React: Docma – Kameramarktanalyse

Thomas hat mich mal wieder auf einen Artikel aufmerksam gemacht: Christoph Künne von Docma hat sich über die Entwicklung des Kameramarktes ausgelassen. Die Firma, die er da als kurz vor der Pleite darstellt, ist – Nikon. Weil die einen operativen Verlust von 100 Mrd Yen gemeldet hätten. Und in der Prognose ihre Absatzzahlen um 50.000 Kameras und 100.000 Objektive nach unten korrigiert haben.

Der Aktienmarkt ist jetzt nicht so ganz der Meinung von Herrn Künne, Nikon steht auf 10,48 Euro, Das ist eine Steigerung in den letzten sechs Wochen von 9,26 Euro um lockere 13%. Das „High“ von Nikon in den letzten fünf Jahren lag bei 12,31 Euro im Juni 2022. Das „Low“ am 12.März 2021 mit 7 Euro.

Dabei ist eigentlich ein Verlust von 100 Mrd. Yen bei einer Marktkapitalisierung von 657 Mrd. Yen dramatisch. Ist den Tradern aber offensichtlich wurscht.

Künne macht nun in seinem Marktüberblick die zunehmende Nachfrage nach Kompakten an dem Wunsch nach dem „Unperfekten“ fest, einer nostalgischen Sehnsucht nach „der Bildsprache der 90er“. Den Grund für den Einbruch der Margen macht er an der Notwendigkeit von Rabatten fest.

Und die Aufgabe der Kameraindustrie sei, die Frage zu beantworten „welchen Wert bietet eine dedizierte Kamera in einer Welt überflüssiger Bilder?“

Vielleicht wäre es praktisch gewesen, sich mal mit den Leuten zu unterhalten, die Kompakte kaufen.

Jemand, der eine Kompakte kauft, interessiert sich einen feuchten Kehricht für die „Bildsprache der 90er“ – was auch immer das sein soll. Der will eine Knipse haben, die einen halbwegs brauchbaren, optischen Zoom hat, einen Auslöser, Knöppkes um das Ding zu bedienen und einen AF-Punkt, mit dem man auf irgendwas zielen kann. Einhandbedienung. Speicherkarte zum Wechseln. Wenn man’s ausschaltet ist das Ding aus und steckt dann in der Jacken- oder Handtasche, ohne unangenehm aufzufallen. Und wenn man’s braucht, schaltet man es ein, muss nicht erst Passwörter oder Pentagramme eingeben und kann die Knipse auch mal wem anders geben „mach mal ein Foto von mir“, ohne dass man Sorge haben muss, dass der auf den Chat mit Chantalle stößt.

Warum sinken die Margen? Warum können die Kamerafirmen ihre Preis nicht mehr durchsetzen? Weil die Kameras nicht besser werden. Die neue Kamera kann nicht mehr als die vorherige Kamera, was sie mehr kann, braucht entweder niemand, oder es ist eigentlich nur ein Firmwareupdate. Die Firmen bauen nur „MeToo“-Produkte. Die Konkurrenz hat da gerade was auf den Markt gebracht, was sich gut verkauft? Bauen wir auch. Der First Mover kann hohe Preise durchsetzen, alle anderen müssen über den Preis verkaufen. Das bedeutet Rabatte. Die Produktionskosten sind aber bei den meisten Kameraherstellern gleich – wer billiger verkaufen will, braucht entweder große Stückzahlen oder akzeptiert schlechtere Margen.

Welche Kameras werden wie blöde verkauft? Die Fuji X100VI. Die Sigma BF. Die Ricoh GRIV Monochrom. Oh – Fuji und Sigma sind sofort ab Lager lieferbar. Die Fuji gibt’s schon mit einem Akku gratis. Der Hype ist rum. Denn siehe da: beide Kameras sind „cool“ – aber im Vergleich zu ihrem alltäglichen Nutzen eben absurd überteuert. Die OM-3: beschränkter Hype in der Community, mittlerweile ab Lager mit fettem Rabatt lieferbar – zu teuer für den Nutzen.

Das ist das Problem. Die Kameras aller Hersteller unterscheiden sich nur marginal, man muss Pixelpeepen um den Unterschied zu sehen – und wer eine zehn Jahre alte Kamera hat, der verwendet sie und niemand merkt das. Seitdem die Innovationsmaschine Olympus den Rest der Branche nicht mehr vor sich hertreibt, dümpeln die vor sich hin. Was ist der Vorteil der drei genannten Hype-Kameras? Sie tun so als ob. Die X100VI tut, als wäre sie analog, die Sigma tut, als wäre sie futuristisch – in Wirklichkeit ist das mittelmäßige Technik in einem unbedienbaren Gehäuse zu einem absurden Preis – und die Ricoh ist eine Kompakte mit weniger Möglichkeiten, dafür dem doppelten Preis. Aber Coool.

Das ist das Problem der – japanischen – Kameraindustrie. Pentax baut eine Halbformatkamera mit fest verbautem Dreilinser mit f/3,5. Kein Autofokus, kein Fokusring, dafür ein paar feste Fokusbereiche. Kein Spiegel. Glassucher ohne irgendwas. Plastegehäuse. Vergleichbare Kameras kriegt man bei Nachlässen im Dutzend nachgeworfen. Pentax will dafür 550 Euro haben. Aber sie sind sich nicht zu schade, zu behaupten, das mit dem Halbformat sei deshalb, weil die Studenten, die sich die Kamera kaufen, kein Geld für Film hätten. Das würde doch sparen. Und das Hochformat im Querformat seien die Studis ja von ihren Smartphones gewöhnt.

Das Problem ist, dass die japanischen Kamerahersteller ihre Kunden für Trottel halten, weil sie ihren Mist an Fanboys loswerden. Nur fangen die halt mit sinkendem Kontostand an, nachzudenken.

Und wenn jetzt die bösen Chinesen kommen und Kameras und Objektive auf den Markt bringen, die Dinge können, von denen die Kunden immer nur träumen konnten, weil die japanischen Kamerahersteller auf entsprechende Nachfragen immer nur „we consider“ geantwortet haben, dann ist es nicht so sinnvoll, den Grund darin zu suchen, dass die Kunden Sehnsucht nach der „Bildsprache der 90er“ hätten. Nein. Sie hätten nur gerne einfach gewusst, warum zum Henker sie einen Monatslohn für ein technisches Spielzeug ausgeben sollen, das nicht mehr kann, als die drei Trümmer, die sie schon im Schrank haben.

Und ja, wenn man als Kunde eines großen Kameraherstellers vor ein paar Jahren richtig Geld investiert hat, um ein gaanz tolles System aufzubauen – und dann vom Hersteller seiner Wahl freundlich aufgefordert wird, den ganzen inkompatiblen Krempel zu entsorgen und alles neu zu kaufen, nur damit der gleiche Markenname drauf steht – dann kriegt man das große Kopfkratzen. Denn die häusliche finanzministernde Person fragt dann schon mal dezent nach „Was genau kann dieses neue Spielzeug besser als das Alte?“ und „Wie genau lautet der Grund, dass nicht mal zuerst mein Spielzeug an der Reihe ist?“

Künne argumentiert aus einer Warte, die negiert, dass die Mehrzahl der Kunden Kameras kaufen, um ihr persönliches Leben damit zu dokumentieren. Die nehmen nicht an Wettbewerben teil, die posten nicht auf 500pix, flickr und Fotocommunity und schon gleich gar nicht bei Docma. Die knipsen im Urlaub und auf Familienfeiern. Denen ist die Bilderflut auf Social Media völlig Wumpe und die KI-Erstellung von Fotos egal – denn sie wollen ein Foto ihres Sohnes und nicht ein KI-generiertes Ding von irgendwem. Ob sie das mit Handy, Kompakter oder Systemkamera machen, ist egal. Die Kamera muss zur Hand sein und das Bild muss für’s Familienalbum passen. Genau deshalb stehen ja an den Selfiespots die Leute Schlange. Sie wollen das Bild selber machen, piepegal, dass es davon schon ne Million gibt.

Ich sehe es bei meinen Seminaren: Fotos mit Blitzanlage im Studio, Modelfotografie. Das sind alles Dinge, die völlig jenseits der Lebenswirklichkeit des durchschnittlichen Fotografen liegen. Man fotografiert, was nicht davonläuft. Die Streetfotografen – wenn die ihre Ergebnisse im eigenen Umfeld präsentieren, dann wird gefragt „Wer ist das?“ „Kenn ich nicht.“ „Aha, warum haste den dann geknipst?“ „Das ist Kunst!“ „Ah ja…. Du, ich muss jetzt ganz dringend, Du weißt schon, der Babysitter.“. Warum mache ich trotzdem Modelfotografie im Studio? Weil ich da Effekte zeigen kann. Licht. Umgang mit Menschen vor der Kamera. Dinge lernen, die man dann in die persönliche Wirklichkeit übertragen kann. Einige sind beleidigt, weil sie gedacht haben, ich stelle ihnen ein Model hin, das vorturnt und das sie nur abknipsen müssen um dann im Fotoclub damit flexen zu können. Aber die meisten verstehen, dass es darum geht, Abläufe zu verstehen, Licht zu verstehen, Menschen zu verstehen. Fotografie zu verstehen.

Und siehe da, da braucht man keinen dreitausend-Euro-Boliden dafür. Da tut es eine E-PL7.

Und das ist die Krise der Kameraindustrie. Seit einem Jahrzehnt gibt es keinen Fortschritt.

Sollten die Chinesen Fortschritt liefern, ist es mit den verkappten Firmwareupdates aka „Neues Modell“ vorbei. Und dann hat Nikon wirklich ein Problem. Und ein paar andere auch.

2 Replies to “React: Docma – Kameramarktanalyse”

  1. Der fehlende Fortschritt ist einer der Gründe, warum ich keine neuen Kameras oder Objektive kaufe. Ich hab sogar zwei e-pl8, da ich die Kamera als äußerst vielseitig halte. Mit vf4 lässt sich mit ihr wunderbar fotografieren, und wenn es nur ein Spaziergang ist, reicht das kleine Kit-Zoom. Auch bei unseren Fotowettbewerben im VHS-Kurs kann ich dabei mithalten. Wozu mehr Technik?

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