: Wissen und Imagination

Es gibt Wissen. Zum Beispiel dass die Erdbeschleunigung 9,81m/s² beträgt. Und die Vorstellungskraft, was das bedeutet. Dass eben Dinge fallen. Und zwar völlig wurscht, welche Art von Dingen. Bogdanov hat in seinem SF-Roman „Der rote Planet“ eine Masse postuliert, deren Gravitation negativ ist. Kann man machen. Ist ja Science Fiction. Man füllt ausreichend von dieser Masse in einen Flugkörper und schon schwebt der, bzw steigt nach oben. Damit das Ding nicht dauernd an der Decke klebt, packt man Ballastsäcke rein. Soweit alles logisch und nachvollziehbar und von mir aus mit der Vorstellungskraft eines Autors von 1905 auch vereinbar. Antrieb per Elektromotor und Luftschraube. Spitzengeschwindigkeit 240km/h.

Problematisch wird es, wenn Ballast abgeworfen wird. Was passiert? Das Ding steigt. Und wie kriegt man das dazu, wieder aufzuhören zu steigen? Da schweigt sich der Autor aus. Die Maschine fliegt in mehreren hundert (!) Meter Höhe über die Landschaft und wird dabei natürlich nicht entdeckt. OK, kann man postulieren. Aber dann „sinkt das Gefährt langsam zu einem Gebäude hinab“. Ja wie denn? Trag- und Steuerflächen hat’s nicht und die wären auch nur dann wirksam, wenn sie mit nennenswerter Geschwindigkeit angeströmt werden. Die Geschwindigkeit über Grund ist aber nahe Null. Urteil: grober Denkfehler. Ballone haben Gas oder Heißluft abgegeben um zu sinken. Zeppeline pumpen das Traggas in Drucktanks um. Die „Anti-G-Masse“ ist aber eine Flüssigkeit und entwickelt ihren „Auftrieb“ aber nicht aufgrund von Dichtedifferenz zur Außenluft.

Farmer hatte ich ja gestern erwähnt. In dem Buch baut Samuel Longhorn Clemens einen hundert Meter langen Mississippi-Steamer aus Stahl. Dafür hat er innerhalb weniger Jahre ein Hüttenwesen, eine Chemieindustrie und eine Elektronikindustrie aus dem Boden gestampft, die Funkgeräte bauen kann und die Zivilisation kurz vorher noch auf einem Level war, in dem ein Steinzeitmensch das technologisch fortgeschrittenste Wesen war, weil er eine Steinaxt bauen konnte, die scharf und haltbar war. Völliger Quark, aber akzeptieren wir es mal. Der fertige Elektro-Schaufelradkahn fährt dann 50 Meilen pro Stunde. Und da war bei mir der Ofen aus. Das Buch (Zweiter Band) ist in den 70ern geschrieben worden. Da war der Begriff „Rumpfgeschwindigkeit“ ein alter Hut. Ein Hundert-Meter-Verdränger fährt maximal 24 Knoten. Wenn man Schiffsschrauben annimmt, dann hätte man noch über einen Halbgleiter diskutieren können. Aber Schaufelräder? Die Delta Queen, die 1927 vom Stapel lief, schaffte 10 Knoten. Ganz abgesehen davon, dass Schaufelräder bei hohen Geschwindigkeiten im Wasser schlicht zerlegen. (Und natürlich für Elektromotoren so ziemlich die dümmste Art der Kraftübertragung sind.)

Aber das ist doch eh Fantasy und einfach nur eine Abenteuergeschichte? Farmer hat selbst bestritten, dass das ein Abenteuerroman sei. Und so absurd eine SF-Geschichte sein mag – jede Geschichte lebt davon, dass sie glaubwürdig ist. Dass die Charaktere glaubwürdig handeln, dass das Umfeld im gegebenen Rahmen konsistent ist. Wenn es alle paar Seiten an simplen physikalischen Gesetzen hapert, dann holpert es bei mir.

Ich empfehle dazu den Text, den C.S.Forrester über seine Hornblower-Bücher geschrieben hat. Der hatte eine Bibliothek, in der tatsächlich offizielle Berichte aus den Koalitionskriegen standen. Schiffsregister, Seekarten, Verpflegungslisten, sogar Wetterberichte. Wenn er wissen wollte, ob ein bestimmter Schiffstyp Kanonen auf dem Vordeck stehen hatte – konnte er nachkucken. Und – verblüffend – er hat es getan. Seine Bücher waren so realistisch, dass er ein Schreiben eines Historikers bekam, der ihm mitteilte, er habe gewusst, dass bei der Belagerung von Riga seinerzeit englische Schiffe beteiligt gewesen seien, aber es würde ihn interessieren, woher er die genauen Informationen habe. Es war Forrester peinlich, antworten zu müssen, dass er diesen Einsatz frei erfunden habe. Und dabei doch der Wahrheit so nah gekommen war.

Worauf will ich hinaus?

Je mehr man weiß, desto schwieriger wird es, schlampig gemachte Geschichten zu akzeptieren. Was bei der Beobachtung von Fotoinfluencern noch lustig ist, wird bei der Lektüre von Regierungspresse schmerzhaft. Und wenn man Unterhaltungsliteratur genießen will, fühlt man sich betrogen. Denn ganz offensichtlich hat der Autor die Mühe gescheut, sich schlau zu machen, bevor er über etwas geschrieben hat. Es ist natürlich in Zeiten, in denen man Verlagsverträge bekommt, die jedem Mindestlohn Hohn sprechen klar, dass man ertragsoptimiert schreibt. Wie mir ein Herausgeber mal sagte: „Die Leute sollen die Bücher nicht lesen. Sie sollen sie kaufen!“ Sprich: Man braucht ein paar Literaturinfluencer, die das Buch hypen, es muss dick genug sein, dass die meisten es zwar kaufen, aber nicht lesen und es muss Sex und Crime und einen Lokalbezug haben, so dass das Publikum, das das Buch tatsächlich kauft und auch liest, vor lauter Wiedererkennungswert und Spannung die ganzen handwerklichen Fehler nicht mitbekommt.

Seit Carlo Manzonis „Superthriller“ sind eigentlich alle Privatdetektiv-Krimis so gründlich veralbert worden, dass es mich immer wieder wundert, dass es noch Leute gibt, die tatsächlich Krimis kaufen. Die kennen vielleicht Manzoni nicht. (Die Taschenbücher sind seit Jahren vergriffen, Bezos verschenkt einige Bände auf Kindle oder will für die dünnen Bändchen 35 Euro als Paperback. ) Meine Empfehlung: Gebrauchtkauf über Eurobuch.com. Ein Euro pro Band.

Wer schon mal in Rocksdorf war, kennt meine „Bibliothek“. Da stehen ein paar Tausend Bände drin, von Adams bis Zola, Anthologien und ganze Stapel Fachbücher zu Geschichte und Technik. Immer wieder greife ich mir ein Buch raus, sehe, ob es noch relevant ist und verfrachte es, wenn nicht, ohne Bedauern in die Telefonzelle.

Es gibt den Spruch „Ein Buch, das es nicht wert ist, ein zweites Mal gelesen zu werden, hätte man sich beim ersten Mal auch schon sparen können.“ Und immer wieder habe ich so ein Ding in der Hand und denke mir „Wie ist das durchs Lektorat gekommen?“. Und je mehr ich mich mit Dingen beschäftige, desto anspruchsvoller werde ich .

Zerstört nun Wissen die Phantasie? Ich behaupte, nein. Je mehr man weiß, desto tiefer wird das Verständnis von Prozessen. Wer weiß, wie ein Segelschiff funktioniert, braucht nur wenige Sätze um sich ein Bild von den Vorgängen zu machen. Die Handlung kann zügig voranschreiten, man ist sehr schnell „drin“. Ich habe mal einen „Kater“-Krimi gelesen. Da fuhr der Ermittler einen 2CV. Das fand ich supercool bis zu dem Moment, an dem der Ermittler das Handschuhfach des 2CV öffnete. Ein 2CV hat kein Handschuhfach, das man öffnen kann. Ein „Griff in die Ablage“ hätte es genau so getan, wenn der Beifahrer nicht sehen darf, was da liegt, gibt es auch eine Ablage links.

Manzoni hat bei seinem Chico Pipa kurzerhand auf jeden Markendrop verzichtet und ihn in einem „Blimbust“ durch die Gegend karriolen lassen. Da kann sich jeder was bei denken und keiner kann sich beschweren, dass in einem echten Blimbust aber keine zwei Leute in den Kofferraum passen. Sie passen.

Phantasie und Wissen schließen sich nicht aus. Aber Wissen lässt einen kritischer werden gegenüber Billigkeiten. Denn natürlich ist es einfacher, beim Leser auf bereits etablierte Bilder zuzugreifen. Eben einen 2CV. Jeder verbindet damit etwas und schon muss man das nicht mehr beschreiben. Wenn ich dagegen ein eigenes Fahrzeug erfinde, muss ich dem einen eigenen Charakter geben. Aufwendig. Wenn ich eine Handlung in Paris oder Venedig spielen lasse, rufe ich Bilder hervor. Dann muss ich aber auch im Bild bleiben und wenn ich eine Verfolgungsjagd über den Markusplatz veranstalte, dann kann der Verfolgte nicht einfach in einen Kanal springen. Der Markusplatz grenzt an keinen Kanal. Und hinter den Markussäulen ist die Lagune – genauer die Bacino San Marco.

Autoren die auf solche Kleinigkeiten achten, haben nicht umsonst Erfolg. Ein Autor von Ostfriesenkrimis baut als Running Gag sogar ein real existierendes Cafe in seine Krimis ein. 20 Bände, abonniert auf Spiegel Bestseller Autor. (OK, absolut nicht mein Geschmack, für mich unnötig viele Handlungsstränge und papierdünne, stereotype Charaktere, aber schreiben kann er.)

Und Adams? Der Anhalter? Der hat doch mit Physik so absolut gar nichts am Hut? Ich halte den Anhalter für eines der wichtigsten philosophischen und gesellschaftspolitischen Werke der letzten hundert Jahre. Der ganze SciFi-Klimbim dient nur dazu, einen Rahmen zu schaffen um die verschiedenen Konzepte zu klammern. Natürlich ist eine Kuh, die so gezüchtet wurde, dass sie es toll findet, gegessen zu werden und ihr eigenes Hüftsteak anpreist, eine biologische Unmöglichkeit, Aber dieses Konzept geht eine halbe Seite und es hat diese „Jo, wie ist das eigentlich mit den Viechern. Und was hält der Salat davon, wenn wir ihm die Blätter ausreißen?“ – Nummer, die einen kurz innehalten lässt und diesen Kern hinter dem Absurden hervorblitzen sieht. Man kann sich damit auseinandersetzen oder es bleiben lassen. Aber im Hinterkopf bleibt die Kuh und der Salat.

Wissen und Phantasie sind keine Gegensätze. Sie sind Brüder. Und Nichtwissen macht halt doch was. Wenn ich über Konzepte Bescheid weiß, kann ich Problemlösungen erarbeiten. Egal ob es eine Problemlösung für ein mechanisches Problem an einem Motor ist, oder es sich um eine Problemlösung für ein gesellschaftspolitisches oder ein Marketingproblem handelt. Um eine solche Problemlösung zu entwickeln, brauche ich Phantasie, weil ich Dinge neu denken muss. Und Wissen, um entscheiden zu können, welche Lösungen in der Vergangenheit suboptimal waren und welche Mittel mir überhaupt zur Verfügung stehen.

Phantasie ohne Wissen ist im schlimmsten Fall gefährlich. Wissen ohne Phantasie ist tot.

Bilder: Hohentwiel 1950, MS Louisiana Star Hamburg 2010, Ludwig Fessler 2019. Bei der MS Lousiana Star ist das Heckrad lediglich Show. Das Schiff ist 54 Meter lang und wird mit Schrauben angetrieben. Hohentwiel 56 m lang 16,7 kn, Ludwig Fessler 53 m lang 14 kn.

6 Replies to “Essay: Wissen und Imagination”

  1. Weshalb Denkfehler? Im Roman „Der rote Planet“ kann sich die Besatzung doch von einem Teil ihrer „Anti-G-Masse“ trennen, indem sie sie aus dem Fenster wirft. Sie fällt dann zwar nicht zur Erde, sondern schwebt nach oben davon.
    Dann sinkt das Gefährt.
    Oder habe ich jetzt einen Denkfehler?

  2. „ Es gibt den Spruch „Ein Buch, das es nicht wert ist, ein zweites Mal gelesen zu werden, hätte man sich beim ersten Mal auch schon sparen können.“ “

    Yup.

    Zu „Per Anhalter durch die Galaxis“: für mich spielt das Buch nur in einem Science Fiction Umfeld, damit uns Douglas Adams das skurrile Verhalten (diplomatisch ausgedrückt) unserer Gesellschaft aus einer komplett anderen Perspektive unter die Nase reiben kann.
    In diesem Sinne: lass uns mit dem BistrOmatic Antrieb zum Restaurant am Ende des Universum fliegen und dort als Apéro einen Pangalaktischen Donnergurgler zu uns nehmen.

    Und NIE, NIEEE einen Gedichtband der Vogonen lesen!

  3. Was mich am Hitchhikers Guide erschreckt, ist die Vorwegnahme der Dinge, die uns KI heute beschert. Angefangen mit dem Computer der Heart of Gold, der es erst nach einem ellenlangen Prompt schafft, trinkbaren Tee zu erzeugen und dazu unmengen an Energie verbraucht über die Aufzüge, die in die nähere Zukunft sehen um rechtzeitig da zu sein, wenn jemand fahren will.
    Was mich an diesem Buch beruhigt ist der Eintrag im Guide, der durch einen Zeitsprung in die Gegenwart gelangt und die Leute, die all diese Geräte erdacht und verkauft haben als die ersten an der Wand beschreibt, als die Revolution kam. Es besteht also noch Hoffnung 😉

    1. Jaja , die Lifte der Sirius Corporation…
      Oder Zaphod Beeblebrox, der durchgeknallte Präsident der Galaxis, der nur dazu da ist, von den wahren Mächtigen abzulenken. Die Ähnlichkeit zu einer mal stabilen und mit uns befreundeten Grossmacht ist natürlich rein zufällig.

      Dafür gefällt mir die Idee mit der riesengrossen Rakete, mit den Telefondesinfezierern und Werbeassistenten, die als erste „flüchten“ durften. Ich hätte eine ziemlich grosse Liste, um so eine Rakete zu füllen.
      Und ein paar speziell ausgesuchten Individuen wünsche ich ausführliche Gedichtsvorträge der Vogonen an den Hals. 😉

        1. Es reichen schon die Putztücher. Hab ich wirklich einmal in natura gesehen. Ist schon schräg, was die Menschheit so erfunden hat.

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