
Ich bin ja derzeit dabei, das Buch, das ich 1995 über das Kriegsende in Nürnberg geschrieben habe, zu überarbeiten. Und natürlich bin ich durch Erfahrung schlau geworden und misstraue Quellen. Und Lobhudeleien und Bundesverdienstkreuzen.
Ich habe damals – es gab noch kein Internet, wie wir es heute kennen, nur Papier im Archiv -wochenlang mit einem Textverarbeitungssystem, einer Art Schreibmaschine mit Diskette, im Stadtarchiv gesessen und wild alles abgetippt, was mir in die Finger gekommen ist und mit dem Thema zu tun hatte. Das waren ja alles Originale, auch die OMGUS-Akten, die gerade freigegeben worden waren, gab’s nur einmal. Kopieren war nicht. Abschreiben. Fünfundfünfzig, eng beschriebene A4-Seiten waren es zum Schluss. Das hat nicht in die 120 Seiten A5 gepasst, die das Buch nur haben durfte. Also habe ich ganz viel weggelassen.
Bei meiner Überarbeitung füge ich nun Infos an, die damals nicht zugänglich waren, neuere Entwicklungen und ich recherchiere eben auch zu Personen. Dabei findet man gelegentlich bei Bundesverdienstkreuzträgern die NSDAP-Mitgliedsnummer. Und ich finde Dinge, von denen ich die Originalunterlagen gesehen habe, die teilweise haarsträubend falsch erzählt werden.
Aber gelegentlich lösen sich auch Vorurteile auf. So ist in meinen Unterlagen von Frau Elisabeth Meyer-Spreckels die Rede, die die Amis auf dem Kieker hatten, weil sie von der evangelischen Kirche als einzig wählbare Kandidatin bei den Wahlen 1946 promotet wurde. Was natürlich rein demokratisch nicht so ganz sauber ist. Und da die Amis von der CSU ja so gaar nichts hielten – lauter kleine Nazis und Frauen von Nazis – habe ich mir gedacht, schau ich mal, was die gute Frau Meyer-Spreckels so vor 45 gemacht hat.
Nichts.
Sie hat in den 20ern ihren Doktor der Chemie gemacht und ist dann bis 45 abgetaucht. Dort war sie auf einmal an der Gründung der CSU beteiligt, war in der Kommission, die die bayerische Verfassung ausbaldowert hat – ja genau, die einzige in Deutschland, in der die Todesstrafe nicht abgeschafft war – und die in Fürth ein Wohnheim für “arbeitsentwöhnte, nichtseßhafte Mädchen in truppenbesetzten Gebieten” gegründet hat. Das gibt’s heute noch, aber Ende der 90er Jahre haben sie den Namen doof gefunden und jetzt heißt das “Wohnheime Frühlingsstraße”. (Quellenkritik: Das Fürth Wiki behauptet, sie sei “Dr. phil”, das Haus der bayerischen Geschichte sagt “Dr. rer.nat”. Da sie Chemie studiert hat, müsste es, wenn “Dr. phil.nat” heißen. )
Für eine völlig unpolitische Frau eine erstaunliche Karriere. Sie wurde auch sofort in den Fürther Stadtrat gewählt und war dort die CSU-Chefin. Es gibt von ihr kaum etwas, außer ein paar Zeilen eines Berichts vor dem bayerischen Verfassungsausschuss, bei dem Sie ihre Auffassung von Ehe vorstellte:
Meine Herren, meine Damen! Der Abschnitt „Ehe und Familie“ ist wohl nur sehr kurz gefaßt, er umfaßt
nur vier kurze Artikel. Trotzdem halte ich ihn für den gewichtigsten innerhalb der Verfassung, da es doch in diesem Artikel um das Persönliche des Menschen geht und zugleich ganz nüchtern gesagt um die Erhaltung der Volkssubstanz. Ohne eine Wesensbestimmung von Ehe und Familie zu geben, rückt die Verfassung Ehe und Familie in den Bereich des Heiligen.
[…]
Gegen den fortdauernden Zerfall der Ehe, gegen die erschreckenden sexuellen Zügellosigkeiten, gegen
den sexuellen Materialismus, der ja fast in den Bereich des Strafbaren geht, müssen wir einen Damm
aufrichten, einen Damm der Reinigung und Gesundung, auch gegen die doppelte Moral von einst und
gegen die beiderseitige Unmoral von heute.
Wer das ganze Dokument lesen will: Hier.
Was war mit ihrem Mann? Das war ein Fürther Arzt. Dr. Heinrich Meyer. Zu dem ist nur eines bekannt: dass er nach dem Krieg der Cheffe der Fürther Freimaurer-Loge war. Die Freimauerer behaupten, er wäre ein mutiger Mann gewesen, der auch nach 1933 noch Juden in seiner Praxis behandelt habe. Ein anderer Freimaurer wäre auch mutig gewesen, er habe die Bücher der Freimaurer aus der Pegnitz gerettet, die die Nazis reingeworfen hätten.
Ich habe keine belastbaren Hinweise gefunden, was die beiden im dritten Reich gemacht haben. Das Wording mit der “Volkssubstanz” kann dem Zeitgeist geschuldet sein und die grassierende Unmoral – die Dame war zu Kaisers Zeiten aufgewachsen und hat während des ersten Weltkriegs studiert. Vielleicht waren das noch Nachwirkungen…
Auf jeden Fall hat sie das Bundesverdienstkreuz gekriegt und wird sowohl von der evangelischen Kirche als auch von der Staatsregierung und der CSU immer noch gefeiert, es gibt sogar ne Straße mit ihrem Namen. Und nein, sie hat nie was mit Chemie gemacht, bis 1922 hat sie noch als Dozentin gearbeitet, dann, mit 32 Jahren ist sie mit Dr. Meyer nach Fürth gezogen und bis 45 nicht mehr greifbar gewesen.
Aber – und deswegen habe ich diesen Artikel geschrieben – ich kann nichts Böses über sie schreiben. Ich bin mit der Erwartungshaltung an die Recherche gegangen, dass da zwei bis drei Leichen im Keller liegen – und habe keine gefunden. Also muss ich geistig zurückrudern, den “Confirmation Bias” besiegen und sagen “OK, die Frau ist sauber” und dass die Kirche sie mit unfairen Mitteln promotet hat, dafür kann sie ja nichts.
Ergebnisoffene Recherche. Wenn man im Laufe der Recherche feststellt, dass man einem Phantom nachgejagt ist, dann muss man das auch vor sich eingestehen. Ab und zu passiert es, dass man nach der halben Recherche nen Artikel raushaut – hier zum Beispiel nach der “Volkssubstanz” – und dann nach der ganzen Recherche sich wünscht “hätt ich nur nicht”. Dann muss man eben so ehrlich sein und sich hinstellen und sagen “Sorry, Scheiße gebaut.”
Und jetzt recherchiere ich weiter.
In Hessen wurde die Todesstrafe formal erst 2018 abgeschafft; 10 Jahre nach Bayern. So ist zumindest mein Kenntnisstand.
Da sieht man es mal wieder. Unvollständige Recherche. Uns wurde in der Schule beigebracht, dass die Bayern die einzigen waren, in deren Verfassung die Todesstrafe noch drin war. Da hatte mein Lehrer anscheinend nicht die Wiesbadener auf dem Schirm…
Ich erlaube mir den Hinweis, daß ich 1974 in Heidelberg, Fakultät Chemie, zum “Dr. rer. nat.” promoviert wurde.
Das mit der Todesstrafe kann ich bestätigen. Mein damaliger StrafrechtProf. (Albrecht) hat uns in der Goethe Uni in Ffm bei den Strafrecht Arbeiten sehr gerne abstruse Fälle präsentiert, wo ausdrücklich der “hessischen” Sonderlösung Rechnung getragen werden sollte.