
ich habe ja im Sommer schon mal nen kurzen Bericht zur GBK gebracht. Diesmal wird es etwas länger, weil ich über Dinge sprechen will, die – obwohl mit Pinsel und Bronze produziert – durchaus mit Fotografie zu tun haben. Zuerst noch zum Rahmen: Es war die Winterausstellung der Gemeinschaft Bildender Künstler in Straubing. Diesmal im Schiffmeistersaal des Salzstadels
Fangen wir mit Simon Dorfner an. Der hat zwei Bronzen und ein großformatiges Porträt auf die Ausstellung gebracht.

Das war die eine Plastik. „Ohne Titel“, im Katalog mit 6000 Euros. So in etwa lebensgroß. So weit ich weiß, noch nicht verkauft, also wer will… Gegenüber dann das Bild von Dorfner:

Gut raumfüllend. zwofuffzich hoch etwa. Mischtechnik. Was fällt auf? Winzige Ohren. Überdimensionale Lippen, kleine Stirn. Und ja, natürlich die Farbe und die schorfähnlichen Strukturen. Das Bild wirkt extrem intensiv – und zwar nicht nur im Originalformat, sondern auch hier. Der Grund: es ist aus einer Entfernung aufgenommen, aus der man ein solches Gesicht mit dem Bildwinkel des normalen Auges gar nicht erfassen kann und diese Entfernung ist weit unterhalb der „Wohlfühlentfernung“. Man kommt einem Gesicht also nur in einem sehr intimen Moment so nahe – und dann sieht man es nicht so.
Also habe ich das 11-22 auf die Kamera und bin auf seine Bronze losgegangen:

Was fällt auf? Die Ohren fehlen. Ansonsten ist es fast das gleiche Gesicht. Nachfrage beim Künstler: Es ist die gleiche Person. Die Perspektive erklärt, warum die Ohren so seltsam angeklebt wirken – sie sind normalerweise nicht sichtbar – oder doch? Die Einzellinse direkt vor der Nasenspitze zeigt die Ohren nicht. Doch unser Augenabstand sorgt dafür, dass wir selbst bei kurzem Abstand beide Ohren sehen. Zwar jeweils mit dem einen Auge nur ein Ohr und deshalb auch nicht Stereo, aber sie sind da. Allerdings tut man sich schwer, sie zu fokussieren.
Was schließen wir daraus? Der Künstler hat nicht etwa ein Foto einfach vergrößert, sondern er ist tatsächlich seinem Model auf die Pelle gerückt.
Nun könnte man glauben, man könne dann doch einfach ein Stereophoto machen und schon hat mein ein Foto mit zwei Ohren – nur sind die Ohren nicht in Stereo, weil sie ja eben nur von einer Linse gesehen werden. Damit wir beide Ohren durch die Kamera sehen, brauchen wir eine Stereobasisbreite von etwa zehn Zentimetern. Das funktioniert aber nicht bei einem Motivabstand von kaum mehr als 20cm. Wie im richtigen Leben.
Wir sind also an einem Punkt, an dem wir die Überlegenheit der künstlerischen Imagination anerkennen müssen. Und die Überlegenheit des Pinsels.
Ach ja. Natürlich gibt es eine Möglichkeit, trotz extrem engen Abstand beide Ohren draufzukriegen. Ein Objektiv mit riesiger Frontlinse. Größer als das Motiv. Und kurzer Brennweite. Und am besten objektseitig telezentrisch. Dann geht das.
Morgen kommt dann der nächste dran….
À propos „Überlegenheit“ des Pinsels. David Hockney hat mal was interessantes dazu gesagt:
hxxps://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/interview-mit-david-hockney-die-fotografie-ist-am-ende-a-389005.html
Vor 20 (!!) Jahren.