Ain’t no man alive can handle me

Schon mal was von „Bertha Mae Lightning“ gehört? Oder den „Dustline Wanderers“? Nicht? Das sind Bluesmusiker aus den 30ern und 50ern, die rauschfreie, tolle Songs aufgenommen haben, vollständig vergessen sind und dann ist irgendwo ein Mono-Tape aufgetaucht und Zack – YouTube-Hit.

Die dazugehörigen Fotos haben Sepiastich, oft tollen Weitwinkel, und im Zweifel sitzt irgendein Bluesneger in abgerissenen Klamotten mit runtergerockter Klampfe zwischen zugewachsenen Schienen.

„Von den kurvenreichen Nebenstraßen Mississippis bis zum Golf von Mexiko vereint Dustline Wanderers seltene Blues-Aufnahmen aus den vergessenen Ecken des Delta South der 1930er Jahre. Diese Songs wurden in Städten aufgenommen, in denen die Straßen unbefestigt waren, die Nächte lang und das einzige Publikum der offene Himmel.

Von der Reise müde Stimmen, abgenutzte Gitarren und Geschichten, die in jeden Akkord eingraviert sind – das ist der Sound von Männern und Frauen, die an der Straße lebten und sangen, um zu überleben. Jede Aufnahme ist ein Fragment der Geschichte: roh, ungeschliffen und lebendig mit Staub, Sehnsucht und der Seele eines Wanderers.“

Knüllllller!

Das Bild zu Bertha Mae Lightning zeigt eine Frau mit geschätzten 150 Kilo – nur die Stimme passt nicht so richtig dazu. Dafür hat sie auf dem Bild sechs Finger an der rechten Hand und drückt mit allen verfügbaren Fingern der linken Hand die tiefe E-Seite auf Gis. Der Hals der halbakustischen Gitarre hat seltsame Bünde, seltsame Fehlstellen, eigentlich könnte es eine Gibson ES-335 von 1958 sein, nur fehlen die charaketerischen F-Löcher und dafür hat das Ding einen fetten Regler zu viel und am Kopf steht nicht „Gibson“ sondern irgendwas, was wie „Willy“ aussieht. Und die Buchse für das Kabel ist an der falschen Stelle.

Ja. KI. Komplett. Alle diese „Künstler“ gibt es nicht. Nichts davon. Gab’s nie. Wer dachte, da wäre ihm als Bluesfan echt ein Talent entgangen. Nö. Wer Sound aus den 30ern hören will, fange mal bei Huddie Ledbetter an. Auch unter Leadbelly bekannt. Der hat auch politische Songs gemacht. Da haben sie am Smithsonian Institut erheblich geackert, um das Lied vom Sound her zu verbessern.

Wer sich fragt, woran man erkennt, was von Menschen gemacht ist, einfach anhören.

Ach ja, und wegen der Bertha Mae Lightning – da gibt’s auch was „Echtes“: Etta James.

Es gibt mittlerweile Leute, die die KI-„Blues“-Musik ziemlich rassistisch und respektlos finden. Da werden Stereotypen bedient um Fahrstuhlmusik zu produzieren. Seichtes Gedudel. Mit blödsinnigen, sinnentleerten Texten. Ein paar Schwarze als Staffage davor geklebt um so zu tun, als wäre das irgendwie „Working Class“ oder so.

Ich bin heilfroh, wenn solcher Mist ab August 2026 bei uns klar gekennzeichnet werden muss.

Ach ja, das Titelbild. Das ist Willetta Carson aus Chicago, im Dezember 2002, damals noch mit den HotSkills. (Die Episode hat sie in ihrer Bio schamhaft verschwiegen, aber ich habe das Demo von damals noch und ein paar Fotos. .) Alles Echt. Nix KI.

3 Replies to “Ain’t no man alive can handle me”

  1. Solche Musik ist mir auch schon begegnet. Man hat mir einen Blues-Stream empfohlen, nur hat mich die Musik dort seltsam unberührt gelassen. Ich habe trotzdem nach den Interpreten gesucht und keine weiteren Hinweise gefunden. Auf dem ganzen Album war kein Ton eines Pianos zu hören, aber auf dem Cover der erwartbare Blackman am Piano. KI weiss halt nicht, wie ein Piano klingt, nur dass oft in Bluesbands eines steht. Reine Gitarrenmusik geht für die KI auch mit Piano. Selten ist mir Verzicht so leicht gefallen.

    Es gibt eine ganz einfache Möglichkeit, dem KI-Gedudel zu entfliehen: Plattenladen. Manche gehen allerdings hin, hören Probe, klauen das Booklet und kaufen die Musik im Internet.

    Wenn man immer wieder hingeht, kann es sein, dass man gelegentlich eine Mail bekommt mit dem Hinweis, dass für einen wieder eine Schachtel mit ausgewählten, reservierten Alben bereit steht, falls man wieder mal Lust hat, vorbei zu schauen. Dann kann man echte Raritäten und Neues entdecken. Allerdings gehört dazu, dass man extra hinreist und nicht zuckt vor der Kasse. Noch gibt es solche Läden. Gerade alte Bluesaufnahmen klingen manchmal richtig gut, weil sie noch nicht totkomprimiert sind wie heutige Aufnahmen oder manche CD-Neuveröffentlichung. Mit einer guten LP-Waschmaschine geht es auch ohne Knistern. Ein bisschen wie Fotografieren mit Film, nur ohne dunkel und Gestank.

    1. zum Thema Platten waschen kann ich Gläss empfehlen. Der reinigt mit Ultraschall und das wirklich porentief. Ist bei uns die Standardbehandlung bevor Platten digitalisiert werden.
      Für alte Platten vor 1955 gehört auch der passende Satz an Nadeln mit unterschiedlichen Winkeln dazu. Der Hörgenuss dankt.

      1. Habe ich. Das Problem ist nur, dass man sie regelmässig benutzen muss. Wenn man das Wasser ablässt und die Gläss ein paar Monate stehen lässt, vertrocknen die Dichtungsfugen und das Ding wird undicht. Gläss repariert nicht sondern tauscht nur aus mit Rabatt. Habe deshalb die zweite.

        Hast du eine Firma, die LPs digitalisiert? Spezialnadeln vorrätig? Da müssen einige Dreher stehen. Du scheinst tief im Thema drin zu sein. Schade, dass es hier nicht reinpasst: Ich wäre sehr interessiert zu erfahren, wie/womit du digitalisierst.

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